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Seattle - San Francisco 1994

Tag

Strecke

Kilometer

   1.Tag, Fr.

  Ankunft Seattle, Fahrt nach Fain Bain Bridge

34 km

   2.Tag, Sa.

  Fain Bain Bridge - Sequim Bay

82 km

   3.Tag, So.

  Sequim Bay - Lake Crescent

87 km

   4.Tag, Mo.

  Lake Crescent - Mora

74 km

   5.Tag, Di.

  Mora - Hoh Rain Forest

74 km

   6.Tag, Mi.

  Hoh Rain Forest - Lake Quinault

122 km

   7.Tag, Do.

  Lake Quinault - Ocean City

73 km

   8.Tag, Fr.

  Ocean City - Raymond

73 km

   9.Tag, Sa.

  Raymond - Ft. Stevens

122 km

 10.Tag, So.

  Ft. Stevens - Barview

98 km

 11.Tag, Mo.

  Barview - Kape Kiwanda

78 km

 12.Tag, Di.

  Kape Kiwanda - Dunes City

86 km

 13.Tag, Mi.

  Dunes City - Cape Arago

97 km

 14.Tag, Do.

  Cape Arago - Cape Blanco

94 km

 15.Tag, Fr.

  Cape Blanco - Brookings

112 km

 16.Tag, Sa.

  Brookings - Prairie Creek

102 km

 17.Tag, So.

  Prairie Creek - Ferndale

117 km

 18.Tag, Mo.

  Ferndale - Benbow Lake

110 km

 19.Tag, Di.

  Benbow Lake - Mc. Kerricher

99 km

 20.Tag, Mi.

  Mc. Kerricher - Gualala

108 km

 21.Tag, Do.

  Gualala - Bodega Dunes

82 km

 22.Tag, Fr.

  Bodega Dunes - Olema

60 km

 23.Tag, Sa.

  Olema - Point Reyes

72 km

 24.Tag, So.

  Point Reyes - San Francisco

60 km

 

 Gesamtstrecke

2211 km


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bitte ein Foto anklicken

Westcoast Take Away m

Westcoast Brücke nach Oregon m

Westcoast La Push m

Westcoast Strand m

Westcoast Bandon Beach m

Westcoast Cape Sebastian m

Westcoast Hwy 1 Titelbild m

Westcoast Hwy 1 m

Westcoast Golden Gate m

Westcoast SF Fishermens Wharf m


Anreise

Die meisten Fluggesellschaften bedienen die Pazifikküste von Deutschland aus. Eine lohnenswerte Alternative ist die niederländische Fluggesellschaft Martinair, die von Amsterdam aus Seattle und San Francisco (Oakland) nonstop anflog. Dabei kann vorzugsweise ein Gabelflug gebucht werden, und zwar am besten nach Seattle und von Oakland zurück.

Radtransport

Der Radtransport in Amerika geschieht für den Fall der Fälle am zweckmäßigsten mit den Überlandbussen wie z.B. Greyhound. Dabei ist zu beachten, daß die Räder verpackt sein müssen und außerdem der Lenker schräg zu stellen ist. Auch beim Taxitransport z.B. vom letzten Hotel zum Flughafen müssen die Räder eingepackt sein. Es wird sonst in der Regel zu Schwierigkeiten mit den Fahrern kommen.

Reisezeit

Die schönste Jahreszeit ist von Anfang Juni bis Anfang September zu erwarten. Leider ist dann auch Hauptsaison für die Amerikaner. Dementsprechend voll sind die Zeltplätze, und natürlich auch die wenigen Straßen. In der Nachsaison beginnen die Tage wieder sehr kurz zu werden, was die maximale Tagesleistung begrenzt. Das Klima in der Hauptsaison ist ideal für Radfahrer. Zu sonnigen Tagen gesellt sich meistens ein Wind aus Nordwest, der auch die seltenen heißen Tage erträglich macht. Es muss immer mit ausgedehnten Regenfällen gerechnet werden. Sonst ist fast immer Frühnebel an der Küste anzutreffen.

Routenplanung

Die Tour folgt der pazifischen Nordwestküste von Seattle nach San Francisco. Dabei werden die Bundesstaaten Washington, Oregon und Kalifornien durchquert, wobei sich immer wieder fantastische Aussichten bieten. Die Landschaft wechselt von ausgedehnten Regenwäldern zu bewaldeten Küsten, rauen Steilküsten und Dünengürteln. Den krönenden Abschluss bildet die Superstadt San Francisco, für die es sich erübrigt, lange Reden zu schwingen. Mit durchschnittlich 90 km hielten sich die Tagesetappen in Grenzen, so dass ausreichend Zeit für Pausen in grandioser Natur verblieb.

In der Zeit von Mai bis Oktober sollte man unbedingt die Fahrtrichtung von Norden nach Süden wählen. Ansonsten kann der oft steife Wind aus Nordwesten zur fürchterlichen Qual werden. Außerdem radelt man so immer direkt an den vielen Küstenaussichten entlang und hat nicht die Straße mit dem Verkehr zwischen sich und dem Meer. Weiterhin sind die Seitenstreifen für den Radler in südlicher Richtung häufiger und breiter anzutreffen, so dass man sich nicht dauernd hautnah am Verkehr bewegen muss. Nur der Highway 1 ist fast durchgängig ohne Seitenstreifen und mit oft sehr schmalen Fahrbahnen ausgestattet.

Die Tourencharakteristik hat im allgemeinen Mittelgebirgscharakter, was ein dauerndes schweißtreibendes Auf und Ab zur Folge hat. Dabei müssen auch schon einmal siebenhundert Höhenmeter und mehr an einem Tag bewältigt werden. In Oregon beträgt zum Beispiel die Gesamthöhendifferenz knapp fünftausend Meter auf sechshundert Kilometer!

Straßenzustand

Die Straßen sind nur streckenweise in einem sehr guten Zustand. Oft liegt der Seitenbereich voller Glassplitter oder ist übersät mit Rollsplitt und kleinen Steinchen. Immer wieder ist der Seitenbereich bei Ausbesserungsarbeiten nicht ausreichend beachtet worden. Daher fehlt stellenweise der neue Belag, oder festgebackene Asphaltreste sind nicht entfernt worden, was den Radler regelmäßig erschüttert. Unseres Erachtens sind schon aus diesem Grund die schmalen und empfindlichen Rennreifen nicht zu empfehlen 

Übernachtungen

Die für Amerika übliche Motelunterbringung funktioniert auch hier, jedoch haben die Häuser nicht die großen Ausmaße wie in den Ballungsräumen. Bekannte Motelketten sucht man fast immer vergebens. Die beste und unkomplizierteste Art der Übernachtung ist für den Radler aber zweifelsohne das gute alte Zelt.

Die vielen privaten und staatlichen Plätze liegen aufgereiht wie Perlen am Weg. Die Einrichtung der hiker-biker Bereiche auf den staatlichen Plätzen sorgt auch bei ansonsten vollem Platz immer noch für einen Stellplatz. Also unbedingt auch bei herausgehängtem Schild "campground full" nicht aufgeben und nachfragen. Auf den meisten Plätzen kann man am Zelt ein Lagerfeuer entfachen, wobei das notwendige Holz beim Platzwart erhältlich ist. Holzbänke und Tische an jedem Stellplatz sind hier eine Selbstverständlichkeit.

Verpflegung

Die Fastfood Kultur der Amerikaner macht auch vor dem pazifischen Nordwesten nicht halt. In jeder noch so kleinen Stadt gibt es entsprechende Anlaufstellen, die das große Frühstück oder ein schnelles Lunch bieten. Erfreulich ist die Tatsache, dass die Gegend überwiegend von den großen Kettenrestaurants verschont geblieben ist und sich der "home made Burger" mit gigantischen Ausmaßen und hervorragendem Geschmack hervortut. Unterwegs bietet sich fast jeden Tag mehrmals die Möglichkeit eine Grocerie (Tante-Emma-Laden) anzulaufen, um dort das Wichtigste für den Tag einzukaufen. Einzig der Highway 1 ist sehr spärlich mit Versorgungsmöglichkeiten ausgestattet, so dass man dort jede Gelegenheit  zum Einkauf nutzen sollte.


Reisebericht:        (Texte quer ausdrucken)

 Washington

Da ist es wieder, dieses kribbelnde Gefühl im Bauch, das wir so oft bei der Annäherung an ein fernes und unbekanntes Ziel haben. Minuten später hat die Maschine Bodenberührung und rumpelt über das Rollfeld des Seattle/Tacoma Airports zur Gangway. Wir sind in den USA! Unser Abenteuer im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kann beginnen.Über zweitausend Kilometer wollen in den nächsten 30 Tagen bewältigt werden, bevor als krönender Abschluss mit San Francisco noch das Traumziel der amerikanischen Westküste auf uns wartet.

Endlich fliegen die Beine wieder im Kreis der Kurbeln und das Radlerherz jubelt wie schon lange nicht mehr. Dazu trägt auch der praktisch nicht vorhandene Straßenverkehr an diesem sonnigen Samstagnachmittag bei. Das breite vielspurige Asphaltband führt schon bald an den weitläufigen Boeingwerken und Flugfeldern vorbei, direkt auf die senkrecht in den blauen Himmel wachsenden Hochhäuser von Seattle-downtown zu. Im Berufsverkehr muss dieser Weg der reinste Horrortrip sein, doch jetzt sind wir hier fast allein auf unserem Weg in die Stadt. Beim Weiterfahren scheint es so, als wollen die Wolkenkratzer uns verschlucken. Es ist fast ein wenig unheimlich, als wir einsam am Fuß dieser Riesenbauten aus Stahl und Glas entlang rollen. Der Blick nach oben lässt uns beim Fahren fast schwindelig werden. Wir steigen lieber ab und schieben die kurze Strecke bis zum Hafen, die Augen mehr nach oben als nach vorne gerichtet. Wir wollen unbedingt die nächste Fähre über den Puget Sound nach Winslow nehmen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit den ersten Zeltplatz zu erreichen. So bleibt auch nicht viel Zeit, die freundlich wirkende und für die USA so untypische Innenstadt zu erkunden.  Nur zu gerne würden wir uns in eines der einladenden Straßencafés in der belebten Fußgängerzone setzen, um dem bunten Treiben ein wenig zuzuschauen. Aber die Aussicht auf die dann in dieser Metropole notwendig werdende Zimmersuche schreckt uns zu sehr ab.

Der Parkplatz am Pier 52 ist gut mit PKW gefüllt, die mit uns auf die Fähre warten. Entgegen allem bisher auf unseren Touren Erlebten werden wir vom Personal streng zur Seite gerufen, als wir uns an der Blechschlange vorbei nach vorne mogeln wollen. Wir müssen warten, bis das letzte Auto an Bord ist, und bekommen dann die knappe Anweisung loszufahren. Freundlichkeit oder offene Zuneigung für uns Radler scheint es hier nicht zu geben. Vielmehr kommen wir uns wie Fremdkörper vor. Bei der Überfahrt stehen wir Arm in Arm am Heck der Fähre und schauen noch lange auf die langsam kleiner werdende Skyline und die dunkel dahinter aufragende Bergkulisse zurück. So imposant und sehenswert diese Stadt mit ihrem futuristischen Turm "Space Needle" auch sein mag, uns zieht es hinaus in die Einsamkeit. Weg von Lärm, Hektik und Gestank der Großstadt und hinein in die beschauliche Ruhe der Natur, die nun in den nächsten vier Wochen hoffentlich vor uns liegen wird.

Nach Ankunft des Schiffes im geschäftigen Winslow ist das erste Ziel zunächst ein Supermarkt, wo erst einmal die Provianttasche randvoll aufgefüllt wird. Da jetzt das heutige Abendessen gesichert ist, fährt es sich wesentlich gelassener bis zum nächsten Campground. Bald ist auch schon das Eingangsschild des Zeltplatzes zu sehen. Doch wir sind entsetzt: Unübersehbar hängt dort eine Tafel mit den großen Buchstaben "Campground full". In Gedanken sehen wir uns schon stundenlang eine Unterkunft suchen, denn einen anderen Zeltplatz gibt es hier weit und breit nicht. Trotzdem fahren wir auf das Gelände, um den Platzwart zum Einlenken zu überreden. Für unser Minizelt benötigen wir doch nur einen winzigen Platz an irgendeiner Ecke. Mit betont leidendem und mitleidserregendem Gesichtsausdruck geht's zur Anmeldung. Das jedoch wäre überhaupt nicht notwendig gewesen. Der Platzwart erzählt, dass fast auf jedem Zeltplatz an der Westküste spezielle Bereiche nur für Tramper und Radfahrer freigehalten werden. Diese sogenannten „hiker/biker“-Parzellen liegen landschaftlich meist sehr schön, ein wenig abgegrenzt und ruhig am Rand des Platzes. Dabei ist hierfür nur ein Teil der normalen Platzgebühr zu entrichten. Wenn das wirklich überall zutreffen sollte, dann wären wir jegliche Sorge mit der allabendlichen Stellplatzsuche auf den oft belegten Campingplätzen los.

Mit schlappen Beinen geht es am nächsten Morgen wieder erwartungsvoll weiter, jedoch nicht, ohne noch einmal zum Strand hinuntergegangen zu sein. In der Ferne ist auf der anderen Seite des Wassers deutlich das Zentrum von Seattle zu sehen. Gleich daneben erkennt man wieder den Mt. Rainier, dessen Gipfel sich heute hinter dichten Wolken versteckt. Nadelwald umgibt uns bald und versperrt dabei die Sicht auf die nahe Küste. Der Magen knurrt, doch die Kilometer bis zum nächsten Ort ziehen sich in die Länge.

Dann endlich kommen die außerordentlich hübschen Häuser des Städtchens Poulsbo näher, das hier deswegen auch "Klein-Norwegen" genannt wird. Obgleich derartige Vergleiche der Amerikaner fast immer hinken, läßt sich eine gewisse Ähnlichkeit nicht verleugnen. Da heute hier so eine Art verkaufsoffener Sonntag ist, haben die Läden entlang der kleinen Geschäftsstraße ihre Waren auf die Straße geschoben. Die Autos der Besucher bleiben ausgesperrt, und so flanieren die Leute ruhig über den Asphalt. Wir mischen uns mit den Rädern unter sie, und wieder werden wir begafft wie Verrückte. Es scheint hier vollkommen unüblich zu sein, sich vollgepackt auf zwei Rädern fortzubewegen.

Bald darauf rollen die Räder auch schon auf dem legendären Highway 101, der ab jetzt für viele Kilometer unseren Weg darstellt. Mit der Ruhe der Natur wird es leider bis auf weiteres erst einmal nichts. Starker Ausflugsverkehr teilt sich am heutigen Sonntagnachmittag mit uns die dunkle Straße und nervt uns dabei gewaltig. Vielleicht reagieren wir nach dem langen Flug aber auch nur noch ein wenig überempfindlich. Auf jeden Fall sind wir doch sehr froh, als das Zelt bereits am späten Nachmittag im Schutz hoher Bäume steht und wir unsere wohlverdiente Ruhe haben.

Auf dem Weg zum Lake Crescent nimmt der Verkehr deutlich ab. Ungestört rollen wir bald am Ufer des langen, ruhigen Sees entlang. Die schmale Straße windet sich überwiegend direkt am Wasser entlang, während rundherum dicht bewachsene Berge aufragen und den Abend in eine unheimliche Stimmung tauchen. Nur selten stört noch einer der riesigen Holztransporter die Ruhe der Natur und läßt uns beim Vorbeifahren die Haare zu Berge stehen. Mit unverminderter Geschwindigkeit rasen die rollenden Ungetüme maximal einen Meter neben uns her. Feiner Holzstaub, der von den geladenen Baumstämmen herunterweht, brennt in den Augen. Der plötzliche Sog erfordert die volle Konzentration. Ein kleiner Schlenker mit dem Rad könnte das vorzeitige Ende der Tour bedeuten, bevor diese richtig begonnen hat.

Doch so schnell wie sie gekommen sind, verschwinden die Holztransporter auch wieder hinter der nächsten Biegung, und die Stille kehrt zurück. Der Grund für diese lästigen Transporte wird uns auf dieser Tour oft deutlich vor Augen gehalten: Gerade hier in Washington ist der Wald ganz charakteristisch durch die riesigen Abholzungsgebiete der großen Holzgesellschaften gezeichnet. Auf riesigen Flächen wird im Akkord der Wald gerodet und dann mit den Trucks abtransportiert. Die nachfolgende Aufforstung dient nur dem Zweck, in vielen Jahren das nachgewachsene Holz wiederum abschlagen zu können. Große Holztafeln informieren den Vorbeifahrenden über die Daten des ersten Kahlschlages, die folgende Aufforstung und auch schon über das nächste geplante Abholzen, hier Ernte genannt. Für Kritiker gibt es einen Hinweis, der fast wie eine Entschuldigung aussieht: "jobs grow with trees" - Arbeit wächst mit den Bäumen. Doch gerade hier, "wo die Arbeit mit den Bäumen wächst", fällt ein sehr niedriger Lebensstandard auf. Vergleicht man die Situation mit deutschen Verhältnissen, ist man gar geneigt, von Armut zu sprechen. Die Häuser sind alt und sehen oft baufällig aus. Die meisten auf den Grundstücken stehenden Autos würden beim deutschen TÜV nicht mehr vom Hof gelassen. Vieles sieht vernachlässigt und verfallen aus. So etwas haben wir in den reichen USA nicht vermutet. Und doch werden diese Bilder immer wieder unsere Fahrt begleiten.

Nachdem nun fast 300 Kilometer hinter uns liegen, erreichen wir in Mora die Grenze zum Rialto State Park. Hier ändert sich der bisherige Eindruck fast schlagartig, denn wir bestaunen einen noch ursprünglich erscheinenden Urwald. Dicht und urtümlich lässt er der Sonne keine Chance, den Waldboden zu erreichen. Sein Blätterdach strahlt, wie indirekt beleuchtet, in allen Nuancen des grünen Farbspektrums. Bis direkt an die Küste reicht diese grüne Seelennahrung heran, die uns schlagartig versöhnlich stimmt. Unsere Seele  tankt auf, und wir sind gespannt, wie sich uns der Pazifik darstellen wird. Aber was sich dann vor unseren Augen auftut, übertrifft jegliche Erwartung an dieses erste Rendezvous mit dem offenem Meer.

Der Rialto Beach ist der erste dieser bald vielfach auftauchenden Postkartenstrände auf unserer Reise. Im weichen Sonnenlicht des späten Nachmittags liegen unzählige Riesenbaumstämme wild durcheinander an der Hochwasserlinie im warmen, weichen Sand. Von mächtigen Gebirgsbächen ins Meer gespült, oder von den Abbruchkanten der Steilküsten hineingestürzt, waren sie lange der unglaublichen Kraft von Wind, Sand und Wellen ausgesetzt. Da liegen sie nun, ohne Rinde, weiß und glattgeschliffen in der Sonne, um vom nächsten Sturm wieder umgebettet zu werden. Die kühne Wildheit dieses Küstenstreifens beeindruckt uns sehr. Selten sonst haben wir die unglaublichen Kräfte der Natur eindrucksvoller spüren können. Als die untergehende Sonne alles in einen goldenen Schein taucht, sitzen wir noch immer auf einem dieser holzigen Kolosse und lassen den Blick vorbei an den spektakulär im Wasser liegenden Felsen in die Ferne streifen.

Der nächste Tag führt schon wieder weg von der Küste, hinein ins Innere dieser Olympic-Halbinsel. Das Ziel ist der klägliche Rest des kalten undurchdringlichen Regenwaldes, der einst die gesamte Halbinsel überwucherte, bis die Profitgier des weißen Mannes auch diese Einnahmequelle entdeckte. Auf dem Weg zum geschützten Hoh Rainforest liegt oftmals der Duft von frischem Holz in der Luft, den immer wieder die riesigen Holz- und Spänetransporter hinter sich herziehen. Beerensträucher überwuchern die Böschungen rechts und links des Weges. Dicke reife Früchte hängen schwarz zwischen dornenbewehrten Ästen und verleiten den Reisenden zu einem süßen Zwischenmahl. Leider sind sie aber an den Straßenrändern nicht zum Verzehr zu empfehlen, denn überall werden hier Chemikalien gespritzt. Also weichen wir, wenn möglich, ein paar Meter neben der Straße ins Gebüsch aus, in der Hoffnung, dass dort das Gift nicht hingeweht ist. Die Beeren hängen so dicht, dass man sich satt essen kann, ohne auch nur einen Schritt zu gehen.

Dann kommt endlich der Abzweig nach Upper Hoh, zum ursprünglichen Regenwald. Schon der Weg dorthin ist außerordentlich sehenswert, und wir sind wieder einmal froh, derart langsam dahingleiten zu können. Nur so ist es uns möglich, alle Eindrücke in Ruhe aufzusaugen. Es ist ein phantastisches Gefühl, zwischen diesen über 100 Meter hohen Giganten hindurch zu fahren. Wo sonst außer an der Westküste der USA ist das noch möglich? Diese Bäume standen schon hier, als in der alten Welt noch niemand an Amerika dachte. Und nun, nur einen kurzen Augenblick weiter in der Geschichte, sind sie die letzten Zeugen einer fast vergangenen Wildnis. Sporadisch wechselt die Vegetation immer wieder ihr Gesicht. Der Wald wird plötzlich niedriger. Die Äste der Bäume sind jetzt über und über mit Moosen, Flechten  und tief herabhängenden Schlingpflanzen überzogen. Man kann deutlich erkennen, dass diese Gegend zu den niederschlagreichsten Gebieten in Nordamerika gehört, denn alles wuchert üppig in diesem feuchtkalten Klima. Das Ende der Straße ist viel zu schnell erreicht. Vor uns liegt die Olympic Range, die letzte große Wildnis dieser Halbinsel, überragt vom Mt. Olympus mit seinen weißen vergletscherten Flanken. Am Visitor Center fallen einem gleich die großflächigen Warnschilder auf, die lauernde Gefahren für den Wanderer aufzeigen sollen. Überrascht lesen wir darunter auch die angeblich ernstzunehmenden Hinweise für den Fall der Begegnung mit einem Puma. Dass hier eine der letzten großen Populationen der seltenen Berglöwen ihre Heimat hat, nehmen wir teils mit Schaudern und teils mit Begeisterung wahr. Doch unser Weg durch die grüne Hölle liegt wohl immer noch zu nahe an der Zivilisation. Wilde Tiere verstecken sich vor uns, und wir müssen mit einer Flora vorlieb nehmen, die uns üppig umgibt und oft einen faszinierenden Ausgleich darstellt. Stellenweise fühlt man sich zwischen diesen dicht überwucherten Bäumen und buschigen Farnen wie in einem Hexenwald. Ein nur gedämpft durch die grünen Wipfel dringendes Tageslicht tut sein Übriges dazu. Die Luft ist kühl und die Stille fast bedrückend. Andächtig schreiten wir auf weichem Moos weiter. Schade nur, dass sich der Wald nicht überall von dieser schaurig schönen Seite zeigt.

In gewohnter Umgebung kommt der Wunsch nach ein wenig Abwechslung immer stärker auf. Wie auf Bestellung erlöst uns schon bald das Rauschen der Brandung. Wir drängen geradezu ans Wasser. Zu unserer großen Überraschung können wir hier zwischen Pacific Beach und Ocean City die raue Asphaltdecke gegen den festen, feuchten Sand des Strandes eintauschen. Dieser ist gut befahrbar, und sogar unsere schwer beladenen Räder sinken nicht ein. Diesen Umstand machen sich natürlich auch viele andere Leute zunutze, um ihre Vehikel aller Art fortzubewegen. Auf dem kilometerlangen Sandstreifen verteilt sich aber alles sehr gut, so dass kein Gefühl der Enge aufkommt. Die ungeheure Breite teilen sich im schnellen Galopp daherfliegende Reiter mit langsam flanierenden Paaren, knatternden Motorrädern und etlichen Autos. Mit dröhnenden Lautsprechern bewegen die Fahrer ihre blitzenden Karossen hin und her. Den dabeisitzenden jungen Mädchen scheint das im Gegensatz zu uns sehr gut zu gefallen. Unzählige bunte Drachen stehen am tiefblauen Himmel. Einige der lenkbaren Modelle vollführen eine wilde Pirouette nach der anderen. Doch irgendwann stürzen auch sie mit lautem Krachen in den Sand. Uns zieht es so nahe wie möglich zum Wasser. Bei ablaufender Ebbe bleiben viele Meeresbewohner auf dem Sand oder in den flachen Gezeitentümpeln zurück. Später werden letztere auch trocken daliegen und den sich darin befindlichen Wesen zum Verhängnis werden. Wütend schreien die Möwen auf, die wir wohl beim Abendmahl am reichlich gedeckten Tisch stören.

Oregon

Der Straße nähert sich nun das Ufer eines breiten Stromes, der ein paar Kilometer weiter in den Pazifischen Ozean mündet. In der Ferne taucht die schwache Silhouette einer langen Brücke über den Columbia River auf, der über viele Kilometer die Grenze zwischen den Bundesstaaten Washington und Oregon darstellt. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß die Astoria Bridge weit und breit die einzige Straßenverbindung der beiden Nachbarstaaten darstellt. Das hat natürlich zur Folge, daß die Verkehrsdichte dementsprechend stark anschwillt. Den größten Teil der 6 km langen Verbindung können wir flach dahinrollen. Mitten auf der Brücke empfängt den Reisenden dann ein Schild "Entering Oregon". Im letzten Drittel steigt diese dann noch steil an, um auch großen Ozeanschiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Wir sind heilfroh, daß zur Zeit nur eine schwache Brise von der Seite bläst und den Radlern nur geringe Probleme bereitet. Nur zu leicht kann man sich vorstellen, wie es hier oben in luftiger Höhe einem Radler bei Sturm ergehen mag.

Da wir Städte so oft wie möglich meiden, lassen wir auch Astoria links liegen und nehmen direkt Kurs auf den Ft. Stevens State Park. Dort ist in historischer Umgebung einer der wenigen Großcampingplätze des Landes etabliert worden. 10 km herrlich angelegter Park-Radweg locken uns später noch einmal auf den Sattel. Die Strecke ist eine asphaltierte bike-lane inmitten einer wunderschön bewachsenen Dünenlandschaft. Schade nur, daß es solche autofreie Radwege hier nicht öfter gibt. Mit ein wenig Phantasie fühlt man sich schnell an Norderney erinnert. An einem hölzernen Aussichtsturm direkt am Meer endet die Spritztour.

Ein weiterer Höhepunkt an der Westcoast Oregons ist Cannon Beach. Um einen Panoramablick von oben auf die Felsen und die Umgebung genießen zu können, bedarf es zunächst einer schweißtreibenden Kraftanstrengung. Über mehrere Kilometer müssen wir steil hinauf zum Ecola State Park. Doch wir haben Glück, denn der uns umgebende Wald spendet kühlen Schatten. Bald geht es auch schon wieder kurvenreich bergab, aber wir jubeln zu früh. Wir haben es doch noch nicht geschafft, und noch einmal müssen wir nach der nächsten Biegung kräftig in die Pedale treten. Erst das Kassenhäuschen der Parkverwaltung signalisiert das Ende der Strapaze. Breit grinsend erwartet uns schon ein freundlicher Ranger. Auf die Frage nach der Gebühr für die Parkbenutzung winkt er ab. Er gibt uns zu verstehen, daß wir schon genug getan hätten, beim Weg hier hinauf, und lässt uns gratis einfahren. Mit solch einer freundlichen Geste haben wir nicht gerechnet, und gut gelaunt geht's noch ein kurzes Stückchen weiter. Der prächtig gelegene Park bietet hier eine grandiose Aussicht aus der Vogelperspektive auf den Cannon Beach. Wie auf einem überdimensionalen Balkon steht ein Tisch mit einer Bank am steilen Abgrund. Wir lassen uns zu einem ausgedehnten Imbiss vor dieser Traumkulisse nieder. Tief unter uns formen die überschlagenden Wellen einen brodelnden Schaumteppich, bevor sie sanft am breiten goldgelben Sandstrand ausrollen. Wie klein doch von hier oben aus die im Wasser stehenden riesigen, nackten Felsblöcke erscheinen. Dunkler harter Fels kämpft hier seit Menschengedenken gegen die rohe Gewalt der See, um schließlich doch nur zweiter Sieger zu sein. Der direkte Vergleich der steinernen Brocken mit den dort unten herumlaufenden Menschen lässt näherungsweise einen Größenvergleich zu. Nach ausgiebiger Rast fahren wir etwas später schon wieder auf Meereshöhe in Strandnähe weiter. Die ruhige Nebenstraße bietet viele prachtvolle Ausblicke auf das Meer und die nun nahe liegenden Felsen. An dieser Stelle sind die besten Voraussetzungen für einen herrlichen Strandurlaub gegeben, und doch erscheint alles noch ein wenig beschaulich.

Oregon bezeichnet sich selbst vollmundig als ein Paradies für Radfahrer. Die somit nicht grundlos gesteigerte Erwartungshaltung findet sich zunächst auch bestätigt. Wie teils auch in Washington, gibt der mehr oder weniger vorhandene Seitenstreifen dem Radler den lebensnotwendigen Abstand zu den Trucks und besonders zu den Motorhomes. Im Gegensatz zum Nachbarstaat ist dieser Seitenstreifen jedoch oft deutlich und für alle erkennbar als autofreie Fahrradspur gekennzeichnet. Beim ersten Anlauf eines Visitorcenters erlebt der sich auf zwei Rädern bewegende Tourist eine weitere Überraschung. Hier wird ihm nämlich auf Nachfrage kostenlos eine spezielle Radkarte der gesamten Küste Oregons überreicht. Diese erstklassige Reisehilfe ist mit exakten Angaben von Entfernungen, Höhendiagrammen, Zeltplätzen, Serviceeinrichtungen und anderen nützlichen Dingen ausgestattet. Besonders hervorzuheben sind etliche Vorschläge für wenig befahrene Alternativen  zum Highway 101. Außerdem sind viele weitere wichtige Reisehinweise für Radler darin enthalten, so daß das erste Ziel in Oregon wirklich eines der häufig am Weg liegenden Visitorcenter sein sollte.

Eine der angebotenen Steckenvarianten trägt den hochtrabenden Namen "Three Cape scenic route" und so überlegen wir nicht lange. Statt den kürzeren Weg abseits der Küste zu fahren, werden wir durch eine gute Beschilderung wieder in die Sichtweite zum Meer geführt. Obwohl es sich jetzt wieder ruhig und fast ohne Verkehr dahinradeln lässt, sind wir am Cape Mears noch ein wenig enttäuscht. Unter uns liegt ein höchst gewöhnlicher Küstenabschnitt, der gegenüber den hinter uns liegenden deutlich abfällt. Wir hatten doch etwas mehr erwartet. Sind wir schon durch die vergangenen Eindrücke zu verwöhnt, oder haben wir heute nicht den richtigen Blickwinkel für die Natur? Das Cape Lookout entschädigt dann wieder für die entgangenen Eindrücke mit dem Beginn eines Küstenabschnittes, der jedem Bildband zur Ehre gereichen würde. Felsen wechseln sich mit sandigen Buchten ab, in denen die anrollende Brandung ein abenteuerliches Bad verspricht. Doch der Pazifik ist für derartige Wasserspiele nicht geeignet. Eiskalte Temperaturen lassen die zur Probe eingetauchten Füße schnell schmerzhaft abkühlen. Die oft wunderbar in die hügelige Landschaft eingebetteten Traumstrände haben neben den Wassertemperaturen noch einen, aber leicht zu verschmerzenden Nachteil, sie müssen erst einmal "erfahren" werden: Als das dritte Kap mit dem Namen Cape Kiwanda endlich erreicht ist, haben wir uns auf den steilen Straßen insgesamt fast sechshundert Meter in die Höhe kämpfen müssen.

Das heutige Ziel liegt in unerreichbarer Ferne. Unsere Rettung ist ein privater Wohnmobilplatz in Sichtweite des Kaps. Am Rande des Geländes, schon fast im Wald gelegen, sind hier einige Stellplätze speziell für Zelte geschaffen worden. Unbewusst haben wir wohl eine gute Wahl getroffen, die uns einen langen Abend mit unvergesslichen Eindrücken bescheren sollte. Schon bei der Anmeldung fällt mir die große Schiefertafel am Eingang auf. In großen weißen Buchstaben steht dort: "They are still 9 days with us!" Wer mag wohl seit neun Tagen unter ihnen sein, fragen wir erst uns und dann die freundliche Dame an der Rezeption. Ihre Antwort setzt uns augenblicklich in Bewegung. In hektischer Eile streben wir dem Pazifik zu. Doch so sehr wir uns auch anstrengen, es ist nichts zu erkennen, was dem Versprochenen auch nur ähnlich sehen könnte. Sollten wir etwa Pech haben, und sie sind schon wieder weitergezogen? Etwas traurig sprechen wir einen alten Mann an, der seinen Angelhaken in die Fluten geschleudert hat und auf einen kapitalen Fang hofft. "Ob ich sie heute schon gesehen habe?" antwortet er auf unsere Frage. Er zeigt nach Norden und macht uns wieder Hoffnung. Dort hinter der hohen Düne könne man die Tiere normalerweise ungestört beobachten.

Schweiß tropft, die Schuhe sind voller Sand, und die Oberschenkel schmerzen ob der ungewohnten Bewegung. Die Düne hat es wirklich in sich, bei zwei Schritten nach vorne zieht es uns einen wieder zurück. Warum muss es nur so steil sein? Aber wir gönnen uns keine Pause, denn wir haben Angst, etwas zu verpassen. Hoffentlich sind sie nicht schon für heute verschwunden! Die Düne ist erklommen, aber unser Ziel noch nicht erreicht. Auf der anderen Seite müssen wir uns durch Gestrüpp zwängen, um einen Weg nach unten zu finden. Nur wenige Leute haben sich außer uns auf den beschwerlichen Weg gemacht. So können wir uns einen ungestörten Logenplatz für die kommende Abendvorstellung aussuchen. Da liegen sie nun vor uns, diese bizarren und steilen Sandsteinklippen, die in keinem Kalender oder Bildband über diese Traumküste fehlen.

Wie viele tausend Jahre haben sie wohl der Urgewalt der tosenden Brandung die Stirn geboten? Jetzt, da die Wellen nur schwach gegen den Abhang klatschen, kann man sich nicht vorstellen, dass der Pazifik dieses Gebilde in irgendeiner Weise beeindrucken könnte. Aber das Gesicht des Gesteins hat überall Falten und Narben, die ihm der Sturm in ungezählten Angriffen zugefügt hat. In der tiefstehenden Sonne strahlt der sonst gleißend helle Sand in einem warmen Goldton, wie er auf keiner Palette zu finden ist. Als ein kitschiger Kontrast liegt ihm der tiefblaue Pazifik zu Füßen. Einige schmale Wolkenbänder schieben sich langsam vor die Sonne, um sogleich mit glühendem Rot zu brennen. Der nicht enden wollende Farbenzauber lässt unsere Filmvorräte weiter schmelzen. Immer wieder hat man das sichere Gefühl, dass nach jeder Wolkenbewegung die Farben noch ein wenig schöner leuchten als gerade noch zuvor. Der Abend sollte aber nicht nur wunderschön, sondern sogar perfekt werden. Plötzlich sind in unmittelbarer Küstennähe die typischen Wasserfontänen über der Meeresoberfläche zu sehen. Da sind sie endlich aufgetaucht, die Wale sind hier! Überdimensionalen dunklen Baumstämmen gleich, liegen sie dort drüben im Wasser und blasen immer wieder mit ihrer Atemluft fein zerstäubte Wassertropfen in die Höhe. Nur deshalb kann man sie so leicht in der unendlichen Weite des Pazifiks ausmachen. Nur deshalb sind sie auch ein so leichtes Opfer der geldgierigen Jäger geworden. Mehrere Minuten der andächtigen Beobachtung sind uns gegönnt. Mit steil in den Himmel aufragenden Schwanzflossen verabschieden sie sich dann nacheinander von uns beim lautlosen Abtauchen in die Tiefe. Atemlos und still sind wir diesem einmaligen Schauspiel gefolgt. Auch der Tag verabschiedet sich nun von uns. Die Sonne ist schon am Horizont ins Wasser gefallen, und der Himmel färbt sich violett. Wir müssen zurück. Nur ungern kehren wir diesem phantastischen Naturschauspiel den Rücken.

Hinter Neskowin folgen wir wieder dem Rat der Oregon-Radkarte und lassen den Highway mit seinem Lärm links liegen. Eine alte verlassene Straße namens Slab Creek Road gibt uns die Ruhe der Einsamkeit zurück. Ohne jemandem zu begegnen, fahren wir lange auf seichter Steigung durch alten Wald. Wenige Häuser am Wegesrand verraten uns, dass auch einige Amerikaner die Stille und Abgeschiedenheit lieben. Hunde schlagen an, hat uns etwa das Laufgeräusch der Reifen verraten? Ohne das ungute Gefühl der Trucks im Rücken lassen wir uns später bei der Abfahrt zu einer der hier selten gewordenen Geschwindigkeitsorgien hinreißen. Wie haben wir das Gefühl des rauschenden Fahrwindes vermisst! Die ganze Straßenbreite ausnutzend suchen wir uns in Ideallinie fahrend den Weg nach unten, zurück zum Highway 101. Doch wir müssen ihn nicht lange nutzen. Der Otter Crest Loop gibt uns die Chance zur nächsten Flucht vor dem Verkehr. Parallel zur Hauptstraße liegt dieser Weg wieder näher an der Küste und verhilft uns so zu vielen großartigen Aussichten auf Buchten, Strände, Felsen und das tiefblaue Meer.

Aufgrund der Umwege sind wir in leichte Zeitnot geraten. Kurzerhand werfen wir die Pläne für das heutige Etappenziel über den Haufen. Die vielen Campingplätze am Weg machen das Improvisieren leicht, und man muss nicht mit einem wilden Stellplatz irgendwo am Wegesrand vorliebnehmen. Zwar bieten die in freier Natur liegenden wilden Übernachtungsstellen mehr Ruhe, und oft auch noch eine grandiose Aussicht. Aber hier in den USA haben wir immer ein ungutes Gefühl, uns allein der Nacht anzuvertrauen. Und so sind wir an jedem Abend dieser Reise froh, den Angeboten der staatlichen und privaten Plätze folgen zu können.

Zwischen die stark befahrene Einfallstraße von Florence und das Meer schieben sich nach und nach ausgedehnte weiße Sandberge. Kilometerweit stellt nun diese größte Dünenlandschaft der USA ein fast unüberwindliches Hindernis für uns auf dem Weg zum Wasser dar. Natürlich halten wir oft an, in der Hoffnung, vom Kamm der Dünen aus eine Art Sahara direkt am Pazifik vorzufinden. Nach mühsamem Erklimmen der Sandberge sind wir aber immer wieder enttäuscht, denn das Meer ist jedesmal in unerreichbare Ferne gerückt, und die erhoffte unbegrenzte Sandwüste ohne jegliche Vegetation ist auch nicht aufzufinden. Eine Entschädigung stellen viele kleine Süßwasserseen dar, die idyllisch zwischen den Dünen eingebettet zu einem erfrischenden Bade verleiten.

Vielerorts verleidet uns mittlerweile starker Verkehr das Radeln. Seit Lincoln City nimmt dieser anscheinend kontinuierlich mit jeder Meile zu. Aber hier vor Coos Bay wird es richtig schlimm. Klar, heute ist Freitag, und der Ausflugsverkehr gesellt sich zum normalen Aufkommen. Doch mit derartigen Automassen haben wir weiß Gott nicht gerechnet. Uns schiebend auf dem erhöhten Seitenstreifen fortbewegend, meistern wir eine lange Brücke. Auf der Fahrbahn war es zu gefährlich geworden. Hier ist nun volle Konzentration und eine große Portion Glück notwendig, um heil weiterzukommen. Erst Bandon stellt sich wieder als positive Überraschung heraus. Die sehr nette Altstadt liegt etwas abseits des Highways und ist herausgeputzt wie ein Heimatmuseum. So etwas ist hier äußerst selten anzutreffen, und kurz entschlossen gehen wir auf Entdeckungsreise. Ganze Straßenzüge sind in alter Art erhalten geblieben und aufwendig restauriert. Viele schmucke Läden bieten ihre Waren den Touristen aus aller Welt an. Ruhig schlendern wir die Hauptstraße entlang und finden in den Hinterhöfen manche Erinnerung an die längst vergangene Zeit des Wilden Westens. Wir müssen noch die weiteren Etappen abschätzen, was liegt da näher, als in eines der  gemütlichen Cafés einzukehren? Bei Kaffee und köstlichem Blaubeerkuchen diskutieren wir den Verlauf der nächsten Tage. Der während dieser Pause gefällte Entschluß, nach Cape Blanco abzubiegen, wird nur einen kurzen Nachmittag kosten. Doch zunächst öffnet sich kurz hinter Bandon der Blick auf die Küste zu weiteren Traumstränden. Wie gehabt: Im Strandbereich liegen unzählige Felsen, von der Erosion bizarr gestaltet, in der tosenden Brandung. Graue Pelikane fliegen in Formation über das Wasser. Welches Ziel sie wohl haben? Mehrere Aussichtspunkte ermöglichen es hier jedem, auch ohne besondere Anstrengungen dieses Naturschauspiel zu beobachten. Besonders eindrucksvoll ist dieser Küstenabschnitt, wenn die untergehende Sonne den Himmel in eine rotgelbe Farbsymphonie verwandelt und die nur als schwarze Silhouette dastehenden Felsen lange Schatten auf das Wasser zaubern.

Da kommt auch schon der Abzweig zum Cape Blanco. Hier biegt man nicht nur in eine fast 10 Kilometer lange Sackgasse ein. Hier bietet sich auch endlich wieder ausreichend Möglichkeit für ein ruhiges Radlerleben. Der Verkehr ist wie abgeschnitten, denn Sackgassen sind anscheinend nichts für Amerikaner. Sie passen wohl nicht zum amerikanischen way of life, der nur freie Fahrt zu kennen scheint. Wie oft haben wir schon diese für Radler so positive Erfahrung machen können. Obwohl die kurzen Abstecher zur Küste fast immer landschaftliche Highlights bieten, ist man dort überwiegend allein. Alle Zeichen stehen gut für einen romantischen Abend in himmlischer Ruhe. Einsam steht der Leuchtturm an der Spitze des Kaps. Die Wolkenformation verspricht einen weiteren Sonnenuntergang, den es sich anzuschauen lohnt. Und auch für die ersten Stunden der Dunkelheit ist Sorge getragen: Der Aufseher des Campgrounds ließ sich ausnahmsweise dazu überreden, nur einen Teil der sonst üblichen Großpakete Brennholz an uns zu verkaufen. Sorgsam aufgestellt wartet der trockene Scheit nun auf unsere Rückkehr vom Strand.

Die Gummisohlen unserer Schuhe rutschen über feinen Sand. Um an den Strand zu gelangen, müssen viele Meter Höhendifferenz über einen schmalen Trampelpfad zurückgelegt werden. Doch es hat sich wieder einmal gelohnt. Zwischen den Felsen liegen in Mulden und Felsspalten unzählige Gezeitenbecken, von der Ebbe hier zurückgelassen. Diese kleinen Pfützen bieten vielen Pflanzen und Tieren für kurze Zeit einen Überlebensraum, bis die eintretende Flut alles wieder mit frischem Wasser überspült. Wo sonst noch kann man einen ungestörten Blick auf das Leben des Meeresgrundes werfen, ohne dabei naß zu werden? Unzählige Seesterne leuchten rot in der sinkenden Sonne, Seeanemonen erinnern ein wenig an dunkle Sonnenblumen, und blauschwarze Miesmuscheln bedecken stellenweise fast die im Sand liegenden Felsen. Silbern blitzen kleine Fischchen aufgeregt durch das klare Wasser, und die Möwen haben wieder mal leichtes Spiel mit ihren Opfern.

Zum wer-weiß-wie-vielten Mal versprechen uns die Leute, dass nun der schönste Küstenabschnitt Oregons vor uns liegt. Und was heute auf uns zukommt, steigt in unserer Top-Ten-Hitliste der Küstenhighlights unbedrängt auf Platz eins auf. Wie so oft haben die Götter jedoch vor den Genuß eine schweißtreibende Arbeit gesetzt. Nur eine kurze Stichstraße trennt den Highway 101 von einem hochgelegenen Aussichtspunkt mit fantastischem Blick auf die gigantischen Felsen am Cape Sebastian. Aber wie kann man nur eine derart ansteigende Straße bauen? Die Rampe ist wohl das steilste Stück Asphalt, das uns jemals unter die Räder gekommen ist! Weit zurückliegende Erinnerungen an eine Bergstraße zu den Drei Zinnen in den Dolomiten werden wach. Nach ein paar Metern muss Marion aufgeben, und auch mir gelingt es nur mit roher Gewalt, das schwere Rad nach oben zu zwingen. Selbst das Schieben des Rades bereitet hier große Schwierigkeiten, doch wir schaffen es beide bis oben. Wieder mal ganz allein, werden wir von der atemberaubenden Aussicht auf die dort unten liegende Küste reich belohnt. Viele Meter tiefer sind riesige Felsblöcke in den Sand der weiten Bucht eingebettet, andere ragen dunkel und unheimlich aus dem Wasser des Pazifiks. Es sieht fast so aus, als hätte ein riesiger Zyklop mit überdimensionalen Steinen um sich geworfen. Direkt am breiten, gelben Strand führt der Highway spektakulär in großem Bogen weiter, um dann hinter einem Hügel in Richtung Süden zu verschwinden. Die Sonne zaubert lange Schatten auf den Sand, und die ersten Sonnenanbeter gehen zu ihren parkenden Fahrzeugen zurück. Hier müsste man sein Zelt aufschlagen können, um dann den Sonnenuntergang zu beobachten! Das wäre die absolute Superlage für einen kleinen Zeltplatz. Mit ein wenig Groll geben wir die mühsam erkämpften Höhenmeter beim Weg zurück schnell wieder her. Angestrengt ziehen wir die Bremsen fest an, um nicht zuviel Schwung zu bekommen. Doch im Grunde kann es jetzt eigentlich gar nicht schnell genug gehen, denn der gerade noch von oben bestaunte Superstrand liegt nun kurz vor uns. In langer Biegung senkt sich dann der Highway 101 hinunter. Noch eine Böschung, und dann öffnet sich ein Bilderreigen, wie wir ihn lange nicht mehr zu Gesicht bekommen haben. Langsam lassen wir diese imposante Welt aus Wasser, Fels und Sand nun aus anderer Perspektive an uns vorübergleiten. Der zwangsläufig auftretende Photorausch reißt ein weiteres tiefes Loch in meine Filmvorräte und wirft den ganzen Zeitplan für heute über den Haufen. Ein Viewpoint nach dem anderen will auf den folgenden Kilometern entdeckt werden. Obwohl sich die meisten Felsformationen an diesem Küstenabschnitt ähneln, hat doch jeder dieser Strandabschnitte seinen eigenen Reiz. Alles stimmt, und auch die Sonne strahlt wieder von einem makellos blauen Himmel. Heute ist wirklich der ultimative Supertag, der nur selten einmal wahr wird. Langsam kommt ernsthafter Zweifel auf, ob es uns noch gelingen wird, im Hellen einen Platz für unser Zelt zu finden. Doch mit dem letzten Tageslicht erreichen wir den leider sehr lauten Platz am Stadtrand von Brookings.

Kalifornien

Langsam beginnt die Landschaft, sich merklich zu verändern. Die Berge fallen nun sanfter zum Meer hin ab, und landwirtschaftlich genutzte Flächen treten in den Vordergrund. Ein Beamter stoppt uns an der Stelle, die die Grenzlinie zwischen Oregon und Kalifornien darstellt. Verwundert nehmen wir zur Kenntnis, daß bestimmte Früchte beim Grenzübertritt nicht mitgeführt werden dürfen. Nur durch Zufall ist die Provianttasche leer, und so können wir ruhigen Gewissens die Grenze passieren. Um zu verhindern, daß Schädlinge eingeführt werden, ist eine so strenge Kontrolle notwendig, sagt uns das mit auf den Weg gegebene staatliche Merkblatt des kalifornischen Ministeriums für Landwirtschaft.

Radfahren ist heute zur Kilometerfresserei ausgeartet. Grund dafür ist die langweilige, mittlerweile zum Freeway mutierte Straße. Endlich nähert sich der lang erwartete Abzweig. Hier ist noch ein altes Teilstück des Highway 101 zum Prairie Creek Redwood Statepark erhalten geblieben. Nach anfänglicher schweißtreibender Steigung genießen wir eine endlos erscheinende Abfahrt durch den märchenhaften Wald. Wie dunkle Gestalten huschen riesenhafte Reedwoodbäume an uns vorbei. Man hört nichts, außer dem Summen der Freiläufe unserer Räder. Kein Vogel ist zu hören, kein Tier ist zu sehen. Der Wald wirkt völlig unbelebt. Doch wir sollten uns wieder einmal täuschen. Eine große Lichtung breitet sich direkt vor uns aus, und ein Campingplatz liegt dort wunderschön am Rand, halb im Wald versteckt. Die Überraschung steht uns ins Gesicht geschrieben, als der Ranger uns ernst über die akute Bärengefahr auf diesem Platz aufklärt und uns ein Merkblatt überreicht. Schließlich müssen wir sogar unterschreiben dass wir alle Warnhinweise verstanden haben und alle Vorsichtsmaßnahmen beachten werden. Für den Fall der Missachtung werden sage und schreibe 500$ Strafe fällig, ermahnt ein großes Schild alle Zweifler. Der Ranger unterstreicht seine Ausführungen mit der Bemerkung, daß der letzte Bär erst heute Vormittag in unmittelbarer Platznähe gesichtet worden ist. Wie versprochen verschwindet kurz darauf das gesamte Proviant in der großen Stahlbox, die direkt an unserem Stellplatz steht. Dickes Blech und ein spezieller Schließmechanismus sollen die Bären am Mundraub hindern. In einer Stunde ist ein Vortrag der Ranger über die Tiere dieses Waldes vorgesehen. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Es ist schon dunkel geworden, und knisterndes Lagerfeuer erwartet uns bereits. Im schwachen Licht der Flammen steht der Ranger vor seinen Zuhörern und schenkt aus einer riesigen Kanne heißen Kakao in die mitgebrachten Tassen. Fast unheimlich still ist es, als er dann seinen Vortrag beginnt. Er hat natürlich viele Bärengeschichten parat, die sich alle abenteuerlich anhören Im Laufe des weiteren Abends erfahren wir, dass nicht etwa der Bär das gefährlichste Tier hier ist. Was keiner glauben konnte: Zu den meisten Zwischenfällen kommt es bei weitem zwischen Mensch und Elch. Gerade zu dieser Jahreszeit gibt viel zu häufig schwere Unfälle, da die männlichen Tiere eifersüchtig alles angreifen, was sich zu nahe an ihre Herde herantraut.

Mit diesen Warnungen im Gedächtnis beginnen wir den nächsten Tag gleich mit einem längeren Stopp an der Lichtung. Leise steigen wir ab und pirschen uns vorsichtig Schritt um Schritt immer weiter vor. Man kann die Elche nur bei genauem Hinsehen entdecken. Fast 30 Elchweibchen stehen dort am Waldrand im hohen Gras und lassen es sich schmecken. Direkt daneben steht der prachtvolle Bulle zu einem Schnappschuß bereit. Stolz zeigt er die vielen Enden seines mächtigen Geweihes.

Wir biegen hinter Eureka nach Ferndale ab und tauchen wieder ein in eine Ruhe, die wir allzu lange vermißten. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Schwarzweiß gescheckte Kühe weiden auf saftigen grünen Wiesen. Die sanfte hügelige Landschaft erinnert mehr an Bayern als an die USA, und viele Bauernhöfe ergeben ein friedliches Bild der Ruhe. Auch die Stadt selbst zeigt wieder einmal, wie nahe doch negative und positive Erlebnisse beieinander liegen können. Der viktorianische Baustil der Häuser hebt sich wundervoll von dem ab, was die zurückliegenden Städte bereithielten. Die Holzfassaden sind dermaßen anziehend, daß man sie höchstens in einem Heimatmuseum, nicht aber in dieser Gegend vermutet hätte. Aber auch der Übernachtungsplatz für heute ist äußerst ungewöhnlich. Am Rand der Stadt liegt ein großes agrarwirtschaftliches Ausstellungs- und Veranstaltungsgelände, das freie Auswahl für einen Stellplatz in den Grünanlagen bietet. Bis auf zwei Wohnmobile sind wir hier ganz allein auf dem riesigen Terrain. Die vielen leeren Scheunen und Viehgatter neben der Trabrennbahn geben uns einen guten Eindruck von dem, was hier an ein paar Tagen im Jahr los sein muß. Doch außerhalb der Rennen, Ausstellungen und sonstigen Veranstaltungen ist das Gelände wie ausgestorben. Ganz wohl ist uns nicht bei diesem Anblick, und so suchen wir die Nähe der beiden älteren Paare in ihren rollenden Aluminiumheimen. Kaum haben wir die Räder abgestellt, kommt auch schon einer der Männer auf uns zugelaufen. Ob wir an dieser Stelle wohl nicht stehen dürfen? Aber warum denn immer negativ denken? Eine Minute später sind wir wieder mal zu frisch gegrillten Hamburgern und sogar einem kühlen Budweiser Bier eingeladen. Das Bild von den allein daherkommenden Radlern scheint wohl bei einigen Leuten Mitleid zu erregen. Auf jeden Fall ist der heutige Abend gerettet.

Der Coffeeshop an der Hauptstraße sagt uns für das anstehende Frühstück nicht zu. Wie so oft in einem solchen Fall fragen wir in einem Geschäft einen Einheimischen, wo er denn am liebsten einkehrt. Mit der gewünschten Adresse im Gepäck geht es dann sogleich auf die Suche. Doch das recht abgelegene Restaurant zu finden, bereitet einige Mühe. Endlich stehen wir mit knurrendem Magen vor einer blauen Bretterbude mit dem beschriebenen Namen über der Tür. Am liebsten würden wir ja wieder kehrtmachen, aber der Hunger treibt uns doch hinein in dieses Lokal mit dem treffenden Namen "blue room". Jetzt sehen wir, daß uns das Schicksal wieder mal zur Seite stand, denn nur der Zufall kann zu solch einer Stätte unverfälschter amerikanischer Lebenskultur führen. Wahrscheinlich sind wir die ersten Fremden seit langer Zeit. Nur selten wird sich sonst jemand hierher verirrt haben, zu abgelegen steht dieses Haus. Leise und gespannt treten wir ein. Das ganze Restaurant besteht nur aus einem großen Raum. Eine lange Theke trennt den linken Teil vom Tischbereich ab, und die Küche ist in einer offenen kleinen Nische untergebracht. Auf runden Lederhockern sitzen einige Männer und lesen beim Kaffee die Tageszeitung. Wir werden mit keinem Blick beachtet. Alles erscheint wie aus einer anderen Zeit. Die alte Registrierkasse am Ende der Theke, vergilbte Reklametafeln, die Stühle auf denen wir sitzen, all das paßt nicht in das moderne Amerika, wie es sich sonst allzugerne selbst darstellt. Doch hier scheint es nicht auf die Optik anzukommen. An den Wänden hängen deutsche Kalender und selbstgemachte Kollagen, die immer wieder den Namen Ingrid zeigen. "Ja, das bin ich", hören wir mit breitem Berliner Dialekt die Bedienung sagen. Lachend kommt sie auf uns zu: "Was wollt ihr essen?". Unsere Überraschung können wir nicht verbergen. Natürlich ordern wir wieder unser Lieblingsfrühstück, das aus Rühreiern, Speck, Bratkartoffeln und gebutterten Toastscheiben besteht. "Eßt erstmal auf, dann setze ich mich kurz zu euch", meint sie nach der Bestellung, natürlich in Deutsch.

Wir hätten es nicht besser treffen können. So gut und reichlich haben wir seit langem nicht gespeist. Nebenbei beobachten wir Ingrid im Umgang mit den anderen Gästen. Sie ist Chefin, Köchin, Bedienung, Seelentröster, Alleinunterhalter und Kassiererin in einer Person. Ihre Berliner Schnauze hat sie auch hier in Amerika nach fast 30 Jahren nicht abgelegt. Und ihre mit Witz gewürzte zupackende Art scheint auch hier gut anzukommen. Endlich sitzt sie wieder bei uns am Tisch, und wir überschütten sie förmlich mit unseren Fragen zu ihrer Vergangenheit. Irgendwann müssen wir ihr auch sagen, wer uns denn wohl zu ihr geschickt haben mag. Lächelnd nimmt sie die gewünschte Information zur Kenntnis. Zwischendurch verschwindet sie immer wieder in der Kochnische, um Rühreier und Bratkartoffeln für andere Gäste zu bereiten. Das Lokal scheint eine Institution in dieser Stadt zu sein. Ihr Einfraubetrieb kann sich nicht über Mangel an Arbeit beklagen. So verlassen wir sie dann auch bald, nicht ohne mit "Gute Fahrt" in Deutsch verabschiedet worden zu sein. Wann mag sich wohl der nächste Fremde in dieses ungewöhnliche Restaurant am Stadtrand von Ferndale verirren? Einen kurzweiligen Abstecher ist es auf jeden Fall wert.

Mit Spannung begeben wir uns auf den Weg zur Avenue of Giants. Was wird uns diese Straße der Giganten bringen? Parallel zum noch hörbaren Highway rollen wir einsam durch den Wald, der einen der letzten Überlebensräume der Redwoodriesen auf dieser Welt darstellt. Um die Mittagszeit zaubert die fast senkrecht stehende Sonne ein wundervolles Wechselspiel von Licht und Schatten zwischen diese mysteriös anmutenden Baumriesen. Immer wieder wechselt die Szenerie, und kleine Laubwälder begrenzen den Weg. Die Blätter schließen sich wie eine Kuppel über der Straße und schützen uns mit einem leuchtendgrünen Dach vor der Tageshitze. Was geht den isolierten Autofahrern bei einer Fahrt wie dieser doch verloren? Könnten sie doch nur einen Bruchteil der Eindrücke, die uns geboten werden, aufnehmen. Einige von ihnen lachen wieder mal höhnisch über uns, doch gerade jene wissen nicht, was sie hier verpassen. Strecken wie diese kann man nicht in Minuten oder Kilometern messen, will man sie wirklich genießen.

Ist es nicht schwer vorstellbar, ohne die Geräusche der Natur, ohne den Fahrwind, ohne die in der Luft liegenden Gerüche die langsame Fahrt zu genießen? Sogar hier im Wald wird es nun recht warm. Wir sind froh, die nächsten 32 Meilen im Schatten zurücklegen zu können. Kurvenreich, schmal und ohne Randstreifen präsentiert sich der weitere Weg bis Leggett nun immer öfter. Die zahlreichen Trucks donnern in halsbrecherischer Geschwindigkeit die Hügel hinunter, um ausreichend Schwung für die nächste Steigung zu bekommen. An mehreren Stellen steigen wir lieber ab, um nicht auch das Schicksal der Tiere am Rand teilen zu müssen, denn immer wieder wird es gefährlich eng. Hier treibt es manchmal auch einem erfahrenen und verkehrsgewohnten Radler den Adrenalinspiegel in die Höhe. Es geht dauernd auf und ab. Aber insgesamt führt der Weg unentwegt am Eel River hinauf, bis endlich der lang erwartete Abzweig zum Highway 1 erreicht ist, der uns bald wieder an die Küste führten soll. Der Verkehr ist plötzlich wie weggeblasen. Kurvenreich windet sich die Straße bis auf fast siebenhundert Meter in die Höhe hinauf. Die rauschende Abfahrt weckt die Lebensgeister. Wir haben die Straße wieder ganz für uns allein, und ein Gefühl der Freiheit überkommt uns. Doch statt der salzigen Meeresluft der Küste steht uns in Rockport erst einmal ein weiterer Anstieg bevor. Auf eine Möglichkeit der Einkehr hoffend, werden wir hier schwer enttäuscht. Keines der wenigen Häuser verspricht auch nur annähernd, durstige Gäste zu bewirten. Zum Unmut kommt nun auch noch das bisher lange ausgebliebene Radlerpech. Mein Vorderreifen verliert plötzlich Luft, und nur mit Mühe kann ich das schwammige Rad zum Stehen bringen. Der seit fast zwanzigtausend Kilometern auf verschiedenen Reisen mitgeschleppte Reserveschlauch kommt nun doch noch zu seinem ersten Einsatz. Es wird ungemütlich frisch, und von Kilometer zu Kilometer nimmt die feuchte Kälte zu. Bei der nächsten Abfahrt müssen wir gar die dicken Pullover aus den Taschen kramen. Als diese auch nicht mehr reichen, können nur noch die winddichten Jacken die Kälte abhalten. Als dann dichter Nebel den Wald durchdringt, werden wir doch etwas unruhig. Wie mag es wohl noch weitergehen? Doch wir werden bald erlöst. Nach einer scharfen Kurve fahren wir aus dem Wald heraus, und das Rauschen der Brandung dringt aus nicht erkennbarer Tiefe zu uns hinauf. Nur wenige Augenblicke später gibt der schnell daherziehende Nebel für kurze Momente kleine Teile der Küste frei. Die Küstenlinie hat sich stark verändert und ist im Hinterland sehr hügelig geworden, um dann sanft bis zur Abbruchkante hin abzufallen. Der grüne Wald ist einer braungelben, trockenen Vegetation gewichen, die etwas Unwirtliches und Karges an sich hat. Toll, wir sind völlig begeistert! Darauf haben wir schon lange gewartet. Unendlich viele Felsen aller Größen liegen wie hineingestreut, im Meer. Die einsame Straße windet sich als schwarzes Band durch diese Weide- und Steppenlandschaft, eingegrenzt durch verwitterte Balken alter Zäune. Der Nebel läßt eine Augenweide nach der anderen vor unseren Augen auftauchen, um sie gleich wieder ganz im undurchdringlichen Grau verschwinden zu lassen.

Nach den vielen hohen Nadelbäumen auf der zurückliegenden Strecke hat sich auch das Aussehen der weniger gewordenen Bäume gewandelt. Gerade rauschen wir noch durch einen Eukalyptushain, um kurz darauf in eine Allee aus Krüppelkiefern einzutauchen. Auch die Totenstille der aufgeforsteten Wälder ist hier der Akustik einer vielfältigen Vogelwelt gewichen. Doch in Fort Bragg werden wir vorübergehend wieder an alte verkehrsreiche Zeiten erinnert. In dieser ersten größeren Stadt seit längerer Zeit besteht die Möglichkeit, wieder einmal frisches Obst und Gemüse einzukaufen. Gerade hier auf dem Highway 1 sind die Versorgungsmöglichkeiten nicht mehr so üppig vorhanden wie auf der zurückliegenden Strecke. Oft ist es nur einer dieser Allroundläden, der das Nötigste bereithält. Neben dem üblichen Angebot einer Grocerie kann man hier auch Benzin bekommen, telefonieren, warme Snacks verzehren und sogar die neuesten Videos ausleihen. Für die wenigen Bewohner der Gegend sind sie eine unverzichtbare Versorgungsstation für lebensnotwendige und auch überflüssige Konsumgüter. Grüne macchiaähnliche Buschlandschaft macht sich breit. Die relativ geruhsame Fahrweise wird immer wieder von einigen wenigen Bächen unterbrochen. Diese haben im Laufe der Zeit tiefe Einschnitte in die Küstenlinie gegraben. Die Straße folgt diesen Wasserläufen kurz in Richtung Landesinnere und fällt dabei immer wieder bis zum Wasserspiegel ab. Gleich nach der Überquerung des Wasserlaufes quält sich das Asphaltband wieder auf die ursprüngliche Höhe hinauf. Das Ganze ist dabei meist sehr steil und kurvenreich angelegt,

Dichter Nebel überzieht am nächsten Morgen alles mit einem undurchdringlichen Grauschleier. Nach und nach gewinnt die Sonne wieder die Überhand und löst die Waschküche auf. Bepackt warten die Räder auf die Abfahrt, doch mein Hinterrad blockiert sofort beim Start. Eine "Acht" in der Felge kommt beim besten Willen  nicht mehr durch die engstehenden Bremsbacken hindurch. Jetzt kann ich plötzlich auch das merkwürdige Geräusch von gestern Abend deuten. Da waren die Räder bereits verschlossen abgestellt, als es ein lautes "Ploing" gab, das wir uns nicht erklären konnten. Nun können wir den Grund des Geräusches in Form einer gebrochenen Speiche sehen. Natürlich, wie sich das gehört, auf der Ritzelseite. Uns bleibt diesmal aber auch nichts erspart! Wir haben zwar einen speziellen Abzieher dabei. Außerdem benötigen wir aber für die Demontage der Ritzelkassette noch einen großen Maulschlüssel und ein provisorisches Werkzeug zum Festhalten der Zahnräder. Mit ausgehängtem Bremszug rolle ich vorsichtig mit Schrittgeschwindigkeit zur Rezeption des Campingplatzes. Hoffentlich gibt es in der Nähe eine Tankstelle mit entsprechendem Werkzeug! Erwartungsvoll spreche ich den Platzwart darauf an. An meinem Gesichtsausdruck erkennt Marion schon von weitem das Ergebnis. Weit und breit gibt es hier keine Hilfe für uns. Vielleicht hält das Rad, wenn ich es provisorisch zentriere. Langsam, jedem Schlagloch ausweichend, tasten wir uns auf dem rauhen Asphalt weiter. Auch in Bodega Bay werden wir enttäuscht, denn es kann niemand helfen. Am Ende des Ortes liegt eine kleine Feuerwache direkt an der Straße. Es ist nur ein Versuch, aber warum sollen die Feuerwehrmänner hier nicht genauso hilfsbereit wie bei uns in Deutschland sein? Da sie in der Regel kleinere Reparaturen selbst durchführen, müßte sich auch das notwendige Werkzeug finden lasen. Wir haben Glück, für die Brandschützer gibt es da keine Frage, sie helfen sofort. So kommt es, daß wir schon eine halbe Stunde später vor dem feuerroten Tanklöschfahrzeug zu einem Abschiedsfoto Aufstellung nehmen. Wir werden eindringlich ermahnt, vorsichtig zu fahren, da der Verkehr auf der Landstraße sehr gefährlich sein soll. Wie recht sie doch haben. Gut gelaunt geht es wieder los. Im Gepäck haben wir ein originelles Souvenir mehr: Das bunte Ärmelabzeichen des Bodega Bay Fire Departments wird uns noch lange an diese hilfsbereiten firefighter erinnern.

Die Warnungen vor dem Verkehr waren unnötig. Jetzt, am späten Sonntagnachmittag, geht er gegen Null. Der Streß der letzten Tage ist fast schon wieder vergessen, als die Umrundung der Bodega Bay vor uns liegt. Viele werden sich, wie auch wir, bei dem Namen der Bucht an Alfred Hitchkock erinnert fühlen. Vor vielen Jahren wählte er diesen einsamen Ort für seinen unvergessenen Film "Die Vögel" aus. Ist hier nicht Cary Grant mit seinem Ruderboot über die Bucht gefahren, um eine Freundin zu besuchen? Ich weiß es nicht mehr genau. Aber wenn die nächste Wiederholung läuft, sitze ich bestimmt vor der Flimmerkiste. Vielleicht lassen sich dann sogar einige Ansichten wieder erkennen.

Wir haben bis zum Ende der Tour noch ein paar Tage Zeit und beschließen, in Olema halt zu machen. Einen besseren Standort für die Erkundung der menschenleeren Point Reyes Halbinsel konnten wir nicht auswählen. Hier tanken wir noch einmal Ruhe in einer windumtosten, äußerst kargen Landschaft. Ganz bewußt genießen wir die letzten einsamen Stunden an der pazifischen Westküste Amerikas. Nur wenige verstreut liegende Farmen zeigen, daß Menschen in diesem unwirtlichen Landstrich leben. Wie ein riesiger Finger ragt die Landzunge in das aufgewühlte Meer hinein. An der äußersten Spitze ist ein schmucker Leuchtturm aufgestellt, der mit unglaublich hellem Licht den Schiffen heimleuchtet. Unzählige Stufen führen hinunter an seinen Fuß. Die Aussicht von hier reicht weit zurück über die Strände der Küstenlinie. Als wunderbares Abschiedsgeschenk zeigen sich wieder einmal einige Wale mit ihren charakteristischen Wasserfontänen auf der offenen See. Doch diesmal sind sie so weit draußen, daß ich sogar mit dem großen Teleobjektiv kaum Einzelheiten der großen Körper ausmachen kann.

In Gedanken kommt schon Abschiedsstimmung auf. Doch ganz so weit ist es ja noch nicht. Vor uns liegen ja immer noch die letzten sechzig Kilometer bis nach San Francisco. Unterwegs wartet eine vielfältige Fauna mit Pelikanen, Reihern und Robben auf uns. Später lädt uns noch das Hippienest Stinson Beach mit seinem langen Strand zum Baden ein. Doch wir haben keine Ruhe mehr für derartige Pausen, denn uns zieht es weiter. Noch eine knackige Steigung hinter Muir Beach, und schon rollen wir die zahlreichen Kurven nach Sausalito hinunter. Wir sind wieder mittendrin, der Verkehr der hektischen Stadt hat uns mit seinem Lärm und Gestank überschüttet. "No bikes" steht da auf einem Schild am vielspurigen Highway, aber wo geht es nun weiter? Nur durch Zufall finden wir einen Radweg, der direkt zum Hafen führt. Mehrere Parkplätze wollen noch umkurvt werden, dann steigen wir unwillkürlich ab. Auf der anderen Seite der Bucht liegt im Dunst der Endpunkt unserer Reise. Das Traumziel des amerikanischen Westens ist fast erreicht. Sieht es von hier aus nicht ganz anders aus, viel schöner als es uns die vielen Reiseführer vorgaukeln? Doch für mich steht die größte Sehenswürdigkeit der Stadt etwas abseits. Dort drüben ist das Ziel unserer Träume, die Golden Gate Bridge. So gewaltig haben wir uns den Anblick nicht vorgestellt. Gedanklich verneige ich mich vor der frühen Ingenieurkunst ihres Erbauers. Was muß das für ein Gefühl sein, diese Brücke mit dem Fahrrad zu überqueren! Aufgrund des starken Verkehrs verzichten wir aber darauf, dem stark befahrenen Highway 101 in die Berge zur Brücke zu folgen. Das war im nachhinein ein Fehler, da andere Radler uns später von einem Radweg auf der Brücke berichtet haben.

Statt dessen nehmen wir die Fähre hinüber zum Pier 39. Arm in Arm stehen wir an Deck und lassen den kalten Wind durch unsere Haare wehen. Die Golden Gate Bridge liegt neben uns im aufziehenden Nebel und wird langsam von einem weißen Schleier zugedeckt. Diese Postkartenstimmung und die nahende Skyline von San Francisco sind der letzte Höhepunkt einer aufschlussreichen Reise bei den Wilden im Westen. Grölende Seelöwen empfangen die Fähre am Pier. Vor ein paar Jahren haben sie sich diesen Platz als Heimat auserkoren, und nun sind sie eine der großen Attraktionen im Hafen. Als wir von Bord gehen, stehen wir im Rummel der Touristen aus aller Welt. Sind wir hier im Zoo, oder warum begafft man uns hier so? Unterwegs werden wir von einer Radstreife der Polizei eingeholt. In kurzer Uniformhose und vorbildlich mit einem Helm ausgestattet, sitzt der Polizist auf einem rassigen Mountainbike der neuesten Generation. Wichtige Utensilien sind in einer kleinen Hinterrad-Packtasche verstaut. Neben den Police-Aufklebern an Helm und Rad hängt als Erkennungszeichen auch noch ein Colt deutlich sichtbar an seinem Gürtel. Freundlich fragt er nach unserem Woher und Wohin. Als er dann Näheres über unsere Strecke erfährt, ist er vollkommen begeistert.  So fahren wir nun zu dritt unbehelligt auf der Straße nebeneinander her, und zum erstenmal können wir in einer Stadt ohne Angst den ganzen Fahrstreifen in Beschlag nehmen. Der nette Cop eskortiert uns noch bis zu unserem Hotel, ehe er wieder im Gewirr der steilen Straßen verschwindet. Hier bleiben für die nächsten Tage unsere Räder stehen, damit wir zu Fuß die Stadt erobern können.

In Gedanken ist die Tour vorbei. Die Restaurants und Souvenirgeschäfte am Fishermens Wharf, die Cablecars, das Pier 39, die steile Lombardstreet, die Transamerica Pyramide und die vielen Geschäfte am Embarcadero Center, all das ist für uns eigentlich nur noch ein Zeitvertreib bis zum Abflug. Ein langer Traum geht hier zu Ende.


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