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NEUSEELAND NORD- UND SÜDINSEL  Febr./März 1993

Tag

 Strecke

Kilometer

  1. Tag

 Auckland - Orere Point

73 km

  2. Tag

 Orere Point - Tapu

86 km

  3. Tag

 Tapu - Kuaotunu

62 km

  4. Tag

 Kuaotunu - Taioura

73 km

  5. Tag

 Taioura - Waihi Beach

79 km

  6. Tag

 Waihi Beach - Papamoa Beach

73 km

  7. Tag

 Papamoa Beach - Rotorua

82 km

  8. Tag

 Rotorua - Golden Spring

50 km

  9. Tag

 Golden Spring - Motuopapa

92 km

 10. Tag

 Motuopapa - Waiourou

75 km

 11. Tag

 Waiourou - Picton (teilw. Bus)

13 km

 12. Tag

 Picton - Pelouruos Bridge

59 km

 13. Tag

 Pelourous Bridge - Nelson

62 km

 14. Tag

 Nelson - Kaiteriteri

67 km

 15. Tag

 Kaiteriteri - Motupiko

75 km

 16. Tag

 Motupiko - Murchison

78 km

 17. Tag

 Murchison - Westport

104 km

 18. Tag

 Westport - Greymouth

109 km

 19. Tag

 Greymouth - Ross

75 km

 20. Tag

 Ross - Lake Ianthe

76 km

 21. Tag

 Lake Ianthe - Franz Josef

99 km

 22. Tag

 Franz-Josef - Fox Glacier

43 km

 23. Tag

 Fox Glacier - Haast

125 km

 24. Tag

 Haast - Lake Hawea

129 km

 25. Tag

  Lake Hawea - Arrowtown

113 km

 26. Tag

 Arrowtown - Te Anau (teilw. Bus)

28 km

 27. Tag

 Te Anau - Kingston

131 km

 28. Tag

 Kingston - Cromwell

98 km

 29. Tag

 Cromwell - Omarama

111 km

 30. Tag

 Omarama - Glenntanner

76 km

 31. Tag

 Glenntanner - Fairlie

129 km

 32. Tag

 Fairlie - Peel Forest

73 km

 33. Tag

 Peel Forest - Glenntunnel

114 km

 34. Tag

 Glenntunnel - Greta Valley

129 km

 35. Tag

 Greta Valley - Kaikoura

108 km

 36. Tag

 Kaikoura - Ceviot

73 km

 37. Tag

 Ceviot - Spencerpark

111 km

 38. Tag

 Spencerpark - Christchurch

24 km

 

 Gesamtstrecke

3177 km


Neuseeland-Nord, Coromandel

Neuseeland-Nord, Mt. Ruapheu

Neuseeland-Nord, Backroads Radlergruppe

Neuseland-Süd, Kaiteriteri

Neuseeland, Hundetransport

Neuseeland-Süd, Sanitärgebäude am Campingplatz

Neuseeland-Süd, Westcoast

Neuseeland-Süd, Westcoast

Neuseeland-Süd, Lake Wanaka

Neuseeland-Süd, Mt. Cook

Neuseeland-Süd, Zentralalpen

Neuseeland-Süd, Lindis Pass


Allgemeine Infos: (Texte quer ausdrucken)

Adressen:

Sehr gutes und brauchbares Informationsmaterial, teilweise als Zeitschrift aufgemacht, mit vielen schönen Fotos, war bei Neuseeländischen Fremdenverkehrsamt in Frankfurt erhältlich. Darin enthalten sind außerdem noch etliche weitere Adressen und Telefonnummern, die vor Ort weiterhelfen.

Anreise

Das Angebot ist auf eine überschaubare Anzahl von Fluggesellschaften beschränkt. Die meisten bieten kostenlos oder gegen geringe Gebühr einen oder mehrere Stopover an, so dass man die Reise mit einem Abstecher z.B. nach LA oder nach Hawaii verbinden kann. Für Reisende mit eigenem Rad kommt praktisch nur der Flug über die USA in Frage, da hierbei der Radtransport meistens mit der 2x32 kg Gepäckgrenze abgedeckt ist. In diesem Fall muss das restliche Gepäck in einer einzigen Tasche aufgegeben werden. Die über Asien führenden Flüge erlauben hingegen nur 20 kg Gepäck, so dass die Räder im allgemeinen nur mit erheblichen Aufpreisen befördert werden. Die Route über die USA und den Pazifik hatte aber noch einen weiteren gravierenden Vorteil. Hier bot die Air New Zealand als einzige Fluggesellschaft einen Direktflug von Deutschland an, so dass in den USA nicht umgestiegen werden musste. Somit entfielen lange Wartezeiten. Auch war sichergestellt, dass das Gepäck zusammen mit den Passagieren ankommt und nicht beim Umsteigen beschädigt wird oder gar verloren geht.

Karten:

Neben den Übersichtskarten des Fremdenverkehrsbüros sind wir ausschließlich nach den exzellenten Karten des AA New Zealand, dem Neuseeländischen Automobilclub, gefahren. Auf Anfrage wird eine Übersicht der erhältlichen Karten zugeschickt. Das Material ist nicht nur sehr gut, sondern auch relativ preiswert. Der Maßstab ist bei vielen Karten 1:350000.

Radauswahl

Wer nicht gerne schiebt, sollte unbedingt ein Rad mit einer Übersetzung von 1:1 oder gar einer Untersetzung auswählen. Für die sehr guten Straßen ist mit wenigen Ausnahmen ein Reiserad die erste Wahl. Schotterstecken sind die Ausnahme und mit breiten Reifen (32-37er) erträglicher. Gute Beleuchtung und Schutzbleche sind sehr sinnvoll, da besonders im Westen der Südinsel immer mit schlechtem Wetter gerechnet werden muss.

Radtransport:

Nachfolgend eine Auswahl der Möglichkeiten für einen Transport mit dem Bus in Neuseeland. Fahrpläne sind erhältlich bei:

Pacific Tourways Ltd, Christchurch
Mt. Cook Landline Head Office, Christchurch
Inter City Travel centre, Central Auckland

Außerdem verkehren verschiedene kleinere Unternehmen mit Kleinbussen zwischen vielen Regionen. Diese führen meistens einen Anhänger mit sich, der ideal für den Radtransport ist. Informationen und Buchung bei den örtlichen Visitor - Informations.

Die Nord- und Südinsel Neuseelands werden über ganzjährig verkehrende Fähren verbunden.

Reisezeit:

Die Jahreszeiten sind um ca. 1/2 Jahr gegenüber denen in Mitteleuropa verschoben. Das bedeutet, dass in Neuseeland im Juni/Juli tiefster Winter ist. Als beste Reisezeit gilt für Radler der Zeitraum von Oktober bis April. Die Temperaturen sind dann mit denen der Monate April bis Oktober in unseren Breiten vergleichbar. Im Januar haben die Neuseeländer Urlaub, was aber nicht gleichbedeutend mit dem Urlaubschaos in Europa ist.

Wir waren von Februar bis Anfang April unterwegs, wobei es Ende März auf der Südinsel schon sehr kalt wurde. Besonders an der Westküste der Südinsel trifft man mit großer Wahrscheinlichkeit auf Regenwetter.

Routenplanung:

Wir haben die Strecke vom Norden zum Süden gewählt. So war die Sonne häufig im Rücken, was die Farben der Landschaften kräftiger erscheinen lässt als im Gegenlicht. Natürlich blendet auch die Sonne dann nicht so unangenehm wie in Gegenrichtung. Ein weiterer Punkt für die Nord-Süd-Route ist der, dass das Gepäck beim Flug von Auckland nach Christchurch nicht durchgecheckt wird, was aber bei einem Flug in umgekehrter Richtung möglich ist.

Letztendlich spricht für die von uns gewählte Richtung noch der subjektive Umstand, dass dann die Höhepunkte der Reise in der zweiten Hälfte der Tour liegen.

Nach unserem Empfinden gibt es nur einen Grund, von Süd nach Nord zu fahren: Im Herbst fährt man aus den kühlen Südgebieten in den wärmeren Norden und so dem Sommer hinterher, wenn man schnell genug ist.

Straßenzustand: 

Die Straßen sind im allgemeinen sehr gut. Nur der Straßenbelag besteht überwiegend aus sehr scharfem, in Teer eingelegtem Grobsplitt. Mit hohem Reifenverschleiß ist somit unbedingt zu rechnen. Schotterpisten reduzieren sich auf ganz wenige Stellen, die mit 32 bis 37 Millimeter breiten Reifen jedoch ohne Probleme zu bewältigen sind.

Übernachtungen: 

Das Land ist bestens mit Campingplätzen ausgestattet. Bei guter Planung muss es also nicht zu Übernachtungen in der Wildnis kommen. Wildes Zelten wird geduldet. Viele Plätze halten sogenannte Cabins bereit. Das sind Holzhütten mit einer sehr einfachen Einrichtung, meist nur zwei bis vier Betten. Eine lohnenswerte Alternative bei schlechtem Wetter, die überdies nicht viel teuerer als die Zeltgebühr ist. Ansonsten gibt es ein breitgefächertes Motel-, Hotel- und B&B-Angebot. Außerdem sind überall im Lande die sogenannten Backpacker-Häuser zu finden, in denen überwiegend Tramper unterkommen. Diese bieten aber natürlich auch Radlern ein willkommenes festes Dach über dem Kopf wenn der nächste Zeltplatz noch weit entfernt ist

Verpflegung:

Man sollte keine 3-Sterne-Küche erwarten. Wer sich neben selbstgekochten Gerichten mit Backfisch, riesigen Burgern und leckeren Pommes zufrieden gibt, wird nirgendwo Probleme mit leerem Magen bekommen. Fast jede Ansiedlung verfügt über einen Schnellimbiss mit meist hervorragender Qualität. Überall sind kleine Supermärkte und Diaries (Tante-Emma-Läden) teils auch Sonntags offen anzutreffen. Und wenn nichts von alledem am Wegesrand auftaucht, erfüllen die Tankstellen fast jeden kleineren Wunsch.

Zum Kochen muss man nicht unbedingt einen Kocher (Campinggas-Kartuschen werden angeboten!) mitbringen, denn es gibt auf fast jedem Zeltplatz ausgezeichnet eingerichtete und ausgestattete Gemeinschaftsküchen. Dort kann man sich meist auch an einem großen Tisch niederlassen. Zum Frühstück konnten wir uns in den Küchen fast immer frisches Weißbrot toasten.


Reisebericht: (Texte quer ausdrucken)

Nordinsel

Es ist Februar, und unser diesjähriger Sommerurlaub ist angebrochen. Die Landschaft ist tiefverschneit, und das Außenthermometer zeigt minus zweiundfünfzig Grad Celsius. Wie das geht? Ganz einfach, wir sind auf dem Weg nach Neuseeland, ans andere Ende der Welt. Noch nie sind wir so weit geflogen, um eine Radtour zu unternehmen. Und jetzt ist es fast soweit. Der Landeanflug steht kurz bevor, und die Aufregung steigt. Dabei ist bis jetzt alles prima gelaufen. Vor fast 30 Stunden sind unsere Räder im Frankfurter Flughafen am Schalter der Lufthansa von einem Angestellten persönlich abgeholt worden. Mit dem restlichen Gepäck, das wir in zwei leichten Seesäcken verstauten, gab es dann keine Probleme mehr. Auch die befürchteten Sitzschwierigkeiten sind bis jetzt ausgeblieben, und sogar die Langeweile hielt sich in Grenzen. Guter Service, neue Kinofilme, mehrere leckere Mahlzeiten  und Zwischenlandungen in Los Angeles und Honolulu sorgten dafür. Zwischendurch war immer wieder Zeit für ein Nickerchen, so dass wir nun einigermaßen ausgeruht auf die Landung warten. Gerade gibt der Pilot über Lautsprecher die Wetterdaten durch: Zwanzig Grad Celsius und Nieselregen. Das fängt ja schon gut an! Kurze Zeit später nehmen wir am Sondergepäckschalter neben dem Kofferband die Räder wieder in Empfang. Vor dem Flughafengebäude montieren wir wegen des Nieselregens unter einem Vordach die Pedale, stellen den Lenker gerade und verteilen die Gepäcktaschen auf die Räder.

Und dann geht es endlich los! Unser Radtraum in Aotearoa, dem Land der langen weißen Wolke, wie es die Maoris nennen, kann beginnen. Aber halt! Schon sind wir auf der falschen Straßenseite gelandet. An den ungewohnten Linksverkehr im britisch geprägten Neuseeland muss man sich erst einmal gewöhnen. Besonders auf Kreuzungen und an Abzweigungen muss man sich am Anfang der Reise förmlich auf die "falsche" Seite zwingen. Besonders gilt das bei schwachem Verkehrsaufkommen, wenn die anderen Verkehrsteilnehmer durch ihre Anwesenheit nicht dauernd zeigen, wie es richtig ist.

Am späten Nachmittag erreichen wir hundemüde einen kleinen Zeltplatz am Meer. Fast nicken wir schon beim Ausziehen der Kleidung ein. Der befürchtete Jetlag durch zwölf Stunden Zeitverschiebung und der lange Flug fordern nun ihren Tribut. Der tiefe Schlaf entlässt uns erst wieder am Vormittag des nächsten Morgens. Glücklicherweise hat es aufgehört zu regnen, und wir versuchen, uns vor dem Zelt ein bescheidenes Frühstück zu bereiten. Das Zischen des Gaskochers lässt auf einen heißen Kaffee hoffen, als wir erstaunt gefragt werden, ob es uns in der Küche nicht gefällt. Schließlich bekommen wir heraus dass dieser Campground eine komplett eingerichtete Küche mit mehreren Tischen besitzt. Sofort wird der Umzug ins Warme beschlossen. Begeistert stecken wir das weiche Weißbrot in den Toaster, während auf dem Herd die Spiegeleier bruzzeln. Doch das ist noch längst nicht alles, was an Ausstattung bereitsteht: Backofen, Mikrowelle und Kühlschrank sind auch noch da! In den nächsten Wochen erkennen wir, dass diese Ausstattung auf den hiesigen Campingplätzen die Regel und keinesfalls eine seltene Ausnahme darstellt. Damit kommt dieses Land in außerordentlicher Weise den nur mit dem Notwendigsten ausgestatteten Radlern und Trampern entgegen. Nicht nur dass unsere Gasvorräte auf diese Weise geschont werden. Auch bieten diese großen Küchen einen angenehmen Schlupfwinkel, der zugleich allabendlicher Treffpunkt Gleichgesinnter ist. Gut gestärkt geht es weiter auf den oft schnurgeraden Straßen an der Küste entlang. In der Ferne ist bereits das nächste Ziel, die Coromandel-Halbinsel, zu sehen. An einer Tankstelle machen wir eine kurze Rast und probieren das erste Eis in Neuseeland. Sofort wird klar, warum jeder Neuseeländer statistisch gesehen viele Kilogramm Eis im Jahr zu sich nimmt. Bei dem tollen Geschmack, den vielen angebotenen Sorten und den spottbilligen Preisen hierfür, fällt jedes mal die Auswahl wieder schwer und das Eis viel zu groß aus. Mein absoluter Favorit heißt Goody-Goody-Gumdrops, schmeckt nach Kaugummi und hat außerdem noch kleine klebrige Weingummis eingemischt. Marion dagegen hat das Karameleis Hoky-Poky auf den ersten Platz ihrer Beliebtheitsskala gesetzt, das sie mindestens einmal pro Tag zu sich nehmen muss.

Erst am Nachmittag ist Thames auf Coromandel erreicht. Der saubere Ort hat einen starken Wildwest-Charakter und besteht in der Hauptsache aus einer langen Ladenstraße mit unzähligen betagten Autos vor den Geschäften. Die Gehwege sind fast durchgängig von den typischen Vordächern der Geschäfte, Restaurants oder Banken überspannt. Es herrscht ein geschäftiges Treiben, während wir die Räder neugierig an den Auslagen vorbeischieben. Direkt hinter den Häusern beginnt schon der Urwald und scheint dabei geradewohl in die Stadt hinein zu wachsen. Sonst gibt es hier nicht all zuviel zu sehen. Genauso schnell wie hereingekommen ist man auch schon wieder am Ortsausgang. Jetzt beginnt die Landschaft, sich von der erwarteten Seite zu zeigen. Weiter auf der direkt am Wasser verlaufenden Küstenstraße fahrend taucht man langsam in eine stark bewachsene Hügellandschaft ein. Dicht und grün überwuchert zieht uns die Pflanzenwelt in ihren Bann. Viele uns fremde Bäume strahlen einen Hauch von Exotik aus. Immer wieder ist alles über und über mit großen lila Blütenteppichen bedeckt. Trotz des Wochenendes ist es regelrecht einsam hier, nur in den Wäldern herrscht ein Höllenlärm. Ein Konzert nie gehörter akustischer Eindrücke ergießt sich über uns. Wir halten an, um vielleicht den einen oder anderen Solisten im Blattwerk ausmachen zu können. Es muss vor pfeifenden, zischenden und zirpenden Tieren nur so wimmeln, aber zu Gesicht bekommen wir kein einziges Exemplar. Doch, einige Tiere kann man sehen. Die sind aber stumm, schwarz, klein und beißen schmerzhaft zu: Sandflies. Obgleich jeder Reiseführer diese kleinen Plagegeister als Kampfmücken beschreibt, die überall in Truppenstärke auftreten, bleiben wir zunächst von den stark juckenden Stichen weitgehend verschont. Nur an ganz wenigen Orten muss die chemische Keule "Dimp" zur Gegenwehr eingesetzt werden, da die aus deutschen Landen mitgebrachten Mittel hier absolut wirkungslos erscheinen. Auf jeden Fall sollte man sich aber vor dem ersten Gebrauch in aller Ruhe den rückseitigen Dosenaufdruck zu Gemüte führen. Spätestens bei den Warnhinweisen muss jeder mit sich selbst abklären, ob er die Chemie auf der Haut den vielen Stichen vorzieht. Wir verzichteten kurzerhand auf das Lesen des Etiketts und wurden dafür mit verätzten Kunststoffgläsern unserer Armbanduhren bestraft. Aber auch auf Lacke sollte das Mittel auf gar keinen Fall gelangen...

Hinter dem bald auftauchenden Ort Coromandel wird unser frühes Lob über die hervorragenden Straßen arg bestraft. Eine steile, oft seitlich abfallende Piste ist mit losem Schotter gedeckt und führt durch den dschungelähnlichen Wald auf die andere Seite der Peninsula nach Kuoatunu. Im Vergleich zu den bisher recht geruhsam auf relativ flachem Terrain zurückgelegten Kilometern hält uns dieser Pass außer Atem, bis sein Scheitelpunkt mit nur 350 Höhenmetern erreicht wird. Zu den schwierigen Straßenverhältnissen kommt noch der Umstand zum Tragen, dass wir jetzt, Mitte Februar, ohne jegliche Trainingseinheiten die lange Reise antreten mussten. Trotz der eher mäßigen Höhendifferenz sind wir daher völlig erschlagen. Dauernd rutschen die Hinterräder weg, und oft ist es so steil, dass ein Anfahren auf dem losen Untergrund unmöglich wird. Die um uns herum wuchernde grüne Hölle entschädigt aber mehr als genug für die unerwartete Strapaze. Die Vegetation scheint sich selbst beim Wachsen zu behindern, so dicht ist alles. Der absolute Blickfang ist aber der hier massenhaft vorkommende Farn, der an einigen Stellen alles andere in den Hintergrund zu drängen scheint. Nie zuvor konnten wir derartig große Exemplare bestaunen. In Baumgröße wachsen sie an den Berghängen und verleihen der Natur einen überaus exotischen Charakter. Seit Stunden fahren wir nun alleine und saugen ohne Ablenkung die fremden Eindrücke in uns auf. Kein Fahrzeug stört uns in dieser einsamen Bergwelt. überglücklich und müde erreichen wir das heutige Tagesziel. Der Abend vergeht bei der unplanmäßig vorgezogen Radpflege. Die mit einer dicken Staubschicht überzogenen Räder haben eine Grobsäuberung verdient und die Kette ein paar Tropfen Öl dringend nötig.

Für heute haben wir uns den Hot Water Beach als Höhepunkt des Tages vorgenommen. Die Küste begeistert uns auch weiterhin, was schon leichte Euphorie in uns ausläst. Wenn das so weitergeht, werden alle Erwartungen an die Nordinsel von Neuseeland reichlich übertroffen. In Whitianga wollen wir als Abkürzung eine bequeme Alternative zur Straße nutzen und uns von einer Fähre zum gegenüberliegenden Ufer der wunderschönen Bucht bringen lassen. Doch so einfach, wie wir es uns vorgestellt haben, ist das Besteigen des Schiffes doch nicht. Nur für den Personentransport gebaut, ergeben sich erhebliche Probleme, um auf das Deck zu gelangen. Da keine Öffnung in der Bordwand vorhanden ist, müssen wir die schweren Räder über die Reling hieven. Dank vieler hilfreicher Hände ist es aber doch schnell geschafft, und wir tuckern bald gemütlich ans andere Ufer der Bucht.

Ein großes Menschenaufkommen empfängt uns dann am Hot Water Beach, dem Strand der heißen Quellen. Hier lassen wir die Räder aber nicht unbeaufsichtigt stehen! Da ich wieder einmal das kürzere Stöckchen gezogen habe, bleibe ich zunächst bei den Rädern zurück, als Marion sich zum Strand aufmacht. Während ich auf ihre Rückkehr warte, bleibt genügend Zeit, um die vorbeikommenden Menschen zu beobachten. Erstaunt muss ich feststellen, dass die Mehrzahl der vorübergehenden Leute aus unserer Heimat kommt. Natürlich bin ich mit den zwei schwer bepackten Rädern neben mir nicht lange ohne Unterhaltung. Fast jeder meint, im Vorübergehen einen komischen Kommentar abgeben zu müssen, und glaubt, dass ich ihn nicht verstehen würde. Doch einige sind wirklich interessiert, wohin unsere Reise noch führen mag, und sprechen mich darauf an. So ist die Zeit auch schnell verstrichen, bis Marion wieder zurück ist. Aufgrund ihrer Beschreibung begebe auch ich mich zu diesem seltenen Naturschauspiel. Schon von weitem sieht man die Leute bis an die Knie versunken am Strand stehen. Beim Näherkommen entdeckt man, das sie in kleinen Löchern stehen, die sich nach dem Ausgraben des Sandes sofort mit heißem Wasser füllen. Einigen ist es viel zu heiß. Ein Eimer kaltes Meerwasser bringt die Temperatur aber schnell auf erträgliche Werte. Es ist faszinierend, hier mit den Füßen direkt am Meer in heißen Quellen stehen zu können. Eindrucksvoller als am eigenen Körper kann man die neuseeländische Geothermik wohl nicht erfahren.

Die lange Küste wird im Anschluss an die geschützte Bucht von starker Brandung heimgesucht. Diese lässt das Baden leider zum gefährlichen Pokerspiel werden. Für viele ist das jedoch die ideale Voraussetzung, um sich mit bunten Surfboards die Zeit beim Wellenreiten zu vertreiben. Die Brandung erreicht zwar nicht die aus Hawaii bekannten Superhöhen, doch für längere Balanceakte reicht es allemal.

Mittlerweile ist das Wetter zu hochsommerähnlichen Temperaturen übergegangen, und die Sonne scheint gnadenlos von einem klaren, stahlblauen Himmel. Trotz der vielen Warnungen im Radio und in den Zeitungen haben wir uns heute zu spät und nicht gut genug mit Schutzcreme eingerieben. Die angegebene burntime beträgt zur Zeit ungefähr sechzehn Minuten. Das bedeutet, dass die ungeschützte Haut nach dieser Zeitdauer von den harten Sonnenstrahlen geschädigt wird. Obwohl wir ein mitgebrachtes Mittel mit Schutzfaktor 16 angewendet haben, sind wir ganz schön verbrannt. Sogar die Schultern sind durch die T-Shirts hindurch sichtbar gerötet worden! Es ist durchaus angebracht, die höchsten in Neuseeland erhältlichen Schutzfaktoren 28 oder gar 45 aufzutragen, denn die ultraviolette Strahlung nimmt eine erhebliche Intensität an. Zum Sonnenbrand trägt dabei gewiss auch die glasklare Luft bei. Das aber beschert uns einen überaus erfreulichen Nebeneffekt: An den meisten Tagen herrscht eine unglaubliche Fernsicht, soweit das Auge reicht.

Baumgroße Hecken begrenzen plötzlich die Straße. Wir sind neugierig geworden und nutzen eine kleine Lücke im dichten Geäst, um einen kurzen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Zu unserer Überraschung stehen dort in Reih und Glied üppige Obstbäume, die im Windschatten der Hecken einigermaßen geschützt die schönsten Früchte hervorbringen. Obwohl wir uns nicht gut dabei fühlen, können wir es nicht lassen, die dort drüben hängenden Nashis zu probieren. Diese saftige Frucht sieht aus wie eine Kreuzung aus Birne und Apfel und ist mittlerweile zu unserem Lieblingsobst geworden. Mit schlechtem Gewissen, aber vollem Bauch, steigen wir wieder auf unsere Drahtesel. In den nächsten Stunden sind die Plantagen unser ständiger Begleiter. Natürlich mopsen wir auch noch ein paar riesige Kiwifrüchte, die neben der Straße an niedrigen Sträuchern wachsen. Etwas später erreichen wir bei Te Puke das Ausflugsziel "Kiwi Fruit Country". Schon am Eingang der großen Plantage empfängt uns eine Aussichtsterrasse in Form einer riesigen Kiwischeibe. Von oben gewinnt man einen ausgezeichneten Überblick über das Gelände. Direkt nebenan liegt der Kiwi-Souvenirshop. Hier wird der Kult um die süße, stachelbeerähnliche Frucht auf die Spitze getrieben. Angefangen von Kleidung, Schmuck, über Wein und Likör hat alles den Aufdruck oder Geschmack des haarigen Obstes. Nur bei der Kiwiseife sind wir nicht sicher, ob sie nun gut duften oder schmecken soll. Wieder draußen angelangt bietet sich noch die einmalige Gelegenheit, in stilisierten Kiwiwagen zu einer Besichtigungstour durch die Plantage zu starten. Wir verzichten leichten Herzens darauf, auch auf die Gefahr hin, eine bleibende Bildungslücke zu riskieren.

Das schöne Wetter hat sich noch nicht geändert, als wir in Rotorua eintreffen. Geothermische Aktivität beherrscht das ganze Stadtgebiet und die weitere Umgebung. Sogar auf dem Campingplatz blubst und blubbert es an mehreren Stellen. Warmer Schwefelgeruch weht uns ins Zelt und um die Nase. Auf dem Weg zum touristischen Höhepunkt der Stadt kommen wir zwangsläufig an einem mitten im Thermalgebiet liegenden Golfplatz vorbei. Dampf tritt überall unter leisem Zischen aus Spalten und Löchern. Direkt daneben versuchen einige gut gekleidete alte Herrschaften die kleine weiße Kugel fachgerecht, unter voller Konzentration einzuputten. Wie viele Bälle mögen hier wohl schon in der Erde verschwunden sein?

Whakarewarewa heißt unaussprechlich das Gebiet mit der größten Konzentration an heißen Schlammlöchern und zischenden Fumarolen. Auch ein Geysir soll hier sein heißes Wasser regelmäßig in die Höhe pusten. Der Parkplatzaufsicht vor dem Gelände vertrauen wir für die nächsten Stunden die Räder an. Als Gegenleistung müssen wir ihnen unsere Tour durch Neuseeland beschreiben. Mit dem unterdessen schon oft gehörten Satz "That`s the only way to see New Zealand" werden wir entlassen. Kunstvolle, feuerrote Schnitzereien empfangen den Besucher am Eingang. Jeder muss sich durch ein niedriges Holztor in das abgegrenzte Areal begeben. Leiernde Volksmusik der Maoris berieselt einen jeden im Bereich der Kasse. Die Melodien klingen nach Südsee und wecken wieder das Bewusstsein dass man sich ja auch fast genau dort befindet. Langsam schlendern wir auf gepflegten Wegen durch das große Areal an unzähligen Öffnungen in der dünnen Erdkruste vorbei. Dabei können wir die unterschiedlichsten Zeugnisse der Geothermik beobachten. Dicker dunkelgrauer Schlamm wabbert in großen und kleinen Kratern. Unablässig hebt sich die schmutzige Oberfläche, um eine Blase nach der anderen zu bilden, die kurz darauf mit einem trockenen "Plöpp" wieder zerplatzt. Dicke Schlammspritzer fliegen daraufhin in großem Bogen hoch. Entweder überziehen sie den näheren Bereich mit einer breiigen Schicht, oder sie fallen platschend wieder in die bewegte Masse zurück. Manche dieser Mudpools sind schon ausgetrocknet und fristen ein traurig anzuschauendes Dasein. Nebenan strömt aus den Rissen im Felsgestein zischend heißer Dampf aus. Gelber elementarer Schwefel hat sich deutlich sichtbar daneben auf der Oberfläche einer Fumarole abgesetzt, was ein wenig Farbe in diese Waschküchenszenerie zaubert. Das ganze Gebiet ist dicht bewachsen, und die überall aufsteigenden Dampffahnen erzeugen ein geradezu unwirkliches Bild.

Erwartungsvoll nähern wir uns einem weiteren Höhepunkt, dem Pohutu Geysir. Wann wird er wieder ausbrechen? Ein wenig eilig laufen wir zu dem sicheren Aussichtspunkt und warten mit schussbereiter Kamera auf das, was jetzt wohl kommen mag. Plötzlich bekommen wir dann die Urgewalt der Erde zu spüren. Mit lautem Fauchen entlädt sich der Druck und schleudert Unmengen Dampf und heißes Wasser tosend in den Himmel hinauf. Eine kleine Seniorengruppe hat es nicht mehr rechtzeitig bis zum Aussichtspunkt geschafft. Das wieder herunterfallende Wasser durchnässt ihre Kleidung, während sie sich fluchtartig entfernen. Vor lauter Schadenfreude und Gafferei habe ich doch glatt vergessen, den faszinierenden Augenblick des Ausbruches auf Celluloid zu bannen. Doch der Geysir lässt nicht lange auf den nächsten Ausbruch warten. Regelmäßig, ein bis zweimal pro Stunde, erfreut er die Zuschauer mit seiner spektakulären Show, um dann natürlich wieder einige ahnungslose Besucher zu durchnässen. Im weiteren Verlauf des Tages haben wir noch die Möglichkeit, in diversen Gebäuden die frühere Lebensart der Maoris kennen zu lernen. Besonders von den langen schmalen Booten sind wir sehr angetan. Man glaubt es kaum, dass diese einmal ein seetüchtiges Fortbewegungsmittel waren, als der weiße Mann noch nicht im Lande war.

Die Straßenkarte zeigt nur wenige Kilometer weiter mit Waimangu die nächste "heiße" Attraktion an. Während in Whakarewarewa kleinere Quellen, Schlammpools und Unmengen von Touristen das Bild beherrschen, ist es hier wohltuend ruhig. Ein langer Wanderpfad hindert uns am weiterfahren. Also lassen wir kurzerhand die Räder am Parkrestaurant stehen und begeben uns auf Schusters Rappen hinunter zu den großen dampfenden Seen und Bächen, die in den Farben der verschiedensten Algenarten leuchten. Wie still es hier doch ist, denke ich gerade. Völlig unerwartet donnert in diesem Augenblick ein uralter Bus an uns vorbei. Einige der Insassen erkennen wir wieder, da sie mit uns aufgebrochen waren. Das ist natürlich auch eine Art, dem müden Wanderer den steilen Rückweg zu ersparen. Auch wir erliegen etwas später der Versuchung und lassen die halsbrecherische Fahrt in diesem Ungetüm über uns ergehen.

Langsam fallend führt die Straße nun direkt auf den Lake Taupo zu. Ein fantastisches Panorama tut sich da vor uns auf: Über dem tintenblauen Wasser des Sees erhebt sich majestätisch das mächtige Vulkangebirge des Tongariro-Nationalparks mit seinen schneeweißen Bergkuppen. Die Straße leitet uns direkt am See entlang. Der breite Rasenstreifen neben der Straße animiert uns, vor diesem herrlichen Panorama Rast zu machen. Natürlich können wir das Tagesangebot des direkt nebenan liegenden Pizzarestaurants nicht ablehnen. Ich flitze hinüber und halte kurz darauf zwei große Pappschachteln mit unwiderstehlich duftendem Inhalt in den Händen. Mit dauerndem Blickkontakt zu den Lavabergen vertilgen wir die Kalorienration für die nächsten zwei Tage. Mit dicken Bäuchen quälen wir uns faul wieder auf die Räder. Hier müsste man jetzt sein Zelt aufstellen dürfen! Ein paar Kilometer weiter führt die Desert Road mit ständig wechselnden Aussichten direkt an dem spektakulären Gebirge vorbei. Sind die beiden Berge Mt. Tongariro und Mt. Ngauruhoe auf den ersten Blick vom Laien nicht als Vulkan zu erkennen, entschädigt doch der unaussprechliche Mt. Ruapehu mit der typischen Kegelform. Dunkel und geheimnisvoll ragt er neben der kurvenreichen und hügeligen Straße in den blauen Himmel, und tiefe Furchen ziehen sich vom Kraterrand bis hin zu seinem Fuße. Es ist brütend heiß, kleine Teerbläschen platzen unter dem Druck unserer Reifen, und mitgeschleppte klebende Splittsteinchen rasseln durch die Schutzbleche. Schweißnass kämpfen wir uns den über 1000 Meter hohen Pass hinauf. Wenn keines der seltenen Autos in der Nähe ist, härt man nur ein leises Surren der Ketten. Ansonsten ist es totenstill. Lange dauert die Fahrt durch die nun wüstenartige trockene Steppe. Links und rechts des Weges ist außer einigen trockenen Grasbüscheln nur noch Sand und Schotter zu sehen. Nichts deutet auf irgendwelche Lebewesen in diesem Gebiet hin. Welch ein Kontrast tut sich hier gegenüber der vergangenen "grünen Woche" auf.

Waiourou ist die nächste Ansiedlung, und auch die Überlandbusse haben dort einen Haltepunkt. Es ist bereits spät am Nachmittag, und kurzentschlossen nutzen wir die Gelegenheit, um uns während der Nacht nach Wellington bringen zu lassen. Der Entschluss fällt insofern leicht, da fast alle Radler, die wir bisher gesprochen hatten, von der vor uns liegenden langweiligen und verkehrsreichen Strecke abgeraten haben. Nachdem die Pedale abgebaut und im Gepäck verstaut sind, der Lenker schräg steht und die Kette mit Zeitungspapier provisorisch abgedeckt ist, steht einer Mitnahme im Bus nichts mehr im Wege. Ein spezieller Gepäckraum am Heck des Busses nimmt die Packtaschen und beide Räder auf. An den Vorderrädern an das Busdach gehängt, warten sie nun zwischen Päckchen und Kisten darauf, wieder rollen zu dürfen. Für diesen Service berechnet der Busfahrer lediglich zehn Dollar.

 

Südinsel

Durchgeschüttelt und mit steifen Gelenken erreichen wir am nächsten Morgen die Hauptstadt Neuseelands. Natürlich macht diese bei unserem Eintreffen ihrem schlechten Ruf als Schlechtwetterloch alle Ehre: Starker Wind und Regen begleiten uns auf dem kurzen Weg vom Busbahnhof zur Fähre. Einige Gleichgesinnte kommen gerade aus der Gegenrichtung mit unserem Schiff an. Nach einigen flüchtigen Worten fahren wir über eine stählerne Rampe in den dunklen Schlund der Autofähre. Unter Deck müssen die Räder mit Spanngurten verzurrt werden. Naturgemäß dauert das seine Zeit, und so sind wir auch nicht überrascht, dass auf dem überfüllten Schiff kein Fensterplatz mehr zu ergattern ist. So dicht gedrängt halten wir es nicht lange bei der unglaublichen Geräuschkulisse und der schlechten Luft unter Deck aus. Die Nässe auf Deck stellt sich schnell als das kleinere Übel dar. Doch während der Überfahrt zur Südinsel reißt der Himmel auf, und beim Anlegen in Picton scheint die gleißende Sonne wieder von einem fast wolkenlosen Himmel. So lassen wir uns das gefallen. Tiefblau bis blaugrün schimmert das glasklare Wasser in diesem weit verzweigten Fjordgebiet. Vom einsamen Queen Charlotte Drive aus sind weite Blicke auf das grüne Küstenparadies die Regel. Dicht bewachsene Landzungen ragen weit in  die Tasman See hinein. Wäre da nicht die exotische Vegetation, könnten aufgrund der fjordartigen Küstenlinie leicht südskandinavische Erinnerungen geweckt werden. Im Rausch der Sinne bemerken wir erst gar nicht dass sich eine dunkle Wolkenfront hinter uns aufgebaut hat. Diesmal erwischt es uns zum erstenmal richtig. Strömender Regen und starke Böen lassen die Etappe durch die Berge nach Nelson zur Qual werden. Die Kleidung klebt am Körper, und unsere Schuhe laufen gleich über. Da es noch sehr warm ist, ziehen wir so viel Kleidung wie möglich aus und kämpfen unverdrossen gegen die Wassermassen an. In Havelock müssen wir fürs erste ins Trockene. Ein kleines Cafe bietet uns Schutz, bis der Regen eine kleine Pause einlegt. Wir nutzen die Zeit, um bei Kaffee und leckeren Sandwiches unsere vernachlässigten Urlaubsgrüße in passende Texte zu fassen. Durch die großen Scheiben sehen wir schon von weitem zwei Radler auf uns zukommen. Erfreut über die Chance zu einem netten Plausch mit Gleichgesinnten sprechen wir die beiden an. Doris und Werner kommen aus Kiel und sind zeitgleich mit uns für sechs Wochen hier in Neuseeland. Da wir uns auf Anhieb sehr sympathisch sind, beschließen wir, gemeinsam ein wenig zusammen weiter zu fahren. Der Wettergott hat wenig Einsehen mit uns vieren und öffnet wieder die Himmelsschleusen. Es schüttet wieder wie aus Eimern, und so langsam haben wir die Faxen dicke. Die nächste Chance zur Beendigung dieser unerfreulichen Etappe ist nach einigen weiteren Kilometern gegeben. Die Aussicht auf eine heiße Dusche, das trockene Zelt und den warmen Schlafsack lässt unsere Mienen wieder freundlicher werden. Glücklich angekommen genießen wir eine weitere Annehmlichkeit der Campingplätze in Neuseeland, die Cabins. Kaum teurer als ein Stellplatz für das Zelt, kann man auf fast jedem Platz eine kleine Holzhütte mieten. Zwei bis vier Betten, ein Heizlüfter und meistens auch ein Toaster gehören zur einfachen Einrichtung. Schnell sind wir nach der heißen Dusche wieder aufgewärmt, und auch die nasse Kleidung wird bis morgen wieder trocken sein. Allerdings steigt die Luftfeuchtigkeit in dem kleinen Raum schnell an, denn der warme Luftstrom des Gebläses leistet ganze Arbeit. Dass der Wetterbericht weiteren Regen verspricht berührt uns nicht weiter. Die Vorhersagen treffen nur in den seltensten Fällen wirklich einmal zu. Und auch diesmal liegt sie falsch, denn wir kommen am nächsten Tag trocken am ersten Highlight der Südinsel, dem Abel Tasman Park, an. Doris und Werner zieht es morgen gleich wieder weiter, obwohl sie noch genau so viel Zeit haben wie wir. Leider müssen sie nach Umrundung der Südinsel wieder nach Auckland zurückfahren. Wir haben uns die Rückfahrt über die Nordinsel gespart und begeben uns von Christchurch aus auf den Heimweg. Dadurch kommen wir in den Genuss, die ausgesuchten Sehenswürdigkeiten in aller Ruhe besuchen zu können. Aber in vier Wochen sehen wir uns ja wieder, denn zufällig sitzen wir in der gleichen Maschine auf dem Weg nach Deutschland. Natürlich sind wir alle gespannt, was uns bis dahin noch alles passieren mag. Auf jeden Fall aber werden wir auf dem Rückflug keine Langeweile haben, denn zu erzählen gibt es wohl genug nach sechs Wochen Urlaub.

Kaiteriteri ist das Sprungbrett zum sehr sehenswerten Abel Tasman Nationalpark. Ein wunderschöner Zeltplatz liegt hier in direkter Sichtweite zum Meer. In unmittelbarer Nähe legen die Ausflugsschiffe der Wilson Familie ab, um Wanderer in den Park zu bringen und anschließend auch wieder abzuholen. Speziell Wanderer und Paddelbootfahrer kommen hier voll auf ihre Kosten. Um alle möglichen Pfade durch den Park zu erkunden, bedarf es vieler Wandertage in unberührter Natur. Wir begnügen uns mit der Standardtour, die einen guten Einblick in die fantastische Flora dieses Areals ermöglicht. Nachdem uns das Spezialboot "Abel Tasman Explorer" nach einer einstündigen Fahrt an einem einsamen Strand abgesetzt hat, warten wir ein wenig, bis sich die wenigen anderen Besucher im Wald verlieren. Der Urwald widersetzt sich mit aller Macht erfolgreich der Gewalt des Meeres, und so verbleibt für den goldgelben Traumstrand nur ein schmaler Streifen zwischen Wasser und Wald. Direkt an der Küste führt ein schmaler Trampelpfad durch die dichte Botanik. Hohe Bäume sind über und über mit knorrigen Wurzeln und weichen Moosen besetzt. Auch die Steine tragen einen dicken grünen Teppich, der hier in der feuchten, kühlen Luft die besten Voraussetzungen zum üppigen Gedeihen vorfindet. Zwischendurch sorgen immer wieder die baumgroßen Farne mit ihren meterlangen Blattwedeln für ungemein anziehende Blickfänge. Wenn sich der Pfad unter den großen Wedeln hinweg schlängelt, gleichen diese beim Blick nach oben einem überdimensionalen Sonnenschirm. Atemberaubend schwingende Hängebrücken führen über tiefe grüne Schluchten hinweg, in denen klare gurgelnde Bäche heraufschimmern. Zwischendurch öffnet sich das Grün und ermöglicht fantastische Ausblicke auf weißsandige und goldene Traumbuchten. Nur vereinzelt sieht man in diesem entlegenen Erdwinkel auch einige Häuser stehen. In ihrer Abgeschiedenheit sind sie nur über einen langen Fußmarsch oder bei Flut mit dem Boot zu erreichen. Viel zu schnell endet die wohl schönste Wanderung meines Lebens an einem Strand, der jetzt bei Ebbe gigantische Ausmaße annimmt. Bald landet hier wieder das Boot, um uns zum Ausgangspunkt des Ausfluges, nach Kaiteriteri, zurück zu bringen. Doch bis es soweit ist, nutzen wir die Gelegenheit zu einem kalten Bad in den glasklaren, grünlich schimmernden Fluten. Mehrere Seekajaks ziehen derweil lautlos an uns vorüber. Auch vom Wasser aus bieten sich unzählige postkartenreife Ausblicke auf dieses geschützte Naturparadies. Am Abend dürfen sich die Paddler eine verschwiegene Bucht suchen, um dort die Nacht abseits der Zivilisation allein mit dem Meeresrauschen, am Rande des Dschungels zu verbringen. Hätten wir eine Woche mehr Zeit, ich glaube, wir würden ohne zu zögern für ein paar Tage die Räder gegen diese eleganten Boote eintauschen. So aber bleibt nur die Möglichkeit, bei einem späteren Besuch dieses Versäumnis nachzuholen.

Mit ein wenig Wehmut machen wir uns auf zur Westküste. Viele bergige Kilometer durch ein großes Waldgebiet müssen bis dorthin noch zurückgelegt werden. Mit Vorsicht sind die Eintragungen der Straßenkarte für dieses Gebiet zu deuten. Statt der erwarteten Ortschaften findet man manchmal nur einzelne Häuser oder auch gar nichts vor. Wenn der Hunger quält, muss nicht selten auf die mitgeführte Proviantreserve zurückgegriffen werden, denn die Möglichkeiten zu Einkehr oder Einkauf sind rar geworden. Am nächsten Morgen ist die Wiese gefroren, es hat den ersten Frost dieses Herbstes gegeben. Viel zu früh erwischt uns die Kälte, die in den kommenden Nächten unser ständiger Begleiter wird. Hoffentlich ist das nicht schon der Vorbote für einen frühen Wintereinbruch.  Auf jeden Fall zwingt uns aber der eiskalte Südwind ab jetzt auch tagsüber oft dazu, die warmen Jacken auszupacken.

Hinter Murchison soll es der Karte nach nur noch abwärts zur Küste gehen. Was aber als gemütliche Abfahrt geplant war, entpuppt sich schnell zur nervtötenden Trampelei gegen den die Schlucht hinaufblasenden Gegenwind. Unterwegs müssen wir immer wieder an einer typischen "one lane bridge" anhalten. Diese Brücken haben nur eine Fahrbahn und sind so schmal, dass ein Lastkraftwagen gerade noch Platz findet. Für einen Radler bleibt da kein Raum mehr, so dass wir dem Stärkeren gerne den Vortritt lassen. Aber nicht nur auf Automobile müssen wir achten. Auch die Eisenbahnlinie weicht oft auf diese Brücken aus. So bieten diese eigenwilligen Konstruktionen bei minimalem Aufwand einen maximalen Nutzen. Der nächste Zwangsstop ist ebenso ungewöhnlich für uns Mitteleuropäer. Unter lautem Hupen zwingt uns eine Polizeistreife auf den Seitenstreifen. Beim Blick zurück weiß ich nicht, ob ich erschrocken oder belustigt reagieren soll. Ein Laster mit einem ganzen Haus auf der Ladefläche rast auf uns zu. Auf beiden Seiten überragt das hölzerne Gebilde das Trägerfahrzeug um mehrere Meter und nimmt so die ganze Straßenbreite ein. Wir weichen ob der großen Geschwindigkeit des Hauses lieber noch ein wenig weiter zurück. Beim Vorbeifahren des Umzuges sehen wir, dass überstehende Teile des Hauses einfach abgesägt wurden. Wahrscheinlich werden das Vordach und die Veranda am neuen Stellplatz einfach wieder angenagelt. An den Fenstern hängen noch die Gardinen, und es hätte uns nicht weiter gewundert, wenn auch noch die Blumen auf der Fensterbank gestanden hätten.

Stark bewachsen präsentiert sich die Buller Gorge. Mehrere Aussichtspunkte lassen einen Blick hinunter auf den Fluss zu und verleiten immer wieder zu Verschnaufpausen. Doch wir sind bei voller Konzentration damit beschäftigt, den Wind durch ständiges Mittreten in die Knie zu zwingen. So haben wir uns diese Abfahrt aber nicht vorgestellt. Todmüde verbringen wir die nächste Nacht bei ruhigen Nachbarn, denn der schöne Zeltplatz geht direkt in einen Friedhof über. Erst direkt vor Westport wird es wieder flacher. Am Carters Beach wartet die Tasman-See mit einem endlosen schwarzen Strand auf uns.

Akkurat geschnittene Rasenflächen scheinen auch hier an der Westküste das Hobby der Neuseeländer zu sein. Sogar die Straßenränder sind nicht von dieser Augenweide, die sich bis weit in unbewohnte Gebiete fortsetzt, verschont worden. Aber von nun an haben wir für diese "kleinen" Schönheiten keine Augen mehr, denn eine Sehenswürdigkeit nach der anderen zieht uns in ihren Bann. Die Pancake Rocks, auf deutsch Pfannkuchenfelsen, machen schon aus einiger Entfernung durch die lange Schlange parkender Autos und Busse auf sich aufmerksam. Doch zu sehen ist von der Straße aus beim besten Willen nichts. Dichte mannshohe Büsche verdecken den Blick auf ein Naturschauspiel, das seinesgleichen sucht. Nur ein tiefes Grollen macht ab und an auf etwas Ungewöhnliches aufmerksam. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir die oft abgelichtete Szenerie. Eine kraftvolle Brandung rollt hier gegen die ungeschützte Steilküste mit brachialer Gewalt an. Mit lautem Getöse krachen die schäumenden Wogen gegen das Gestein und pressen sich in unzählige ausgewaschene Höhlen und Spalten. Der Druck reicht aus, um das Wasser hoch über der Meeresoberfläche mit großer Geschwindigkeit aus den Gesteinsöffnungen herauszudrücken. Gewaltige Fontänen lassen dabei das Herz des Fotografen jubeln. Aus Rücksicht auf die empfindliche Mechanik und Vergütung der Linsen empfiehlt es sich, angesichts des Salzwassernebels zum Teleobjektiv zu greifen. Diese Kaltwassergeysire, so wirken sie fast auf den Beobachter, waschen nach und nach das lockere Gestein aus den festeren Schichten heraus. Dabei entstehen die charakteristischen Gebilde, die an viele aufeinander gestapelte Pfannkuchen erinnern. Irgendwann können auch diese vergänglichen Kunstwerke der Natur nicht mehr der Kraft des Wassers standhalten. Dann bricht alles in sich zusammen. Es entstehen große Becken, in denen das Meer im Rhythmus der Wogen auf und ab schwappt, um sein zerstörerisches Werk zu vollenden. Hinter den Pancace Rocks warten mehrere alte Goldminen auf zahlreiche Besucher. Das kleine nachgebaute Städtchen Shantytown gibt dabei einen besonders gut erhaltenen  Einblick in das Leben zur Zeit des Goldrausches. Viele Originalgebäude, angefangen beim komplett ausgestatteten Kaufladen, über den Friseur, bis hin zu einer Schmiede und Feuerwehr sind hier zusammengetragen. Ohne zu zögern schließen wir uns einer Gruppe an, um unter fachkundiger Anleitung das Goldwaschen selbst auszuprobieren. Nachdem jeder eine kleine Schüppe voll Flusssand in seine Waschschüssel bekommt, versuchen wir mit kreisenden Bewegungen den leichteren Sand vom schweren Gold zu trennen und dann aus der Schüssel zu schwemmen. Nach ein paar Fehlversuchen brauchen wir neuen Sand, denn die Schüssel ist unplanmäßig entleert. Schließlich klappt es doch noch ganz gut. Und siehe da, welch Zufall, in Marions Schüssel befinden sich sogar einige Krümel des begehrten Edelmetalls. Den "Goldfund" in ein winziges Gläschen verpackt ziehen wir mit zwanzig Dollar weniger im Portemonnaie stolz weiter.

Nun folgt eine traumhaft bewachsene, aber raue Küste, die uns auf den weiteren Kilometern immer wieder in ihren Bann zieht. Im tosenden Meer brechen sich die Wellen weiß schäumend an groben Felsenküsten, die sich mit langen dunklen Stränden abwechseln. Kurvenreich schlängelt sich darüber die Straße entlang und verhilft so immer wieder zu weiten Aussichten. Wir hoffen, dass uns diese Landschaft in den nächsten Tagen erhalten bleibt. Doch urplötzlich hat die Pracht ein Ende. Man wähnt sich nun in Schleswig-Holstein, so flach und grün stellt sich das Land bei Hokitika dar. Welch ein Kontrast zu den vorhergehenden Tagen.

Bei strahlendem Sonnenschein nähern wir uns dem Fox-Gletscher. Doch dieser macht sich rar, denn vom Eis ist noch nichts zu sehen. Vom Zeltplatz aus sind fast vier Kilometer auf einer Schotterstrecke, bis zum Schuttfeld der tief herunter reichenden weißen Eismasse zu fahren. Schon der Weg durch den wild wuchernden Regenwald ist allein für sich die Fahrt wert. Auch wenn man es darauf anlegen würde, weiter als einen Meter kann man nicht in ihn eindringen, so dicht stehen die Bäume und Büsche zusammen. Da außerdem alles mit Moosen und Farnen überwachsen ist, entsteht der Eindruck eines dunkelgrünen nasskalten Dickichts. Dann endlich stehen wir an der Endmoräne vor dem tief herabreichenden Eis. Eine Karte zeigt auf, welchen Veränderungen die Eiszunge im Laufe der Zeit unterworfen war. Vor vielen Jahren war das Ende des Gletschers noch dort, wo wir jetzt stehen. Aber nach und nach hat er sich leider immer weiter zurückgezogen. Wir versuchen, bis zum Eis zu wandern. Doch das anstrengende Gekraxel über Stock und Stein bringt uns nicht so schnell wie gehofft weiter. Bald geben wir aufgrund des fortgeschrittenen Nachmittags das Unterfangen auf und gehen zurück zu den im Gebüsch versteckten Rädern. Wir fragen uns, ob das gute Wetter bis morgen wohl noch durchhält. Kurzerhand entschließen wir uns, kein Risiko einzugehen, und noch heute den in der Nähe liegenden Lake Matheson aufzusuchen. Schon die Fahrt dorthin bietet beim Blick zurück immer wieder grandiose Ausblicke auf die dicht bewachsenen Berge und den eisgepanzerten Mt. Cook. Der höchste Berg Neuseelands steht dort drüben majestätisch im weichen Licht und hält uns in seinem Bann. Zwischen dem V-förmig ausgeschnittenen Vorgebirge hindurch kann man ihn in voller Größe bewundern. Leider müssen die Räder am Parkeingang stehen bleiben, und so laufen wir zu Fuß auf einem schmalen Holzsteg durch den schon dunklen Wald zum See. Nach einer halben Stunde strammen Marsches liegt der See endlich glatt wie ein Spiegel vor uns. Seltsam, wir sind jetzt zur schönsten Tageszeit fast alleine an diesem wundervollen Platz. Am "View of views" ist die Aussicht schon postkartenreif, aber es gibt noch eine Steigerung. Der "Reflection point" bietet die optimale Perspektive! Langsam färben sich die Schneefelder der Berge in der untergehenden Sonne dunkelrot. Das neuseeländische Alpenglühen ist in vollem Gange. Dem Beobachter fällt es nicht leicht, zu entscheiden, ob das Original oder das Spiegelbild auf der dunklen Wasseroberfläche schöner ist. Schweren Herzens reißen wir uns von diesen beeindruckenden Bildern los. Es wird jetzt schnell dunkel und der Rückweg durch den finsteren Wald steht uns noch bevor. Als die Räder wieder in Richtung Zeltplatz rollen, ist es bereits schwarze Nacht geworden. Jetzt macht es sich wieder einmal bezahlt, eine vernünftige Lichtanlage an den Rädern zu haben. Bevor wir müde, aber zufrieden schlafen gehen, sitzen wir noch eine Weile unter dem klaren Himmel und träumen in die unzähligen hellen Sterne am Firmament. So viele Gestirne wie hier, auf der Südhalbkugel der Erde, habe ich noch nirgendwo gesehen. Das liegt wohl nicht zuletzt an der klaren Luft und der ländlichen Umgebung ohne große Städte. Auch das Kreuz des Südens ist deutlich über uns zu erkennen, als wir ins Zelt krabbeln.

Bereits um neun Uhr wecken uns am nächsten Morgen die in unmittelbarer Nähe startenden Rundflug-Hubschrauber unsanft aus den Träumen. An ein ruhiges Frühstück ist bei diesem Lärm nicht mehr zu denken, und so entfernen wir uns vorzeitig in Richtung Haast. Die Straße dorthin hält den bisher überwältigendsten Küstenabschnitt für uns bereit. Immer wieder halten wir zu längeren Pausen in herrlicher Landschaft an. Diese bietet uns eine nicht für möglich gehaltene Steigerung der Attribute grün, dicht, überwuchert und rau. Windschiefe Telegrafenmasten stehen direkt neben der Straße fast schon im Dickicht, das hier zum ersten Mal auf unserer Reise von einigen Palmen durchsetzt ist. Rechts neben uns tauchen in der Tiefe immer öfter unzugängliche Traumstrände zwischen verstreuten Felsen und vor sattgrüner Flora auf. Diese ultimativen Aussichten sind aber nur für diejenigen in ganzer Pracht sichtbar, die eine Möglichkeit finden, anzuhalten und über die Leitplanke an den Abgrund zu treten. Fast alle Autofahrer rauschen in schneller Fahrt an den schönsten Stellen vorbei. Sei es, sie haben nicht die Zeit für einen Blick zur Seite, oder es gibt keine Möglichkeit zum gefahrlosen Halten auf der schmalen und kurvenreichen Straße. Die auf der anderen Straßenseite aufragenden Berge sind so zugewachsen, dass man beim besten Willen kein freies Fleckchen finden kann. Einige abgestorbene, ausgeblichene Baumriesen sind dicht mit Moosen und Flechten überzogen und ragen wie drohende Finger aus der grünen Hölle. Direkt neben der Straße ist der Fels triefend nass und bietet so einer eigenen kleinen Welt vorzüglichen Lebensraum. Weiche Mooskissen, Miniaturfarne und unbekannte Gewächse, die wie auf eine Schnur aufgereihte Erbsen aussehen, krallen sich auf dem Gestein fest. Überall tritt kristallklares Wasser in kleinen Rinnsalen hervor. Ist hier vielleicht das Paradies?

Die vielen Fotomotive lassen die Durchschnittsgeschwindigkeit weiter sinken, so dass wir den neu eingerichteten Campingplatz in Haast erst sehr spät erreichen. Im Dunkeln auf der sehr buckeligen Wiese einen vernünftigen Stellplatz zu finden stellt sich schnell als unmögliches Unterfangen heraus, was unsere Rücken die ganze Nacht über beschäftigt.

Und so gehen wir die Etappe zum Haast Pass mit leicht verbogenem Kreuz an. Viele Kilometer führt der Weg neben dem Flusslauf des Haast River hinauf. Das ungeheuer breite Flussbett kann sich nach Belieben seinen Weg suchen und muss nicht, wie so oft in unseren Breiten, begradigt und kanalisiert sein Dasein fristen. Ein kurzes, aber knackiges Steilstück kann uns nicht aus der Reserve locken. Noch ein paar Kilometer leichte Steigung, und man fährt am Schild auf der Paßhöhe vorbei. Das war er schon, der berüchtigte Haast Pass, wie er oft beschrieben wird? Nur ein kurzes Stück später endet der glatte Asphalt und macht einer staubigen Schotterpiste platz. Wenn früher der ganze Weg hinauf auch so ausgesehen hat, kann man doch die vergangenen Probleme für den Radler, vor allem bei Regen, erahnen. Emsige Bautätigkeit zeigt aber auch hier das Bemühen, für baldige Abhilfe zu sorgen. (Erfahrung von 1993)

Plötzlich weichen die Berge zurück und der Regenwald verschwindet langsam. In dem vor uns liegenden Hochtal bestimmen nun Brauntöne das Farbspektrum. Viel zu früh erreichen wir unser heutiges Ziel, und so beschließen wir, noch eine Weile weiter zu fahren. Die Landschaft ist mittlerweile hochalpin anmutend und von einer reizvollen Öde bestimmt. Zu allem Überfluss taucht die warme Nachmittagssonne das Gestein in ein unbeschreibliches Licht. Das dunkelblaue Wasser des langen Lake Wanaka läßt die Farbkomposition perfekt werden. Voller Begeisterung vergessen wir Zeit und Raum. Tiefer Schotter holt uns aber schnell in die Wirklichkeit zurück. Vor uns liegt die bisher übelste Gravelroad der Südinsel. Weicher Kies nimmt den Reifen jeglichen Halt. Es ist fast unmöglich zu lenken, und die Hinterräder drehen beim Antritt oftmals durch. Kurze Stellen ohne Kies haben eine wellblechartige Oberfläche und rütteln Mensch und Material bis zur Schmerzgrenze durch. Dicke Staubwolken werden von den wenigen Autos aufgewirbelt. Man kann die Hand nicht mehr vor Augen sehen, und zwischen den Zähnen knirscht es unangenehm. Mühsam quälen wir uns weiter, während die Sonne tiefer und tiefer sinkt. Endlich ist es geschafft, und wir haben wieder glatten Asphalt unter den Reifen. Im Sturzflug fegen wir den kurzen Hang zum Lake Hawea hinunter. Kahle Felsen tauchen, von der untergehenden Sonne angestrahlt, dunkelrot in das tiefblaue Wasser. Am Ende des Sees entdecken wir den Ort Lake Hawea. "Gott sei Dank, daß wir gleich da sind" nörgele ich herum. Mir reicht es für heute. Doch der Schein täuscht. Die glasklare Luft lässt die Entfernungen viel kürzer erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Und so müssen wir fast noch eine Stunde dem beschwerlichen Weg auf und ab folgen. Die Sonne ist schon lange weg, und das Zelt wird wieder mal im Dunkeln aufgebaut. Und doch hat sich das Weiterfahren gelohnt. Wann sonst als am späten Nachmittag hätten wir diese Landschaft in einem solchen Farbenrausch erleben können?

Groß und modern gestaltet überrascht uns in Cromwell eine Fußgängerzone, die nicht in diese Gegend zu gehören scheint. Wir nutzen die unerwartete Gelegenheit zu einem kleinen Bummel entlang der netten Ladenzeilen. Ein Schnellrestaurant hat mehrere Tische und Stühle in die Sonne hinausgestellt. Bevor ich etwas sagen kann, sitzt Marion schon und hat mit treffsicherem Blick den Steak-Burger auf der Speisekarte entdeckt. Nach kurzer Zeit steht neben der obligatorischen Cola ein hausgemachter Riesenburger auf dem Tisch. Den Ausmaßen nach stellt er selbst die Maxiangebote der allbekannten Kettenrestaurants locker in den Schatten. Aber auch die inneren Werte können sich sehen lassen. Neben einem mittelgroßen Salat verbirgt sich noch eine handtellergroße Frikadelle und ein ebenso großes Stück Grillfleisch unter der weichen Teighaube. Sehr zur Freude der Bedienung macht uns die Portion ganz schön zu schaffen. Vom Pausenplatz aus lässt sich derweil hervorragend das geschäftige Treiben um uns herum beobachten. Natürlich gleicht die Szenerie in vielen Belangen der anderer Einkaufszentren der westlichen Welt. Was jedoch besonders auffällt, ist das besondere Verhältnis des Neuseeländers zu Hunden. Nicht nur, dass sich fast jeder ein solches Tier zu halten scheint. Der vierbeinige Freund wird auch fast überall mitgenommen. In PKW`s nehmen sie bevorzugt auf dem Beifahrersitz Platz, während Frauchen in die zweite Reihe weichen muss. Pickups transportieren sie auf der Ladefläche, wobei die bevorzugte Stellung mit den auf das Dach gestellten Vorderpfoten eingenommen wird. Nur so können sie über das Dach hinwegschauen und mit wehenden Ohren das Verkehrsgeschehen beobachten. Aber auch das Fahren von Zweirädern scheint für die meisten kein Grund zu sein, den Kläffer zu Hause zu lassen. Sogar auf dem kleinsten Moped findet sich zwischen Lenker und Bauch des Fahrers immer noch ein wenig Platz auf dem Tank. Und selbst die Radfahrer scheinen den Tieren keinen Fußmarsch zumuten zu wollen. Die ältere Frau, die gerade mit ihrem Mountainbike vorbei kommt, hat extra auf dem Gepäckträger eine hölzerne Plattform angebracht. Darauf sitzend muss ihr kleiner Freund keinen Meter zuviel laufen. Hund müsste man sein! Wir aber müssen selber weiterstrampeln.

Natürlich bewahrheitet sich dann wieder die alte Regel: Ein voller Bauch radelt schlecht. Entsprechend faul setzen wir schwerfällig die Fahrt fort. Müssen wir ausgerechnet jetzt den stürmischen Wind als Feind gegen uns haben? Es wird ein langer Kampf in einer von Wind und Wetter geprägten Gebirgslandschaft am Kawarau River. Der hat sein Flussbett tief in das Gestein geschliffen. Von der hoch über der Wasseroberfläche verlaufenden Straße sind immer wieder spektakuläre Ausblicke auf das reißende und weiß schäumende Wasser möglich. Anscheinend muss der Fluss auch einmal Gold mit sich geführt haben. Die Reste alter Diggerbehausungen sind die Zeugnisse des ewigen Traumes vom großen Geld in vergangener Zeit. Einige hohe Pappeln setzen heimische Akzente in dieser Kargheit. Ein wenig Abwechslung bietet eine ungewöhnliche Attraktion, die heute wahre Menschenmassen angezogen hat. Der angebliche Erfinder des Bungy-jumping hat direkt neben der Hauptstraße eine alte Brücke als Stützpunkt bezogen. In großem Bogen führt diese schwindelerregend hinüber auf die andere Seite der tiefen Schlucht. In der Mitte der Brücke sind außen zwei Plattformen frei über dem Abgrund hängend angeordnet. Wir mischen uns unter die ausgelassene Menschenmenge. Überwiegend junge Leute scheinen von diesem Nervenkitzel magisch angezogen worden zu sein und haben sich mit Bussen des Veranstalters hierhin karren lassen. Laute Discomusik plärrt aus großen Lautsprechern, und alle schwingen im Takt mit. Wir kommen uns völlig deplaziert in dieser eigenartigen Welt vor und kämpfen uns durch bis zum Ort des Schreckens. Gerade wird eine junge Frau auf der Absprungrampe gewogen, um die erforderliche Seillänge zu berechnen. Betont cool versucht sie, die Anspannung zu überspielen. Bei der Frage, ob der Kopf in den Fluss eintauchen soll, nimmt ihr die johlende Menge die Entscheidung ab. "Eintauchen, Eintauchen" schallt es immer wieder zu ihr hinüber. Die Bungycrew grinst und stellt die Seillänge entsprechend ein. Jemand legt das Seilende um ihre Füße, und man glaubt, ihr Zittern trotz des dicken Wollpullovers erkennen zu können. Die Spannung steigt, und nach langem Zögern fällt sie schließlich in großem Bogen der Tiefe entgegen. Wie mag man sich wohl im freien Fall fühlen? Wir werden es nie erfahren. Mit vorgetäuschtem Geiz ob der wirklich horrenden Preise lasse ich keine Diskussion mit Marion über eine Mutprobe aufkommen. Das Mädel ist mittlerweile unten angekommen und eingetaucht. Jedoch nicht wie abgesprochen mit dem Kopf, sondern mit ihrem ganzen Oberkörper bis hin zur Hüfte. Am jetzt straff gespannten Gummiseil schnellt sie wieder in die Höhe, um sofort danach ein zweites Mal aus etwas geringerer Höhe in die Tiefe zu stürzen. Das wiederholt sich noch einige Male, bis sie auspendelt und der Spaß endgültig vorbei ist. Kopfüber wird sie in ein Schlauchboot abgelassen, das sie anschließend zurück zum Ufer bringt. Kreidebleich, aber stolz steht sie bald darauf im Souvenirshop, um nun noch ein T-Shirt mit der großen Aufschrift ihrer Ruhmestat zu erwerben. Uns zieht es weiter, nur weg von dem Gegröle und der Menschenmenge. Bis Queenstown regnet es unablässig vom dunkelgrauen Himmel. Wir wollen von hier aus einen Abstecher zum Milford Sound unternehmen, um danach wieder nach Queenstown zurückzukehren. Da die Strecke also zweimal vor uns liegt, fällt es uns nicht schwer, den nächsten Bus nach Te Anau zu besteigen. Im kleinen Anhänger ist noch genug Platz für unsere Räder, die auf diese Weise auch trocken ihr Ziel erreichen. Unterwegs schüttet es weiter wie aus Eimern. Unsere schnelle Entscheidung war also goldrichtig gewesen. Es bleibt uns aber leider nicht erspart, das Zelt in Te Anau an diesem Abend im Regen aufzustellen. Trotz des ungemütlichen Wetters ziehen wir noch einmal in die Stadt. Im Visitorcenter entscheidet sich unser Programm für die nächsten Tage. Zusätzliche Kilometer werden hierbei jedoch nicht auf dem Radtachometer erscheinen. Das Wetter scheint uns nicht zum Radeln auf der fast 120 Kilometer langen Sackgasse zum Milford Sound geeignet zu sein. Statt dessen wählen wir eine preiswerte Bustour zu diesem absoluten landschaftlichen Höhepunkt der Südinsel.

Früh am Morgen, es ist noch dunkel, klingelt aufdringlich der Wecker. Es ist bitterkalt, und die Nacht hat jetzt, Mitte März, die Natur zum wiederholten Mal mit leichtem Frost überrascht. Der Platz schläft noch, und mit uns wartet nur ein weiteres Paar am Eingang des Campgrounds. In wenigen Minuten wird uns der Bus hier abholen. Dieser besondere Service ist nur einer von vielen positiven Eindrücken, die wir auf unserer Reise machten. Der Bus ist gut geheizt, und ungewohnt komfortabel geht es endlich los. Links von uns erscheint geheimnisvoll der Lake Te Anau zwischen tief hängenden Wolkenfetzen. Der Fahrer gibt unentwegt gut verständliche Hinweise und Erklärungen zu allem Interessanten entlang des Weges ab. Dann heißt es plötzlich: "Aussteigen zum sightseeing". Einer nach dem anderen quälen wir uns aus dem Bus, um einen kurzen Blick auf mehrere spiegelnde Teiche zu werfen. Im Hintergrund ragt der undurchdringliche Regenwald an den Berghängen auf. Nur ein Pfad führt hindurch, und der wird von der Parkverwaltung bezüglich des Zutritts stark reglementiert. Nur wenige Wanderer dürfen nach Anmeldung den fünf Tage dauernden Weg durch den Traumwald unter die Füße nehmen. Bereits hier ärgern wir uns, dass wir im Bus und nicht auf den Rädern sitzen. So müssen wir uns gleich wieder in die Schlange vor dem Bus einreihen, anstatt in Ruhe und ohne das vielsprachige Stimmengewirr die Natur genießen zu können. Beim nächsten Stop ist der Scheitelpunkt des Hinweges erreicht. Vor dem Homertunnel sollen wir nach Willen des Busfahrers einen spärlichen Schneerest in einer schattigen Ecke bewundern. Wir bleiben gleich im Bus, als wir sehen, dass die sonst an dieser Stelle zahlreich anzutreffenden Keas geflüchtet sind. Gerade hier sollen sich normalerweise besonders viele dieser dreisten und knabberwütigen Papageienvögel herumtreiben. Berichten zufolge machen sie in ihrer Neugier nicht einmal vor Autoscheiben und Fahrradspeichen halt. Doch so sehr wir auch hoffen, heute ist leider kein einziges Exemplar zu sehen. Hinter dem Tunnel führt die Straße steil hinunter zum Milford Sound. Die Berge scheinen ihre Funktion als Wetterscheide zu erfüllen, denn die Wolkendecke ist strahlender Sonne gewichen. Bei dem für dieses Gebiet vollkommen untypischen Wetter besteigen wir das wunderschöne Segelschiff "Milford Wanderer", um in diese phantastische und unberührte Fjordwelt einzutauchen.

Hinter dem Schiff türmt sich der Berg Mitre Peak in die Höhe. Dass dieser Name soviel wie Bischofsmütze bedeutet, kann man beim Anblick dieses riesigen Monolithen mit ein wenig Fantasie auch nachvollziehen. Erst im direkten Vergleich mit vorbeifahrenden Schiffen kann man seine gewaltige Höhe von über eintausendsechshundert Metern einigermaßen einschätzen. Wir sind beide überwältigt, als das Schiff ablegt. Langsam durchschneidet der Rumpf das ruhige Wasser und erzeugt eine nicht enden wollende keilförmige Wellenformation hinter sich. Irgendwann platschen die Wogen an die steil aus dem Wasser aufragenden Felswände, die über und über dicht mit kleinen feuchtigkeitsliebenden Pflanzen überzogen sind. Immer wieder tauchen Wasserfälle auf, die sich aus großen Höhen in den Fjord ergießen. Direkt vor dem Boot erscheint ein bunter Regenbogen, genährt von dem Sprühnebel, den die Wassermassen auf ihrem langen Weg in die Tiefe hervorbringen. Doch neben diesem unglaublichen Landschaftserlebnis ist der Höhepunkt der Tour nicht geplant gewesen und auch keinem Prospekt zu entnehmen. Erst das entzückte Kreischen einiger Frauen macht uns aufmerksam. Die nette Frau neben uns stellt sich mit "I'm Lyn from Australia" vor und zeigt mit ausgestrecktem Arm zum Wasser. Tatsächlich, da bewegt sich etwas. Eine Gruppe von acht oder neun Delphinen taucht gerade direkt neben dem Boot auf, das sofort die Fahrt zurücknimmt. Die pfeilschnellen Tiere schießen meterhoch aus dem Wasser, um laut platschend wieder ins kalte Nass zurück zu fallen. Es scheint so, als würden sie wild und ausgelassen herumtoben. Ein derartiges Schauspiel, das eine unbändige Fröhlichkeit ausstrahlt, haben wir in freier Natur noch nicht zu Gesicht bekommen. Wie traurig muß dagegen das Dasein der Tiere sein, die in engen Zoobecken gehalten werden, um den Kaspar für die Daheim gebliebenen Menschen spielen. Die Freude über die Kunststückchen dauert aber nicht lange an, denn genauso schnell, wie sie gekommen waren, tauchen sie auch wieder in die Tiefe hinab. Das Boot fährt langsam aus dem Fjord hinaus und gleitet auf das offene Meer. Sofort werden die Wellen höher und bewegen das Schiff auf und ab. Einigen Passagieren wird sichtlich unwohl, und sie sind froh, als der Skipper wieder beidreht, um den Rückweg anzutreten. In der Nähe der Anlegestelle wartet schon der Bus auf uns. So bleibt nicht einmal die Zeit, die nähere Umgebung auf einer kleinen Wanderung zu erkunden. Tief berührt von dem Erlebten läuft auf dem Rückweg nach Te Anau der Tag noch einmal an uns vorbei.

Nach dem gesellschaftlichen Erlebnis im Bus sind wir versessen darauf, wieder mit den Rädern allein die Gegend zu erradeln. Die Geographie kommt uns dabei entgegen, und ohne nennenswerte Steigungen rauschen wir durch die einsame Landschaft zurück nach Queenstown. Plötzlich werden wir von einem wild hupendem Auto überholt, das etwas später anhält. Jemand steigt aus und richtet eine Kamera auf uns. Verwundert fahren wir auf die Leute zu und erkennen erst jetzt die Frau wieder. Es ist Lyn aus Australien mit ihrem Mann Rex, die wir gestern auf dem Schiff kennen gelernt haben. Dort schon war sie völlig aus dem Häuschen, als wir von unserer Radtour erzählten. Vielleicht glaubte sie uns gestern nicht so recht, aber jetzt hat sie ja den Beweis in der Kamera. Lange wird unsere Ausrüstung bestaunt, als ob sie so etwas noch nie gesehen hätten. Viele Fragen müssen wir in allen Einzelheiten beantworten. Wir wollen weiter, aber Lyn lässt uns nicht weg, bevor wir unsere Adressen ausgetauscht haben, natürlich verbunden mit dem Versprechen zu schreiben. Dass aus diesem Kontakt eine intensive Freundschaft werden sollte, können wir hier noch nicht ahnen.

Das Wetter wird wieder schlechter, und in Kingston kapitulieren wir vor dem einsetzenden Regen. In der unruhigen Nacht wird das Zelt von wilden Böen hin und her gerissen. Bedenklich biegt sich das Gestänge über unseren Köpfen. Hoffentlich hält der Stoff der Belastung stand, denn ein zerrissenes Zelt würde uns gerade noch fehlen. Das Gewebe ist zwar nach Aussage des Herstellers das Beste, was es zur Zeit gibt. Aber die Versprechen der Hochglanzprospekte müssen in solchen Nächten erst einmal eingelöst werden. Zum Glück übersteht unser Unterschlupf auch diesen Orkan unbeschadet.

Als Marion im Morgengrauen aus dem Zelt schaut, kann ich ihren Worten kaum Glauben schenken. Doch bald sehe ich es mit eigenen Augen: Die Berge um uns herum sind mit einer weißen Schicht überzogen, die fast bis zu uns ins Tal herunter reicht. Nun keimt die Angst wieder in uns auf, in den letzten zwei Wochen doch noch vom viel zu früh hereinbrechenden Winter überrascht zu werden. Der Orkan hat noch nicht nachgelassen, und der schwarzgraue Himmel verheißt nichts Gutes. Nur kurz währt die Schauerpause. Aber sie reicht aus, um das Zelt abzubauen und die Räder startklar zu machen. Vorsichtshalber streifen wir sofort die Regenkombis über. Keine Minute zu spät, denn die Wolken lassen nur Sekunden später ihre nasse Last auf uns hinabfallen. Doch es ist nicht nur Wasser, das dort oben vom Himmel kommt. Ein nicht unerheblicher Teil fällt in Form nasser weißer Flocken, die sofort auf unseren Jacken zu glasklaren Tröpfchen schmelzen. Bei diesem eiskalten Schneeregen wird das Radfahren zur Qual. Mit halb erfrorenen und nassen Händen klammern wir uns am Lenker fest. Die Handschuhe sind längst durchgeweicht. Immer wieder halten wir an, um sie durch Reibung wieder zum Leben zu erwecken. Trotzdem haben wir Glück im Unglück, denn bei nachlassendem Regen bläst der Sturm jetzt von hinten und schiebt mit einer unvorstellbaren Kraft alles vor sich her. Laufend müssen wir bremsen, um nicht zu schnell zu werden, denn hinter jeder Kurve lauern gefährliche Seitenböen. Wie von Geisterhand bewegt werden wir mehrmals weit zur Seite abgedrängt. Jetzt verhindert nur noch Absteigen und Schieben einen drohenden Sturz. Nur gut, dass fast keine Autos unseren Weg teilen. Kurz vor Queenstown öffnet der Himmel wieder seine Schleusen. Unsere Flucht endet in einem kleinen Restaurant an der Straße. Die Bedienung nimmt mitleidsvoll zu uns herüberschauend die Bestellung auf. Bald darauf wärmen wir unsere Hände an großen Kaffeetassen auf, und der leckere Burger weckt die Lebensgeister in uns. "Ich glaube, es wird heller", so nerven wir uns dauernd gegenseitig, bis wir endlich den Mut haben, wieder aufzubrechen. Aber erlöst sind wir noch lange nicht, denn der Wettergott hat noch ein besonderes Schmankerl für uns bereitgehalten. Es hagelt nun erbsengroße Eisstücke vom Himmel. Schnell ist die Straße weiß, und die fast waagerecht daherfliegenden Körner klatschen schmerzhaft ins Gesicht. An Fahren ist nicht mehr zu denken, aber nirgendwo gibt es eine Möglichkeit, sich unterzustellen. Also warten wir frierend in gebückter Haltung, dem Wetter den Rücken zeigend, das Ende des Unwetters ab. Bald findet unser Flehen Erhörung, und das Schauspiel ist vorbei. Drohend schwarze Wolken begleiten uns auch weiterhin, aber der Himmel bleibt diesmal geschlossen. Petrus hat nach dieser Vorführung endlich ein Einsehen mit uns. Nicht nur wegen des schlechten Wetters verzichten wir darauf, nach Queenstown hinein zu fahren. Dieser Ort stellt das touristische Zentrum der Südinsel dar, was natürlich mit entsprechenden Menschenmassen verbunden ist. Hier lässt sich fast jede erdenkliche Freizeitbeschäftigung antreffen doch die absoluten Renner bei den Touristen sind wilde Hubschrauberflüge, rasende Jetbootfahrten und halsbrecherische Wildwasserfahrten im Schlauchboot auf dem tosenden Shotover River. All dem sind wir nicht zugeneigt, und so sparen wir uns lieber die Zeit für die ruhige Einsamkeit der folgenden Tage auf.

Geradezu dramatischen Veränderungen ist die Landschaft auf dem Weg nach Omarama unterworfen. Langgezogene Steigungen halten uns trotz der Kälte einigermaßen warm. Die Berge haben weiche Rundungen, und sanfte Brauntöne sind wieder vorherrschend. Bäume sind jedoch Mangelware. Von weitem betrachtet erscheint es, als ob alles mit dichtem Moos überzogen ist. Aus der Nähe aber erkennt man, dass das Gelände über und über mit Büschelgras bewachsen ist. Überwältigt von den landschaftlichen Impressionen passieren wir in 971 Metern Höhe das Schild der Lindis-Passhöhe. Was nun folgt, kann nur ein eingefleischter Radler verstehen. Wie im Rausch geht es auf der leeren Straße hinunter nach Omarama. Surrend rollen die Reifen auf dem rauen Asphalt ab, und der Tacho dringt beständig in die sonst selten erreichten Bereiche jenseits der 50 km/h Marke vor. Kilometerweit rasen wir so zwischen den Bergrücken zu Tal, bis sich die Straße den Bergen entzieht. Vor dem flach auslaufenden, schnurgeraden Asphaltband breitet sich eine weite Ebene aus. Weit in der Ferne tauchen überraschend schon die Alpen am Horizont auf. Die glasklare Luft macht wieder diese sensationelle Fernsicht möglich, die wir so bisher nur in Neuseeland erleben konnten.

Da hinten in über hundert Kilometern Entfernung glänzen die Gletscher in der gleißenden Sonne. Dorthin, zum Mt. Cook, wollen wir. Doch was so nah erscheint, hält uns noch einen ganzen Tag im Sattel. Kilometer um Kilometer nähern wir uns den Bergriesen, die sich langsam immer höher vor uns aufbauen. Dann ist das Ziel erreicht. In Glentanner bauen wir das Zelt vor dieser monumentalen Bergkulisse auf. Noch nicht ganz fertig damit, stehen wir plötzlich in einem unerfreulichen Disput mit einem besitzergreifenden Wohnmobilfahrer. Aus einem unerfindlichen Grund glaubt dieser, ein Anrecht auf unseren Platz zu haben, da sich direkt neben unserem Zelt eine Steckdose befindet und wir ja "nur" mit den Rädern unterwegs sind. In Wirklichkeit ist er aber nur scharf auf die überwältigende und unverstellbare Aussicht dieses Stellplatzes. Wir haben schon bezahlt und an der Rezeption die freie Auswahl der Parzelle zugesagt bekommen. Außerdem ist der halbe Zeltplatz noch leer, und alle anderen Stellplätze haben ebenfalls einen Stromanschluss. Mit diesem Wissen muss ich das Ansinnen dieses ungemütlichen Genossen energisch zurückweisen. Das gelingt mir aber erst nach einem lautstarken Wortgefecht, was mir nicht besonders schwer fiel: Der erste unfreundliche Mensch auf unserer Reise ist nämlich bezeichnenderweise ein deutscher Landsmann. Mit bösen Flüchen zieht er schließlich doch noch ab. Wenig später, schon in weiche kuschelige Daunen gehüllt, beobachten wir aus dem Zelt heraus das Farbenspiel des weichenden Tages. Wie auf dem Präsentierteller liegt der höchste Berg Neuseelands unverdeckt in voller Größe wieder vor uns. Das große Sandergebiet und die Gebirgsflanken sind längst im dunklen Schatten versunken. Nur die hohen Gipfel erstrahlen noch im Licht der im Südwesten versinkenden Sonne. Langsam färbt sich das Weiß seiner Gletscher rot, um dann purpurn in der Dunkelheit zu versinken. Nur Minuten später ist es bereits finstere Nacht geworden. Fröstelnd, aber zufrieden fallen wir in den Schlaf.

Startende Wohnmobile wecken uns unsanft auf. Nachdem die Dieselwolke verzogen ist, wagen wir uns aus dem Zelt. Heute war bestimmt die kälteste Nacht der Reise, denn das Außenzelt ist gefroren und eine dicke weiße Reifschicht ziert die Wiese. Das frühe Aufstehen hat aber auch ein Gutes, denn so sind wir zum erstenmal in Neuseeland beim Sonnenaufgang dabei. Noch taucht die Sonne nur die Gipfel in ein weiches Licht, und es dauert eine ganze Weile, bis auch unser Zelt von den wärmenden Strahlen aufgetaut wird. Am Hauptgebäude des Platzes starten bereits die ersten Sportflugzeuge und Hubschrauber zu Rundflügen über die Gletscherwelt. Nach einigem Zögern entschließen auch wir uns, die knapp einhundert Mark in diese einmalige Aussicht zu investieren.

Man kann es drehen, wie man will, bei gutem Wetter hat man einen ausgezeichneten Gegenwert für sein Geld zu erwarten. Wo sonst kann man einem riesigen Sandergebiet bis zum Fuße der Gletscher folgen, um dann bis zu den Gipfeln der höchsten Berge aufzusteigen? Mit ein wenig Glück lässt sich sogar von hier aus die Westküste der Südinsel erkennen, während kurz davor die beiden Gletscher Fox und Franz-Josef ihre eisigen Massen ins Tal schieben. Erst von hier oben sieht man, wie nah wir doch wieder an der Küste sind. Nur dieser schmale und unüberwindliche Gebirgsstock mit einer Höhe von fast viertausend Metern Höhe trennt uns von den schon bekannten, nur knapp dreißig Kilometern entfernten Stränden der Tasman-See.

In Gedanken noch beim Flug über den Alpen, sitzen wir schon wieder im Sattel. Hinter dem unwirklich türkis leuchtenden Stausee Lake Pukaki erwartet uns eine Wüste, deren Ende nicht absehbar ist. Spärlich wächst die Vegetation im Regenschatten der hohen Berge, und nur wenige unempfindliche Arten kommen mit der großen Trockenheit aus. Überraschend für uns, ist es auch zu dieser Jahreszeit sehr warm unter der hoch im Norden stehenden Mittagssonne. Kilometerweit ändert sich nichts an dieser Einöde. Wie in kitschigen Reklamestreifen flimmert die Luft in der Mittagshitze über dem flachen Erdboden. Es würde uns nicht wundern, wenn jetzt noch eine Fata Morgana ein paar Dromedare an den Horizont zaubert.

Völlig allein stehen wir auf dem großen Zeltplatz, der zu einer einsam gelegenen Taverne mit dem bezeichnenden Namen Roaring Deer gehört. Im Schankraum ist bereits der Bär los. Es scheint, als ob die Szene der Gegend dieses Lokal als Samstagabendtreff auserkoren hat. Alte Rockmusik, die aus den Boxen dröhnt, trifft genau unseren Geschmack, und schnell ist auch Kontakt zu den Tischnachbarn hergestellt. Wie immer weckt unsere Reise großes Interesse, und wir müssen jedem neu Hinzukommenden die gleichen Fragen noch einmal beantworten. Verlockender Geruch von frischem Rostbraten weht uns um die Nase. Wir lassen uns nicht lange bitten und haben kurz darauf eine Riesenportion auf dem Tisch stehen. Wie immer in den vergangenen Wochen gibt es einen ausgezeichneten und reichlichen Gegenwert für den Dollar. Da das Zelt schon steht und somit die Unterkunftsfrage für heute gesichert ist, gibt es keinen vernünftigen Grund, auf ein paar Gläschen Draught Bitter Beer zu verzichten. Bei der Bestellung der ersten zwei Gläser werden wir von der Bedienung uneigennützig in das hiesige Rabattsystem eingeweiht. "Wenn ihr mehr als zwei Gläser trinken wollt, dann bestellt besser sofort einen großen Krug. Der kostet fast das gleiche wie zwei kleine Gläser, hat aber einen Liter Inhalt" meint sie sinngemäß mit einem breitem Grinsen zu uns. Natürlich sind wir von dem Angebot begeistert. Das System scheint in Neuseeland allgemein üblich zu sein. Auch beim Eis haben wir ähnliches festgestellt: Ein Hörnchen mit einer Kugel kostet ungefähr einen Dollar, aber jede weitere Kugel mehr nur noch einige Cent Aufpreis. Erst jetzt fällt uns auf, dass auch auf den anderen Tischen ausschließlich Krüge stehen. Es bleibt nicht bei dem einen Krug, und leicht beschwipst endet der schöne Abend spät im Zelt.

Bevor wir Kaikoura erreichen, müssen noch einige schweißtreibende Hügel in die Knie gezwungen werden. Die letzten Kilometer führen uns direkt an der eindrucksvollen Felsküste entlang. Direkt von der Straße aus kann man etliche Seehunde beim munteren Spiel im seichten Wasser beobachten. Andere wiederum lassen sich vom Wind in der warmen Sonne das Fell trocknen. Erwartungsvoll treffen wir in der ehemaligen Walfängerstadt ein. Doch der Ort macht einen ziemlich verkommenen Eindruck. Auch der zwischen Straße und Bahnlinie liegende Zeltplatz ist in einem erbärmlichen Zustand. Der einzige Vorteil dieses Campgrounds ist seine unmittelbare Nähe zum Ausgangspunkt der Waltouren. So können die Räder ohne Sorge angekettet zurückgelassen werden, wenn es hinaus zur Walsafari geht. Doch daraus wird leider Gottes zunächst einmal nichts. Enttäuscht nehmen wir die Auskunft des Walbüros entgegen. Alle Fahrten der letzten zwei Tage sind wegen des hohen Wellenganges ausgefallen, und auch für morgen kann die Fahrt auf das Meer nicht mit Sicherheit zugesagt werden. Trotzdem buchen wir auf Verdacht für morgen Vormittag. Wer weiß, ob wir jemals wieder hierhin gelangen werden. Aber das Risiko hat sich gelohnt. Am nächsten Morgen fahren die Boote planmäßig mit uns an Bord hinaus auf das noch immer sehr unruhige Meer. Zuerst steuert der Bootsführer das große Schlauchboot an der Küste entlang zu einer Stelle, an der sich eine große Herde Husky-Delphine aufhält. Man sieht die Tiere schon von weitem meterhoch aus dem Wasser schnellen. Direkt zwischen ihnen kommt das Boot zum Stehen, und man weiß gar nicht, wo der Blick zuerst hinstreifen soll. Die Delphine scheinen auf uns gewartet zu haben und geben nun eine Sondervorstellung ihres Könnens. Mehrere von ihnen schwimmen direkt auf uns zu, um dann schnell unter dem Kiel hinweg zu tauchen. Andere wiederum lassen das salzige Wasser bis aufs Deck spritzen, indem sie sich direkt vor unserem Boot mit voller Wucht auf das Wasser klatschen lassen. Der Rest der Herde ist nur an den senkrecht aus dem Wasser herausragenden Rückenflossen zu erkennen. Unser Guide erklärt dabei über Lautsprecher, dass zu einem sichtbaren Delphin bis zu vier unter Wasser schwimmende Exemplare hinzugezählt werden können. Beim Nachzählen kommen wir auf fast dreißig!

Plötzlich kommt Unruhe auf. Über Funk wird das Sichten eines Wales gemeldet, und sofort nimmt das Boot Kurs auf die angegebene Position. Draußen sind schon die anderen Boote zu sehen, dort muss es wohl sein. Aber der Wal ist bereits abgetaucht, bevor wir ihm erreicht haben. Nun hilft nur noch warten. Die Crew hängt ein Mikrofon ins Wasser, um den riesigen Säuger zu orten. Ohne Motorkraft treiben die Boote auf dem Meer. Warten. Auf jedem Wellenberg schauen zwanzig Augenpaare fieberhaft über die Wasserfläche, um etwas zu entdecken. Sekunden später versinkt die Nußschale wieder im Wellental, was die Sicht auf wenige Meter begrenzt. Immer noch warten. Das ewige Auf und Ab scheint einigen Passagieren nicht sonderlich gut zu bekommen. Eimer werden herumgereicht, und die quälenden Geräusche lassen niemanden unbeeindruckt.

Endlich der laute Schrei "The Whale". Und tatsächlich, da liegt er vielleicht dreißig Meter vor uns im Wasser. Bei der unruhigen See könnte man den Koloss glatt mit einem treibenden Baumstamm verwechseln. Nur der vom Wal sporadisch aus dem Atemloch herausgeschleuderte Wassernebel lässt den letzten Zweifel verfliegen. Ganz behutsam nähert sich das Boot dem Riesen. "Der ist mindestens zwanzig Meter lang" tönt es aus dem Lautsprecher. Die Spannung steigt. Gleich wird er wieder in den Tiefen des Meeres verschwinden, um dort seine Nahrung zu suchen. In diesem Augenblick macht er einen Buckel und taucht fast senkrecht nach unten ab. Die riesige Schwanzflosse hebt sich schwarz glänzend aus dem Meer. Alle Kameras klicken unablässig, denn jeder will diesen Augenblick für immer festhalten. Unterdessen versinkt die Flosse langsam, ja fast majestätisch in den Fluten. Nichts deutet mehr darauf hin, dass vor wenigen Augenblicken einer unserer größten Träume in Erfüllung gegangen ist. Der Weg nach Kaikoura ermöglichte uns ein Erlebnis, das wir nie mehr vergessen werden. Noch ein weiteres Mal haben wir die Gelegenheit, einem Wal beim Luftholen zuzuschauen, und dann ist der Ausflug leider zu Ende. Nun sieht man auch die Bemühungen der Naturschutzorganisationen zum Schutz der Wale in einem ganz anderen Licht. Nach diesem hautnahen Kontakt fühlt man sich von der weltweiten Jagd auf die Wale persönlich betroffen.

Gedankenversunken radeln wir zurück in Richtung Christchurch. Es ist wieder spät geworden, und das angestrebte Etappenziel rückt in unerreichbare Ferne. Gedanklich sehen wir uns schon nach einem Platz in freier Natur um, als wir an einem Hotel einen kleinen Privatplatz entdecken, der in keinem Führer verzeichnet ist. Unweigerlich geht die Reise langsam zu Ende, und das hier ist eine der letzten Übernachtungen auf Neuseeland. Ein wenig traurig leisten wir uns im benachbarten Restaurant ein komplettes Abschiedsmenue. Rockige Töne locken uns anschließend in die große Bar. Zu unserer Überraschung sind nur drei Männer anwesend. Sie mögen vielleich fünfzig Jahre alt sein, doch diese Musik hätten wir ihnen nicht zugetraut. Zwischen Guns´n Roses und Bruce Springsteen bestellen wir einen letzten Krug Bitter Beer. Die Männer sind leicht angetrunken und werden erst auf uns aufmerksam, als ich die Juke-Box nach einer kurzen Pause wieder in Gang setze. Sogar die von uns gewählten Scheiben der Rolling Stones und der Dire Straits scheinen ihnen zu gefallen. Lallend rufen sie freundlich etwas zu uns herüber. Wir verstehen kein einziges Wort. Einer der drei fasst sich ein Herz und kommt mit dem Glas in der Hand an unseren Tisch. Er scheint der nüchternste von allen zu sein, und einige Bruchstücke können wir aufnehmen. Nach vielfacher Entschuldigung für das Benehmen seiner Kumpanen stellt er sich kurz als Don Davies vor. Er ist hellauf begeistert, zum erstenmal in seinem Leben Deutsche kennen zu lernen. Normalerweise wird hier freiwillig auch kein Fremder anhalten, denke ich im Stillen. "Ich bin Manager der Schafscherer dieser Gegend" erzählt er stolz weiter. "Kommt doch morgen früh zu mir. Dann können wir uns in Ruhe unterhalten, und wenn ihr wollt, zeige ich euch wie ein Schaf seine Wolle verliert". Da es keinen Sinn hat, dem Betrunkenen die Einladung abzuschlagen, sagen wir erst einmal zu. Ob wir wirklich hinfahren, können wir ja später entscheiden. Normalerweise halten wir uns mit der Wahrnehmung von Einladungen solch schneller "Freunde" zurück. Und höchst wahrscheinlich hat er die Einladung bis morgen wieder vergessen. Doch die Neugier siegt in diesem Fall. Schließlich haben wir die kommerziellen Schafscher-Shows bewusst ausgelassen, und nun bietet sich die einmalige Gelegenheit, dieses in authentischer Umgebung nachzuholen.

Zur vereinbarten Zeit erreichen wir am nächsten Morgen sein Grundstück. Doch statt Don empfängt uns nur eine wild kläffende und zähnefletschende Bestie. Meinetwegen könnte der Zaun noch ein wenig höher sein! Bei der Überlegung, wie wir uns am besten bemerkbar machen, steht Don auch schon am Tor. Der Hund darf uns und unsere Räder beschnüffeln und ist dann plötzlich friedlich wie ein Schoßhund. Schwanzwedelnd streicht er um uns herum. Trotzdem misstraue ich ihm und lasse ihn nicht mehr aus den Augen. Don zeigt uns erst einmal seinen ganzen Stolz, den gepflegten an Wembley erinnernden Rasen. Ich möchte dieses grüne Prunkstück entsprechend loben, aber mit dem Wort "meadow" muss ich wohl am Ziel vorbeigeschossen sein. Ausführlich wird mir nun ein Vortrag über den Unterschied zwischen meadow und lawn gehalten. Die von mir so hoch gelobte meadow heißt übersetzt dummerweise Wiese und nicht Rasen, wie ich irrtümlicherweise angenommen hatte. Nun wissen wir also, dass des Neuseeländers geliebter Rasen mit lawn zu bezeichnen ist. Ich glaube, das werde ich nicht mehr vergessen. Jetzt erst werden wir der Familie als die "friends of Germany" vorgestellt. Aufgenommen wie alte Freunde genießen wir den ersten starken Kaffee in Neuseeland in gemütlicher Umgebung. Don wird schnell unruhig, denn er möchte uns noch seine Arbeiter vorstellen. Auf dem Weg zu einem Nachbarn beschreibt er kurz sein Unternehmen. Er hat gestern nicht geflunkert und ist wirklich der Brötchengeber fast aller Schafscherer dieser Region. Er hat zeitweise über dreißig dieser Spezialisten unter Vertrag und lässt sie im Auftrag der Farmer auf deren Grundstücken arbeiten. Wir treten in einen dämmerigen Stall ein. Der Boden glänzt wie gewachst, und auch alles andere ist mit einer dünnen Schicht Lanolin der Schafwolle überzogen. Dieses Fett hält das Fell der Schafe trocken und wirkt nicht nur auf dem glänzenden Holzboden besser als jede andere Imprägnierung. Hinten in einer Ecke sind die zur Schur bestimmten Tiere in einer Box zusammengepfercht. Zwei stämmige Maoris grüßen Don, der uns wieder als seine deutschen Freunde vorstellt. Beide verziehen keine Miene und gehen sofort wieder an die Arbeit. Mit grober Gewalt wird das nächste Tier über den glatten Boden zum Arbeitsplatz gezerrt. Ein gekonnter Handgriff, und schon liegt das Schaf auf dem Rücken. Sekunden später ist der Bauch bereits kahl. Wieder ein Griff, und das elektrische Rasiermesser findet seinen Weg durch das Rückenfell. Nach schätzungsweise zwei Minuten ist das Schaf nackt, der nächste Kunde bitte! Die Männer arbeiten im Akkord. Da ist es nur zu gut verständlich, dass sie keine Zeit für ein paar neugierige Touristen haben. Don zeigt uns noch die Ballenpresse, mit der die Wolle nach der Sortierung in Säcke gepresst wird, um dann verkauft zu werden. Wir verabschieden uns, denn Don hat noch einen Termin und auch wir wollen weiter. Bevor Don uns ziehen lässt, müssen wir ihm noch versprechen, aus Germany zu schreiben. Aber das fällt uns als Dankeschön für den lehrreichen Vormittag wirklich nicht schwer. Im Nachhinein sind wir sehr froh, doch zu der Verabredung mit Don gekommen zu sein. Sind doch gerade diese unverhofften Bekanntschaften mit den Einheimischen das "Salz in der Suppe" einer Reise. Sind später schon viele Erinnerungen an touristischen Highlights verblasst, erinnert man sich aber immer noch gerne an die Geschichten, die das Zusammentreffen mit fremden Menschen schrieb.

Der Weg zurück zur Hauptstraße ist uns versperrt, denn eine Schafherde kommt direkt auf uns zu. Einige Hunde sind vollauf damit beschäftigt, die Tiere zusammen zu halten, und bemerken uns zunächst nicht. Wir rollen langsam weiter, und voller Angst machen uns die Schafe Platz. So stehen wir plötzlich inmitten der Herde umgeben von hunderten Wollknäueln. Langsam laufen sie weiter und lassen uns langsam hinter sich. Das Winken des Schäfers zum Abschied bedeutet wieder freie Fahrt für uns. Das eigenartige Geräusch der vielen Schafstimmen lässt uns auch noch nicht los, als sich Abschiedsgedanken wieder mehr und mehr in unseren Köpfen breit machen. Die Stimmung sinkt weiter, als wir in Christchurch ankommen. Der wieder einsetzende Regen tut ein Übriges dazu. Traurig sehen wir dem nahen Abschied von dieser friedlichen Traumwelt entgegen. Ein letzter Burger mit Chips, eine letzte Nacht im Zelt, dann ist es leider soweit. Wir stehen am Flughafen und bereiten die Räder auf den Rückflug nach Deutschland vor. Vor dem Haupteingang steht ein Wegweiser mit den wichtigsten Flugzielen der Air New Zealand. Frankfurt 21000 km, London 20000 km, Sydney 2000 km. Sydney, das wäre jetzt genau das richtige Ziel, um die Reise fortzusetzen. Doch statt dessen geht es nach Auckland zurück, wo der Jet nach Frankfurt auf uns wartet. Viele Erinnerungen kreisen nun um uns herum. Um alle Eindrücke der Reise zu verarbeiten, bedarf es wohl noch einer längeren Zeitspanne. Jetzt überwiegen die Erinnerungen an tagelanges Radeln in der Einsamkeit, an sehr hilfsbereite und freundliche Menschen, an dauernd wechselnde Traumlandschaften, und an das seltene Gefühl, nie wirklich Angst gehabt zu haben.

Wie abgemacht treffen wir in Auckland Doris und Werner wieder. Auch sie sind gesund angekommen. Gemeinsam schwärmen wir uns nun das Erlebte der letzten vier Wochen seit unserer Trennung vor: "Habt ihr auch das... gesehen? Wart ihr auch dort am...?". Man wundert sich, wie verschieden doch die Eindrücke und Erlebnisse auf den fast identischen Routen sein können. Noch im Flugzeug kommen wir gemeinsam zu dem Ergebnis, dass dieser Urlaub auf Neuseeland auf keinen Fall das letzte Rendezvous mit diesem Traumland war. Aotearoa, das Land der langen weißen Wolke, hat vier neue Freunde gewonnen. In Frankfurt gelandet empfängt uns gleich die lärmende Hektik des Alltags. Das ungewohnte Geschiebe und Gedrängle macht uns nervös. Nach der Zollabfertigung haben wir Mühe, die Räder durch die uns angaffende Menge der wartenden Leute zu schieben. Wo ist mein Bruder? Da hinten entdecke ich ihn mit seiner Frau. Plötzlich haben wir es eilig, zu ihnen zu kommen. Wie Verschollene werden wir begrüßt. Und dann haben uns die Beiden noch etwas mitgebracht: KIWIS...