Banner 1-4-Südengland

Vietnamesin auf Rad m02

Banner 1-4 Namibia02

Banner 1-4 Sardinien02

regular_102

Grossglockner - Dolomiten - Ostschweiz   1992


Fotos:

Alpen Österreich Edelweißspitze

Alpen Dolomiten Falzaregopaß

Alpen Dolomiten Valparolapaß

Alpen  Schweiz Klausenpaß

Alpen Schweiz Anstieg zum Grimselpaß

Alpen Schweiz Grimselpaß


Reisebericht  (Bitte quer ausdrucken)

Die Sonne vermag noch nicht den Morgendunst zu durchdringen, als wir nach üppigem Frühstück die erste von 26 Etappen unter die Räder nehmen. Noch ohne Gepäck, denn wir können Marions Eltern nicht davon abhalten das Begleitfahrzeug für heute zu spielen. Auch sie sind neugierig, wie es uns auf den ersten Kilometern ergeht und ob wir überhaupt die Pässe bezwingen werden. Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass sie uns für völlig übergeschnappt halten. Insgeheim sind wir aber froh sie noch ab und zu neben uns zu sehen, denn die heute bevorstehende Großglockner-Hochalpenstraße ist gleich zu Anfang ein harter Konditionstest.

Am Startpunkt der Tour, an der Mautstelle Ferleiten, werden Radfahrer um die Zahlstelle geleitet. Im Gegensatz zu den Autofahrern werden sie hier nicht zur Kasse gebeten. Dann geht es auch schon los, und die Steigung hat es von Anfang an in sich. Schon beim Anblick der ersten fünfhundert Meter weiß ich, dass heute der anstrengendste Tag unseres bisherigen Radlerlebens bevorsteht. Zunächst haben wir noch den Ehrgeiz, mit möglichst hohem Gang die Steigung in die Knie zu zwingen. Doch bereits nach den ersten Kurbelumdrehungen klackt der Schalthebel immer wieder, bis schließlich die Kette vorne auf dem kleinsten und hinten auf dem größten Zahnrad aufliegt. Gott sei Dank, haben wir eine kleine Übersetzung vor der Reise montiert. Im Gleichtakt kriechen wir nun gemeinsam in die Höhe unserem Ziel entgegen. Obgleich die Temperaturen unter normalen Umständen eher zum Frösteln führen würden, sind wir schon nach wenigen Kilometern schweißgebadet. Bald ist die erste Pause notwendig, um etwas Wasser zu trinken und dann die Jacke und lange Hose in den Gepäcktaschen verstauen zu können. Es herrscht noch sehr wenig Verkehr so früh am Vormittag, und die wenigen herannahenden Fahrzeuge kann man schon früh wegen der schwer kämpfenden Motoren hören.

Einige Rennradfahrer kämpfen sich frustrierend schnell an uns vorbei doch wir sind froh, überhaupt hier hinauf zu kommen. Die Beine sind schon merklich schwerer geworden, als die abzweigende Sackgasse zur zwei Kilometer entfernten Edelweißspitze eine Entscheidung verlangt. Nach dem Motto "Das schaffen wir auch noch", biegt Marion unverdrossen nach links ab. Eigentlich habe ich schon langsam die Faxen dicke, aber das gebe ich natürlich nicht zu. Also hinterher! Der Straßenbelag wechselt abrupt, und von nun an schüttelt uns welliges Kopfsteinpflaster kräftig durch. Der so kurz aussehende Abstecher saugt die letzte Kraft aus den Beinen. Aber schließlich stehen wir doch unter der hier angebrachten blauen Tafel, mit der Höhenangabe 2571 Meter. Ungefähr 1400 Höhenmeter und knapp 30 Kilometer Asphalt liegen bereits hinter uns. So hoch sind wir bisher noch nicht einmal mit dem Auto gekommen.

Ein wenig abseits vom Rummel suchen wir uns ein nettes Plätzchen mit prachtvoller Aussicht. Mit ausgestreckten Beinen füllen wir den leeren Kalorienspeicher bei einer deftigen Brotzeit wieder auf. Bei diesem Panorama und dem guten Gefühl, den Weg bis hierhin schon geschafft zu haben, dösen wir in der warmen Sonne.

Ein wenig stolz setzen wir uns bald wieder auf die plötzlich so harten Ledersättel und testen erstmals die Bremsen bei steiler Abfahrt. Diese setzt sich nach Erreichen des Fuschertörls noch fort bis zur Fuscher Lake, einem kleinen Wasserloch das die meiste Zeit des Jahres zugefroren ist. Doch dann beginnt der lange Anstieg zum Hochtor. Als das vor dem Hochtortunnel im Schatten liegende Schneefeld zu einem Foto verleitet, haben wir beide längst die Nase voll. Aber wir müssen ja noch zur Franz-Josephs-Höhe um das Gepäck von den dort wartenden Eltern zu übernehmen. Hätten wir uns nur hier verabredet! Die Beine sind wie betäubt als wir vor der grandiosen Kulisse des Großglockners und des fast 10km langen Pasterzengletschers fast vom Rad kippen. Eine Standseilbahn führt hinunter zum langsam dahinfließenden Eis. Aber dazu haben wir keine Lust mehr. Wir setzen uns erst einmal auf die nächste Bank, denn die Beine zittern vor Erschöpfung. Auf der Bank neben uns sagt eine ältere Frau zu ihrem Mann, dass heutzutage mit den Mountainbikes doch jeder hier hochkommt. Ein böser Blick in ihre Richtung lässt sich nicht vermeiden. Dann kommen endlich auch Marions Eltern, wie verabredet, angefahren. Beim Umpacken des Gepäcks vom Auto auf die Fahrräder wird noch ein letztes Mal versucht, uns von dieser "unsinnigen Unternehmung Radtour" abzubringen. Doch der Entschluss steht bereits fest: Wir fahren weiter.

Wir lassen einen Tag ohne sportliche Ambitionen zur Regeneration verstreichen, bevor es bergab in Richtung Lienz geht. Irgendwie können wir heute vor Schmerzen kaum im Sattel sitzen, aber das wird hoffentlich schnell vorbeigehen. Die Lienzer Dolomiten entlang des Weges geben einen ersten Einblick in die Schönheit dieser Region und steigern die Vorfreude auf die nächsten Tage. Zunächst aber radeln wir in großem Bogen bei leichter Steigung nach Matrei, da dort der einzige Zeltplatz der Gegend liegt.

"Du schau mal, da oben ist ein Stau" höre ich Marion am nächsten Mittag sagen. Wir trauen unseren Augen nicht. Nachdem wir fast 5 Stunden über wenig befahrene Straßen durch das schöne Defereggental gefahren sind, ist nach langer Steigungsstrecke eine Fahrzeugschlange am vor uns liegenden Staller Sattel zu sehen. Damit haben wir in zweitausend Metern Höhe weiß Gott nicht gerechnet. Ein kurzes Gespräch mit dem Zöllner bringt die Klärung: Die Abfahrt nach Italien ist nur jede Stunde für ca. 15 Minuten möglich, da die schmale Straße ausschließlich in einer Richtung, abwechselnd zu befahren ist. So nutzen wir die Zwangspause, um die heißgewordenen Füße in den  direkt an der Straße liegenden Obersee zu tauchen. Ohne Angst vor Gegenverkehr rauschen wir wenig später in Ideallinie die vielen engen Kurven hinunter zum Antholzer See.

Dort kommt in mir sofort der Gedanke "nochmal" auf. Doch die weitere Abfahrt durch das wunderschöne Antholzer Tal läßt diesen Wunsch schnell in Vergessenheit geraten. Wie gemalt stehen hier Weide, Wald und Felsen in einer lieblichen Symphonie von Grau- und Grüntönen links und rechts neben der Straße. Da es hier sehr ruhig ist und nur sehr wenig Verkehr fließt, entschließen wir uns, die Nacht hier zu verbringen. Den gleichen Gedanken haben vor uns aber anscheinend schon etliche andere Urlauber gehabt. Der Campingplatz in Rasen ist vollgestellt mit Luxus-Caravans, die kaum Platz für ein einzelnes Minizelt lassen.

Am frühen Morgen des nächsten Tages sind wir froh, der mustergültigen Übernachtungsstätte den Rücken kehren zu können. Das heutige Ziel heißt Cortina d`Ampezzo. Nach kurzer Zeit stößt man auf die SS49 und biegt ab ins Pustertal. Die Straße ist gut, doch der starke Verkehr, und hier insbesondere die LKW`s lassen keine Freude am Fahren aufkommen. Erst die nach 10km abzweigende Straße zum Pragser Wildsee bringt wieder die ersehnte Ruhe der Natur. Steigungen bis zu 12%, unterbrochen von einigen flachen Passagen, lassen uns rasch die Höhendifferenz bis zum See bewältigen. Während die Räder bereits einen Stellplatz hinter uns gefunden haben, suchen wir am Ufer ein Plätzchen für die Siesta. Beim kurzen Imbiss genießen wir das allbekannte und überwältigende Panorama. Steile Felswände umringen den See und spiegeln sich auf seiner völlig ruhigen Oberfläche. Nur ungerne geht es weiter auf der SS49, wo wir uns wieder unter den dichten Verkehr mischen. Durch das in Toblach abzweigende Höhlensteintal erreichen wir den Dreizinnenblick, einen aussichtsreichen Rastplatz mit angeschlossenem Souvenirverkauf. Nach Umfahrung der Cristallo-Gruppe taucht auch schon das Ortsschild von Cortina auf.

Am Morgen bleibt das Zelt stehen, als wir in den Sattel steigen, um die Cristallo-Gruppe im Uhrzeigersinn zu umrunden und nebenbei der Auronzohütte einen Besuch abzustatten. Der erste Teil dieses Vorhabens läßt sich noch relativ gemütlich bewältigen. Der 8 km lange Abstecher zur Auronzohütte sollte jedoch in vieler Hinsicht einer der Höhepunkte der gesamten Tour werden. Der Blick zum Drei Zinnen Gebirgsstock läßt in großer Höhe eine winzige Hütte erkennen, eine Bergsteigerhütte wie wir glauben. Eine kurze knackige Steigung direkt hinter der Abzweigung stellt die erste Kraftprobe dar. Bis zur Zahlstelle dieser Mautstraße tauchen aber dann erst einmal keine Probleme mehr auf. Das hämische Grinsen des uns durchwinkenden Kassierers erzeugt eine dunkle Vorahnung, die sich schließlich auch bewahrheitet. Eine durchgängig 14-16%ige Steigung lässt kaum Zeit, die ständig besser werdende Aussicht zu genießen. Vorbeifahrende radbegeisterte Autofahrer muntern uns mit "Forza,Forza"-Rufen und kleinen Hupkonzerten auf. Die Sonne lässt die Schatten der Räder senkrecht auf den Asphalt fallen und der Schweiß brennt wie Feuer in den Augen. Um die Steigung erträglicher zu gestalten, fahren wir in großen Schlangenlinien weiter. Dass die vielen Kehren zur Außenkurve hin immer flacher werden, nutzen wir natürlich aus. Dass wir dabei in jeder zweiten Kurve gegen die Fahrtrichtung radeln, stört uns wegen des geringen Verkehrs nicht weiter. Die Innenkurven sind nämlich teilweise so steil, daß sogar das Schieben des Rades zur Qual wird. Man stelle sich einmal diese Strecke mit schwerem Gepäck vor! Zwischenstops bringen leider nur eine kurzzeitige Erleichterung denn beim Weiterfahren schmerzen die Oberschenkel umso mehr, je länger die Pause dauerte. Schließlich erreichen wir total erschöpft die "Bergsteigerhütte" und die Fassadenaufschrift "Rifugio Auronzo" zeigt das Ende der Strapazen an.

Ein steiniger Schotterweg führt um die Drei Zinnen herum zum Paternsattel und ermöglicht einen überwältigenden Postkartenblick auf die Nordwand. Doch das kann uns nicht mehr zur Weiterfahrt verführen, denn auch von hier zeigt sich ein grandioses Panorama bizarrer Berge. Die mitgenommenen Windjacken streifen wir schnell über, bevor es in schneller Fahrt hinunter zum Misurina See geht. Bevor die Räder in Richtung Cortina ausrollen können, stellt sich noch der Tre Croci Paß in den Weg. An diesem Abend sind wir froh, das Zelt nicht aufbauen zu müssen und sinken erschöpft aber zufrieden auf die Iso-Matten.  

Wie in den vergangenen Tagen meint es die Sonne heute wieder einmal zu gut. Aus dem Vorsatz, in den nächsten Tagen ein wenig gemütlicher zu fahren, wird jedoch zunächst nichts. Eine einsame Straße in landschaftlich schöner Umgebung führt hinauf zum Valparola Paß. Die Paßhöhe beeindruckt durch das, mit großen Felsblöcken übersäte Hochtal. Die unmittelbare Nähe der Ostwand des Marmolada Massivs in Malga Ciapela bildet die Kulisse für die kommende Nacht.

Wir sind ziemlich müde, als wir zwecks einer kalten Dusche, diesmal recht spät am Vormittag, aus dem Zelt krabbeln. Der gestrige reichliche Genuß von Lambrusco mit einem netten Zeltnachbarn, hat sich erwartungsgemäß nicht konditionssteigernd ausgewirkt. Dem entsprechend lustlos werden die Räder bestiegen, um die vermeintlich kurze Etappe nach Campitello di Fassa so schnell wie möglich abzuspulen. Zu unserem Unmut können wir uns nicht richtig warmradeln, denn der sofort beginnende Anstieg lässt keine Möglichkeit für Lockerungsübungen. Ein Rennradfahrer im Profi-Outfit quält sich bei weiter zunehmender Steigung an uns vorbei. Die am Ende der Rampe sichtbaren Serpentinen lassen auf ein leichteres Vorankommen hoffen. Da ist plötzlich auch wieder der Rennradfahrer von vorhin. Er sitzt am Straßenrand und kaut erschöpft an seinem Power-Müsliriegel. Das neben ihm stehende Isostar-Getränk hat wohl noch nicht geholfen. Nach kurzem Gruß fahren wir hochmütig vorbei und lassen ihn hinter uns. Gut dass er nicht weiß, dass wir gerade erst gestartet sind, und deshalb noch nicht abgekämpft sind. Ein paar Minuten später sehen wir ihn mit strammem Schritt, das Rad schiebend, die Verfolgung aufnehmen. Da hat er wohl doch die falsche Übersetzung am Rad montiert. Die Steigung macht zwar schwer zu schaffen, aber der Triumpf über diesen Renner lindert die Qualen. Die Serpentinen bringen aber nicht das erhoffte Zurückgehen der Steigung, die im Gegenteil jetzt noch bis 16% ansteigt. Fast zwanzig Kilogramm Gepäck scheinen das Rad förmlich zurückzuziehen. Die Tretkurbel lässt sich trotz einer Übersetzung, die unter 1:1 liegt, und den ach so gelobten ovalen Biopace-Kettenblättern kaum noch in Gang halten. Die Pausenabstände verkürzen sich dramatisch und auch der Inhalt der zweiten Trinkflasche geht zur Neige. Der Versuch das Rad zu schieben schlägt jetzt auch noch fehl. Der Gaul ist einfach zu schwer und die Taschen schlagen uns dauernd in die Waden. So bleibt uns nur noch die Möglichkeit, den Berg im Zick-Zack-Kurs unter Ausnutzung der gesamten Straßenbreite zu bewältigen.

Plötzlich hören wir es : "Tack,Tack,T...". Ein Blick zurück läßt die Befürchtung zur Gewißheit werden. Der schiebende Rennradler ist trotz der behindernden Pedalplatten unter seinen Schuhen schon dicht hinter uns. Trotz Mobilisierung aller noch vorhandenen Reserven können wir die Schmach nicht abwehren, und müssen den lächelnden Schieber vorbeiziehen lassen. Eine halbe Stunde später sitzen wir gemeinsam  im Rifugio Passo Fedaia an der Paßhöhe und versuchen unter regem Gebrauch von Händen und Füßen unsere fehlenden Italienischkenntnisse auszugleichen.

Es folgt mit der Sella-Runde ein weiterer Höhepunkt. Auch wir nutzen die für diese Rundtour ideale Möglichkeit, das Gepäck stehen lassen zu können. Über vier Pässe und 2000 Höhenmeter führt der Weg, rund um das höchst beeindruckende Sella-Massiv. Als absolutes Highlight in den Dolomiten darf diese Strecke in keiner Radlerchronologie fehlen.

Der in einigen Reiseführern überschwänglich dargestellte Karersee stellt sich am nächsten Tag als halbleerer Tümpel dar, welcher in unseren Augen eine Fahrpause nicht verdient hat. So geht es dann bald weiter bergab durch das Eggental nach Bozen. Die schaurige enge Schlucht überrascht durch eine wundervolle Straßenführung. Überhängende rotbraune Felswände scheinen teilweise über unseren Köpfen zusammenzuschlagen. Doch dann ist urplötzlich die raue Einsamkeit vorbei. Minuten später bricht die autofahrende Zivilisation in Gestalt der Brennerbundesstraße über uns herein. Ohne Rücksicht auf den Schwächeren donnern die Laster nur wenige Zentimeter entfernt vorbei. "Hier gehören keine Radler hin" scheint die Fanfare des hinter uns aufschließenden Tankzuges zu schreien! Voller Angst flüchten wir auf den schmalen Rasenstreifen neben der Fahrbahn. Hier fahren wir keine Minute mehr! Doch wir müssen weiter, und bis zur nächsten Ausfahrt stehen wir bei unvorstellbarem Lärm Todesängste angesichts des Schwerverkehrs aus. In Völs am Schlern erholen wir uns vom zurückliegenden Stress und beraten den Verlauf der nächsten Etappen.

Das nächste Ziel ist die Seiser Alm. Die gute Straße führt schnell höher und immer wieder müssen wir anhalten um einen Blick zurück gen Westen zu werfen. Dort in der Ferne strahlen die schneebedeckten Gipfel der Ötztaler Alpen und der Ortlergruppe in der gleißenden Sonne. Oben angekommen empfängt uns ein Großparkplatz mit einem Menschenaufkommen wie in Dortmund am langen Samstag. Die für den Individualverkehr gesperrten Wege geben gute Möglichkeiten zur Erkundung dieses Hochplateaus. Um nicht den gleichen Weg zurück fahren zu müssen, versuchen wir einem Schotterweg nach St. Christina ins Grödnertal zu folgen. Daß eine 32er Bereifung für ein beladenes Rad bei losem Schotter weniger geeignet ist, müssen wir auf den nächsten Kilometern leidvoll feststellen. Trotz schöner Umgebung, unterhalb des Langkofels, muss die ganze Konzentration zum Halten des Gleichgewichts aufgewendet werden.

Die Strecke über Bozen und Meran nach Prad am Stilfser Joch wird unter dem Kapitel Erfahrungen (Fahre auch in den Alpen nie auf Hauptverkehrsstraßen) abgehakt. Gut ausgeruht treten wir von Prad aus die nächste Etappe unseres Urlaubs an. Der Traumpass eines jeden Radfreaks liegt vor uns: Das Stilfser Joch, die "Königin der Alpenstraßen". Die Möglichkeit der Befahrung ist nur in der Zeit von Juni bis Oktober gegeben. Dieser dritthöchste Alpenübergang verbindet das Veltlin mit dem Vinschgau. 1900m Höhendifferenz, verteilt auf achtundvierzig Etappen in Form von Kehren, trennen uns bei bis zu 15%igen Steigungen von der Paßhöhe. Aufgrund dieser Daten fällt uns auch hier die Entscheidung zu einer Rundtour ohne Gepäck nicht schwer. Direkt vor Trafoi ist die Ortlergruppe dann zum erstenmal oberhalb des stark vergletscherten Talschlusses zu sehen. Mit jeder Kehre kommen wir der Paßhöhe ein kleines Stückchen näher. Hinter der Franzenshöhe tut sich dann ein umfassender Blick über die noch zu absolvierende Trasse auf. Hier beginnt der erwartete Countdown der restlichen Kehren. Wie auf einem Präsentierteller liegen die Windungen der Straße bis zur Passhöhe am steil aufragenden Felsen. Langsam kämpfen wir uns Kehre um Kehre hoch. Ein kleiner Wegestein in jeder Kurve dokumentiert die geschaffte Höhe. Oben angekommen müssen wir feststellen, dass die Strecke ohne große Mühe bewältigt worden ist. Die hinter uns liegenden Kilometer haben wohl zu einer spürbaren Verbesserung der Ausdauer beigetragen.

Das Wetter verschlechtert sich zusehends, als wir zum Arlbergpaß hinaufschleichen. Auch hier begleitet uns kilometerweit der unvorstellbare Lärm der Transitlaster. Erst am Arlbergtunnel biegt die Blechlawine ab. Wir sind wieder allein im Dunst der tief hängenden Wolken, die uns jegliche Sicht auf die umliegenden Berge nehmen. Die trostlose Fahrt setzt sich noch bis in die Schweiz fort.

Morgens ersetzt am Klöntaler See die Melodie der Postautofanfare den Wecker, und stellt dabei das berühmte Königssee-Trompetenecho locker in den Schatten. Die frühe Abfahrt durch den dunklen, kühlen Wald lässt der Müdigkeit keine Chance. Aber unten im Tal angekommen wird uns gleich wieder warm. Bei der fast vierzig Kilometer langen Auffahrt zum Klausenpaß, dem ersten "richtigen" schweizer Paß dieser Tour, scheint wie auf Bestellung die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Liegen im unteren Teil die Serpentinen teilweise noch im Wald, zeigt das auf 1400 Meter liegende Hochtal Urner Boden schon hochalpine, karge Landschaft. Schöner noch als der Weg hinauf zeigt sich jedoch die Landschaft bei der Abfahrt. Die Straße führt spektakulär an steilen Felswänden hinab ins Tal zum Vierwaldstätter See. Wenige Meter nur wurden dem Berg abgetrotzt, um die schwindelerregende Trasse zu errichten. Am Abgrund sollen Geländer und Brüstungen einen Sturz in die Tiefe verhindern, aber Vertrauen strahlen sie in keiner Weise aus.

Unten in Flüelen versperren uns Baubaken den Weg um den See, weil ein Erdrutsch die Straße verschüttet haben soll. Da wir die Hinweise ignorieren, kommen wir doch noch in den Genuß der herrlichen Axenstraße, die durch viele Tunnel und Galerien am Ufer des Urner Sees, einem Seitenarm des Vierwaldstätter Sees, entlangführt. Die interessantesten Abschnitte dieser Straße sind für Wanderer und Radfahrer die kurvenreichen alten Straßenstücke, die nach dem Bau geradliniger Tunnel ein autofreies Fortkommen ermöglichen. Viele dieser "Umwege" bieten von den Galerien aus spektakuläre Blicke in die Tiefe und über den See.

Vorbei am tief hinabreichenden Grindelwaldgletscher geht es ohne Verkehr auf einer Postbusstraße hinauf zur Großen Scheidegg. Das Wetter spielt uns hier einen Streich nach dem anderen: Kaum haben wir die Ponchos wegen des Regens übergezogen, hört dieser auch schon wieder auf. Ist gerade alles verstaut, geht das gleiche Theater von vorne los. Auf halber Strecke wartet eine Besonderheit auf den Radler: Unter Spannung stehende Viehgatter versperren uns hier, und auf der anderen Seite den Kühen, den Weg. Vorsichtshalber schicke ich Marion vor...  Beim langsamen Hindurchrollen steigt die Spannung angesichts des erwarteten Stromschlages. Aber es passiert doch nicht das Befürchtete.

Man könnte glauben, daß das Wetter jetzt seinen negativen Höhepunkt erfahren hätte, doch der Blick zurück läßt uns da, wo vorhin noch Grindelwald war, nur noch dichte Nebelschwaden erkennen. Kurz darauf fahren auch wir in dicker Suppe auf stellenweise sehr steilem Weg hinauf. Die Stimmung nähert sich dem absoluten Tiefpunkt, aber wir müssen weiter. Bei nur noch wenigen Metern Sichtweite spulen wir langsam und monoton die Kilometer ab. Die Außentemperatur sinkt rapide ab und jede kleine Pause läßt uns bitter frösteln. Nach endlos erscheinender Zeit taucht dann im Nebel ein Gasthaus auf der Passhöhe auf, wo wir uns erst einmal bei einer heißen Schokolade wieder aufwärmen. Während der einsamen Abfahrt weht ein starker Aufwind und wir sind froh, warme Handschuhe und die Wintermützen dabei zu haben. In Innertkirchen empfängt uns ein freundlicher Campingplatz und es hat auch aufgehört zu regnen.

Der Weg hinauf zum Grimselpaß: Die wegen der neuen Tunnel nicht mehr benötigten, kurvenreichen Straßenabschnitte sind wie geschaffen für ein ruhiges Vorankommen ohne Verkehr. Oftmals bieten diese Umfahrungen grandiose Ausblicke die den motorisierten Touristen verborgen bleiben. Mehrere schöne Stauseen sind in einer von glatten Granitfelsen geprägten Landschaft eingebettet. Es sieht so aus, als ob riesige Gletscher in weit zurück liegenden Zeiten das ganze Gebirge rund und glatt geschliffen haben. Die bald in vielen Serpentinen hinaufführende Straße verführt wegen des wundervollen Panoramas immer wieder zu kurzen Pausen. Beim Blick zurück sind wir immer wieder verwundert, wie schnell man doch mit dem Rad an Höhe gewinnt. An der Paßhöhe angelangt empfängt uns das tiefe Blau des Totensees. Die Abfahrt hält einen besonderen Leckerbissen bereit. Der Blick schweift hinüber in Richtung Osten. Das ist er also, der Rhonegletscher. Im weichen Sonnenlicht des späten Tages liegt er dort drüben majestätisch unter uns. Die Straße zum Furkapaß führt unmittelbar an ihm vorbei, und es scheint so, als wäre sie direkt an den Steilhang geklebt.

Das Zelt bleibt heute stehen und so geht es ohne Gepäck auf die wohl spektakulärste Etappe der Tour, zum Furkapaß. Die ungewohnt leichten Räder verleiten zum Schnellfahren, aber spätestens bei den ersten Anstiegen wird der Begriff Geschwindigkeit nicht mehr in den Mund genommen. Doch zunächst rollen wir vorbei an einigen sehr hübschen Walliser Holzhäusern, die mit ihren braungebrannten Fassaden schmuck in der Sonne stehen. Hier ist es auch möglich die Region ohne Fahrräder zu erleben: Regelmäßig starten Postbusse zu den beliebten Paßrundfahrten. Hinter Gletsch fürt die Straße nach einigen Kehren auf langgezogener Rampe hinauf. In der gleißenden Mittagssonne quälen wir uns vis a vis zum Rohnegletscher langsam voran. Einige nur auf Stützen frei über dem Abgrund stehende Kehren ermöglichen ungewöhnliche Blicke in die Tiefe. Schneller als vermutet ist das Hotel Belvedere erreicht. Hier bietet sich eine phantastische Aussicht auf das zum Greifen nahe ewige Eis.

Die auf weiten Strecken fehlende Leitplanke erzeugt bei der Abfahrt ein angespanntes Gefühl in der Magengegend. Hinter Gletsch werden wir von einem Postbus gejagt. Bis zu den Kehren ist er jedesmal dicht herangekommen, doch dann können wir ihn immer wieder abhängen. So gelingt es dem Busfahrer erst weit unten auf einer langen Gerade an uns vorbeizufahren.

Die nächsten Tage verbringen wir ebenfalls in dieser spektakulären Hochgebirgslandschaft. Heute stehen mit dem Nufenen- und dem Gotthardpaß gleich zwei Alpenübergänge auf dem Programm. Während die Auffahrt zum Nufenenpaß landschaftlich hinter den letzten Etappen zurückbleibt, erwartet uns oben doch noch eine lohnenswerte Aussicht auf Aletschhorn  und Finsteraarhorn. Die Betonpiste hinunter nach Airolo ist zwar glatt, doch die Plattenstöße sind stark abgebröckelt, so dass man als Radler alle paar Meter vom Schlag getroffen wird. Genervt von der Schüttelei beschließen wir in Airolo die neue Trasse zum Gotthardpaß zu nehmen. Die reizvollere alte Route, die teilweise auf Kopfsteinpflaster durch das Tal des Zitterns zur Paßhöhe führt, wird für ein andermal zurückgestellt. Für heute reicht ein Blick hinüber auf die schwindelerregende, kehrenreiche Trassenführung. Im Gegensatz zu der dort drüben liegenden Alternative bietet die neue Gotthardstraße ein einfaches Vorankommen auf nicht minder faszinierende Weise. Da der Hang keine Straßenführung zu dulden scheint, ruhen weite Teile der Trasse auf schlanken Betonstützen hoch über dem Abgrund. Das Auge verliert jeglichen Festpunkt neben der Fahrbahn und der Blick über die Leitplanke erreicht erst hunderte Meter tiefer wieder festen Grund. Besonders die Kehren liegen frei schwebend in der Luft und wirken wie der Teil einer Brücke über einem schrecklich tiefen Canyon.

DieTeufelsbrücke bei Andermatt ist erreicht. Direkt an dieser führt ein alter Schotterweg hinab zu einer zweiten Brücke über die Reuss, die hier viele Meter tief hinabstürzt. Dieser Weg führt unterhalb der Autostraße um den Berg herum und bietet einen wunderbaren Blick hinunter in die wilde Schlucht. Am Eingang zur Schöllenenschlucht treffen wir wieder auf die Straße, auf der wir wieder zurück nach Andermatt radeln. Die folgende Auffahrt zum Oberalppaß bietet einen farbigen Kontrast zu den Bergstrecken der vergangenen Tage. Langsam klingt mit der flacher werdenden Landschaft auf dem Weg zum Bodensee auch unser Urlaub in einer faszinierenden Bergwelt aus.