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Reif für die Insel
Die fast 9 Stunden Fahrt bei großer Hitze in die Normandie haben uns wirklich gereicht. So sind wir froh, endlich den Autositz mit dem
Fahrradsattel tauschen zu können. Das Auto lassen wir für die nächsten zwei Wochen in St. Martin auf dem Campingplatz zurück, so dass wir uns diesbezüglich keine Sorgen machen. Die ersten Kilometer
sind erstaunlich kurzweilig, da die schmale Straße herrlich wie durch eine Parkanlage führt, und zudem sehr einsam ist. Immer wieder rollen wir auf erträglichen Steigungen zu kleinen urigen
Städtchen, die in zum Meer hin abfallenden Tälern eingebettet sind. Häuser deckt man hier noch mit Schiefer und die Mauern sind nicht verputzt, sondern rustikal aus groben Steinen gebaut. Mehrmals
genießen wir großartige Aussichten auf die weiße Kreideküste, bevor wir in Etretat eintreffen. Die einmalige Szenerie mit uraltem Dorfkern und breitem Kiesstrand, eingerahmt von hohen weissen
Klippen, lockt natürlich viele Touristen an, so dass es ganz schön eng wird. Spontan beschließen wir beide, dass die Normandie zusammen mit der Bretagne eines unserer nächsten Radtourenziele wird. In
Le Havre empfängt uns das Verkehrsgewühl einer großen Stadt was uns veranlasst, gleich den Weg zur Kanalfähre einzuschlagen. Zwei Stunden später stehen unsere Räder zwischen schweren LKW auf dem
Autodeck und wir liegen in unseren Kabinen. Dabei hoffen wir, dass uns P&O eine ruhige Überfahrt nach England beschert.
Portsmouth empfängt uns, wie könnte es anders sein, mit Nebel und leichtem Nieselregen bei 11°C. Da in der näheren Umgebung um 6:00 Uhr morgens
noch alles geschlossen hat, was nach Frühstück aussieht, nehmen wir gleich den Weg zur Isle of Wight Fähre in Angriff. Natürlich fahren wir die ersten Meter auf der falschen Straßenseite, an den
Linksverkehr gewöhnt man sich jedoch erstaunlich schnell. Am Fährterminal hat gottlob ein Coffeeshop geöffnet, wo wir hungrig ein großes Frühstück bestellen. Um es vorweg zu nehmen: Es war das letzte
dieser Art auf der Reise. Neben Rührei und fettigem Bauchfleisch gibt es zwei ekelige Würstchen und in altem Fett frittierte Toastscheiben, die nach Fisch schmecken. Der Kaffee kommt aus der
Nescafétüte, was aber auch als Vorteil gelten kann. Mit drückendem Magen und 6 Pfund weniger in der Geldbörse stehen wir später auf dem Schiff, um hinüber auf die Isle of Wight zu fahren.
Nach den Gourmetfreuden vom Morgen nehmen wir in Ryde die erste Gelegenheit wahr, unser Proviant für die nächsten Tage einzukaufen. Während ich
im Laden bin, geht draußen die Welt unter. Doch die Leute tun so, als ob nichts wäre und gehen im strömenden Regen ohne jegliche Hast und vielfach auch ohne Schirm ihres Weges. Bis Shanklin schüttet
es weiter uns kommen schon ernste Zweifel, ob der Zielauswahl für diesen Urlaub. Wenig später scheinen wir ein wenig Glück zu haben, als ein Schild eine schöne Abkürzung nach Luccombe verheißt und
der Regen endlich aufhört. Aber das Sackgassenschild hätte eine Warnung für uns sein sollen, denn die Straße wird erst enger, dann steiler, um schließlich in den Küstenwanderweg überzugehen. Wir
haben keine größeren Probleme mit der Piste, aber als ein Abzweig zur Straße erreicht ist, verlassen wir uns lieber auf das englische Straßennetz. Plötzlich locken sogar die ersten Sonnenstrahlen und
schnell ist auch die lange Radhose verstaut. Mit der Sonne wird auch unsere Laune besser, zumal im Kontrast zu den hellen Kreidefelsen die üppiggrüne Parklandschaft wunderschön, ja fast mediterran
aussieht. Da trifft es sich gut, dass die Straße unterwegs einige mal in die Höhe führt, was uns zu wunderbaren Aussichten auf die Küste verhilft. Viel früher als geplant bleiben wir auf einem
wunderschönen Campingplatz, der mit saftiggrüner Wiese und weiter Aussicht auf das Meer zu einem ruhigen Nachmittag in der warmen Nachmittagssonne lockt. Schon hier vertragen wir uns wieder mit
unserem Reiseziel und freuen uns auf die nächsten Tage.
Der kühle Morgen hält sofort einige lange Steigungen bereit, die zur eindrucksvollen Steilküste von Freshwater und weiter ins nette Städtchen
Yarmouth führen. Wieder zurück auf der Hauptinsel angelangt, ist die Küste merklich flacher geworden, was uns natürlich sehr entgegenkommt. Durch Zufall treffen wir kurz vor Bournemouth auf die
Küstenpromenade, die erst oberhalb und dann unterhalb der Klippen abseits von Straßen und Verkehr geruhsam direkt am Meer entlang führt. Zwar ist ein Teil des Weges für Radler gesperrt. Da aber
niemand da ist, der meckern könnte, ignorieren wir das Verbot mit einem klitzekleinen schlechten Gewissen. Bournemouth selbst ist in Strandnähe fest in der Hand von etlichen Spielhöllen, so dass uns
die Weiterfahrt nicht schwer fällt. Kleine bunte Hütten stehen für uns Spalier, aber Radler sind auf diesem tollen Strandweg wieder nicht willkommen. Stellt man sich den Badebetrieb am warmen Tagen
vor, kann man das aber verstehen. Über ein ruhiges Sträßchen finden wir nach Sandbanks, um von dort per Fähre auf die andere Seite der großen Bucht überzusetzen. Wir freuen uns auf jede
Schiffspassage, da sich dort fast immer nette Kontakte zu den Engländern ergeben. Die Leute sind erst schüchtern und zurückhaltend aber dann überaus freundlich zu uns Deutschen, die sie auch schon
mal mit „Krauts“ bezeichnen. Von der alten historisch bedingten Abneigung gegenüber den ehemaligen Feinden spüren wir nicht das geringste!
Die Landschaft wechselt wieder und fortan bestimmen Heide und Stechginster die Aussicht. Immer wieder überholen uns Nahverkehrsbusse, die
typisch englisch als Doppeldecker daherkommen. Während sich die Straße nun von der Küste abwendet, begleitet uns eine zischende alte Museumseisenbahn bis nach Corfe Castle, einem kleinen sehr alten
Dorf mit der mächtigen Ruine einer fotogenen trutzigen Burg. Leider müssen wir nun ein großes Militärgebiet auf einer Hauptverkehrsstraße umfahren, was uns zum erstenmal zu kurzzeitigem
Kilometerfressen animiert. Doch die Strecke wird sehr hügelig, so dass aus dem angestrebten Tagesrekord nichts wird. Erst in Weymouth mit altem Hafen und einladender Fußgängerzone halten wir zu einer
längeren Pause an. Dass die Strandpromenade wieder für Radler gesperrt ist, haben wir schon geahnt. Die Hoffnung auf ruhige Straßen erfüllt sich erst mal nicht und so düsen wir gemeinsam mit vielen
Autos ins hübsche Abbotsbury. Müde geworden schaffen wir die folgende knackige Steigung sogar schiebend nur mit Mühe, so dass wir den nächsten Campingplatz anfahren und wieder nicht das geplante
Tagespensum schaffen. Im Gegensatz zu den bisher überwiegend schönen Campingplätzen sind nun einige mit riesigen stationären Caravans vollgestellt, doch für Touristen gibt es fast immer eine
angrenzende ruhige Wiese.
Den nächsten Tag über stehen die drei schrecklichen „V“ auf dem Programm: Viel Verkehr, viel Regen, viel schieben, was besonders auf den
autobahnähnlichen Straßen um Exeter nervt. Doch gottlob ist schon am nächsten Tag die Radlerwelt wieder in Ordnung, denn das Wetter ist wieder sonnigwarm, und die Strecke führt durch eine überaus
sehenswerte hügelige Landschaft entlang der Küste. Die aus mehreren Orten bestehende große Küstenbebauung um Torquay haben wir schnell durchquert, so dass auf nun verkehrsarmen und von hohen Hecken
gesäumten Straßen schnell das malerisch gelegene und sehr sehenswerte Dartmouth erreicht ist und zu einer weiteren Verschnaufpause einlädt. Wie in vielen anderen Dörfern auch, sind einzelne Häuser
aus rauen Steinen gebaut, mit Reed gedeckt und mit kleinen Sprossenfenstern versehen. Andere wiederum bestechen mit weißen Holzfassaden, die mit Ornamenten, Säulen und netten Erkern verziert sind.
Nachdem die Straße wieder zur Küste zurückgefunden hat, bezaubert uns eine wilde Landschaft, bis der Weg schließlich direkt am Strand entlang führt. Auch in den nächsten Tagen säumen dichte hohe
Hecken beide Seiten vieler Nebenstraßen. Für uns haben sie neben dem attraktiven Aussehen auch den großen Vorteil, den stetig blasenden Wind ein wenig in Vergessenheit geraten zu lassen. Die
Steigungen werden länger, sind dafür aber nicht mehr so steil. Somit ist das sonst regelmäßige Schieben der Räder nicht mehr ganz so häufig erforderlich. Leider zeigt die zunehmende Bebauung an, dass
Plymouth immer näher kommt. Doch ist man erst einmal in der Altstadt mit dem netten Fischerviertel angelangt, hat man die hässliche Vorstadt längst wieder vergessen. Und schon 10 Minuten nach der
Überfahrt mit der Kettenfähre nach Torpoint ist es wieder grün und einsam auf den Straßen zwischen den grünen Schluchten aus Blättern. Und blickt man in Richtung Küste, dann leuchten die bis zur
Abrisskante reichenden grünen Weiden herüber. In Downderry biegen wir auf einen kleinen sehr ruhigen Campingplatz ab, der drei wichtige Einrichtungen besitzt: heiße Duschen, ein Restaurant und eine
Bar. Also schnell duschen und danach ein gutes Essen mit einem großen kalten Bier bestellen! Was gibt es schöneres nach einen harten Tag auf dem Rad?
Das erste Highlight des nächsten Tages ist Looe mit schönen alten Häusern, die den kleinen Hafen wundervoll einrahmen. Alte düster aussehende
Kirchen weisen den Weg zu den fotogenen Friedhöfen mit ihren steinernen Kreuzen. Kurz darauf liegt mit Polperro schon die nächste Sehenswürdigkeit in Form einer steilen und von uralten Häusern
gesäumten Straße, die schließlich am Hafen endet, am Weg. Die alten Städtchen liegen heute wie Perlen aufgereiht am Weg und lassen so den Tag schnell vorübergehen. Besonders die endlosen, zart
blühenden Hecken und die über den schmalen Straße zu kurzen Tunneln zusammengewachsenen Bäume haben es uns sehr angetan. Hinter St. Austell wartet schließlich eine Besonderheit in Form einer fast 8
Kilometer langen flachen (!) Straße auf uns, die fast waagerecht am Fluss entlang zum Meer hinführt. Dass kurz vor Mevagissey unser aufkeimender Übermut wieder einmal mit Schieben bestraft wird,
versteht sich bei der südenglischen Topographie fast von selbst. Zur Erholung gönnen wir uns dann den ANWB-Campingplatz Europas der Jahre 1996/97. Wembleyrasen statt Zeltwiese ist hier natürlich
selbstverständlich.
Trotz des englischen Feiertags „Bank Holiday“ ist kaum mehr Betrieb als sonst auf den Straßen. Doch auf der kleinen Fähre von St. Mawes
nach Falmouth wird es ganz schön eng für unsere bepackten Räder. Nach langer Fahrt auf einsamen Wegen fallen wir dann in Ashton auf die Ausschilderung zu einem Campingplatz herein, der sich den
gleichen Namen zugelegt hat, wie unser ausgewählter Luxusplatz. Doch als wir dort ankommen wartet statt Luxus, Restaurant und Bier eine einsame Wiese mit Chemieklo auf uns. Aber so ruhig wie hier
haben wir es schon lange nicht mehr gehabt, und so starten wir ausgeruht auf die Etappe zur Westspitze Englands, nach Lands End. Schon von weitem grüßt die Klosterinsel St. Michaels Mount herüber,
die dem französischen Mont St. Michel nicht nur den Namen gemein hat sondern auch im Aussehen ähnlich ist. Wenig später geben wir uns in Penzance einem wahren Kaufrausch im Riesensupermarkt Safeway
hin, der nach den vielen kleinen Läden mit spärlicher Auswahl der erste seiner Art auf der bisherigen Reise ist. Am Bahnhof buchen wir schon einmal die erforderlich gewordene Zugfahrt von Hayle nach
Salisbury. Aufgrund der vielen sehr steilen Straßen haben wir nämlich das erste und bisher auch letzte Mal die geplanten Etappen nicht geschafft. Doch zunächst erreichen wir den Rummelplatz Lands
End, der eine große Attraktion sein muss, gemessen an dem Menschenaufkommen. Da heisst es, Durchwühlen zur windumtosten Steilküste, ein paar eindrucksvolle Fotos machen, jeder noch ein Eis und eine
Cola, und dann nichts wie weiter. Nun haben wir den Wind nicht mehr als freundlichen Hintermann, sondern als Feind von vorne. An einigen Steigungen bedeutet die Summe aus Wind und Anstieg als
Ergebnis für uns mal wieder schieben. Als Lohn für die Strapazen wartet vor Hayle ein fast 1 Kilometer langer wundervoller Rhododendronwald auf uns, in dem eine wahre Blütenpracht auf unzähligen
Sträuchern unsere Sinne betört.
Zugfahren in England gestaltet sich erstaunlich einfach, denn es wird vom Schaffner einfach eine Bank umgeklappt, und schon haben unsere Räder
Platz. Die Strecke ist in weiten Teilen von tausenden Rhododendren gesäumt, die allesamt helllila blühen. Die Bahnhöfe haben vielfach noch handbetätigte Stellwerke, und auch sonst scheint die Zeit
vielerorts auf eine liebenswürdige Art stehengeblieben zu sein. Dann geht es wieder unmittelbar am Meer entlang, wobei die aufspritzende Gischt manchmal fast den Zug erreicht. In Salisbury ist die
kurzweilige Zugfahrt vorbei, die zum Schluss in eine sanftere Landschaft ohne die ansonsten steilen Straßen überging. Natürlich lassen wir uns nicht die Gelegenheit zu einer Besichtigung der
sehenswerten Altstadt und Kathedrale entgehen. Dem starken Verkehr im Ballungsraum der Stadt entgehen wir bis Godshill auf einer schönen ruhige Nebenstraße mit langen aber flachen Steigungen. Hier
liegt die Grenze zum New Forest, doch von Wald ist weit und breit nichts zu sehen. Die wenigen Bäume stehen in einer weiten Heidelandschaft und dazwischen grasen wilde Pferde, Ponys und auch einige
Rinder. Immer wieder huschen riesige Eichhörnchen an den Bäumen hoch, wenn sie die fremden Räder bemerken. Wir fühlen uns wie in einem Kitschroman, so idyllisch ist es hier. Besonders freuen wir uns
auf den Forest-Campingplatz nahe Stoney Cross der durch seine Lage dafür sorgt, dass uns die Bilderbuschlandschaft noch ein wenig erhalten bleibt. Nachdem wir eine 4-spurige Schnellstraße lebend
überquert haben, bleibt die Nebenstrecke bis Lyndhurst einsam und wunderschön. Damit wir den letzten Tag in England nicht im Schnellstraßen- und Großstadtverkehr zwischen Southhampton und Portsmouth
verbringen müssen, fahren wir lieber einen kleinen Umweg über Lymington und die nördliche Isle of Wight nach Portsmouth. Nach einer kurzen Besichtigung der historischen Segelschiffe finden wir uns
wieder am Fährterminal ein, wo unsere Stippvisite nach England ihr Ende findet.
Wir haben eine wunderschöne Tour hinter uns, die bei überraschend schönem Wetter oftmals entlang wilder Küsten, Traumstränden und reizender
Landschaften uns auch durch viele kleine historische Städtchen mit romantischen Dorfkernen und alten Häfen führte. Auch die Freundlichkeit der Menschen auf der Insel hat uns sehr überrascht, was
einen großen Anteil am positiven Eindruck der Reise hatte. Einzig die oft wahnsinnigen Steigungen von bis zu 30%(!!) blieben uns bis heute schmerzhaft in Erinnerung. England ist in unserer bisher
zwölfjährigen Radreisekarriere das einzige Zielgebiet gewesen, in dem wir eine geplante Tour aufgrund der anstrengenden Topografie nicht geschafft haben. Trotzdem sollte man sich hierdurch auf keinen
Fall von einer Radreise abhalten lassen, denn der Südwesten Englands ist eine Perle, die man auf jeden Fall gesehen haben sollte. Und bei entsprechenden Tagesetappen lässt sich auch eine schwierige
Tour genießen.
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