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Endlich sitzen wir im Flugzeug. Unter uns ziehen die Ausläufer der Hardangervidda-Hochebene vorbei, die sogar jetzt, Anfang Juli, noch reichlich
Schnee aufzuweisen hat. Einige Seen sind fast vollständig zugefroren, auf anderen schwimmen Eisschollen auf der Wasseroberfläche. Als wir nach der Landung vor dem Flughafengebäude unsere Räder aufrüsten hat es
14°C und die Sonne scheint. Besser kann es doch gar nicht losgehen, im berüchtigten Regenloch Bergen! Man sagt sich, dass hier die Kinder mit Regenschirmen auf die Welt kommen würden. In diesem Sinne scheinen
wir unglaubliches Glück zu haben. 10 km sind es an diesem ruhigen Samstagnachmittag noch bis zum ersten Campingplatz in Midtun. Es fahren kaum Autos auf der neuen Straße durch das hügelige Gebiet. Dieses für
Bergen so untypische Wetter müssen wir auf jeden Fall ausnutzen. Schnell steht das Zelt auf einer kleinen Wiese hinter einigen Hütten, die wir nun überall auf unserer Reise antreffen werden. Da die Läden in der
Nähe schon geschlossen haben, versorgen wir uns an einer Tankstelle mit Proviant für den morgigen Tag. Es ist nun schon 20 Uhr und immer noch scheint die Sonne von einem wolkenlosen Himmel herab. Der Verkehr in
Bergen ist auf den ersten Blick harmlos, denn alle Autos machen einen großen Bogen um uns. Nach fast 11 km erreichen wir den Hafen von Bergen. Auf den ersten Blick sind wir von dieser hochgelobten Stadt ein
wenig enttäuscht. Viele Häuser haben ein schmuckloses Ostblockambiente. Richtig schön sind eigentlich nur die uralten Holzhäuser der Tyske Brygge Hafenbecken. Es ist nun schon zehn Uhr abends und die Sonne
steht, für uns ungewohnt, noch immer relativ hoch am Himmel. Die weichen Strahlen zeichnen warme Farben auf die schiefen Balken dieser sehenswerten Handelshäuser und Speicher, doch in den langen schmalen Gassen
dazwischen ist es schon recht dunkel geworden. Hier sprudelte einst das blühende Handelsleben, das den Kaufleuten zu Geld und Ansehen verhalf. Heute verlieren sich hauptsächlich Touristen zwischen diese Zeugen
der reichen Vergangenheit Bergens. Die Zeit reicht noch für eine kurze Fahrt mit der Floybahn hinauf auf den Hausberg Bergens. Von hier oben hat man einen weiten und atemberaubenden Blick auf die umliegenden
Berge, das Meer, die Stadt und die nun tiefstehende Sonne. Scharen von Leuten aus aller Herrenländer stehen mit uns hier oben und blicken still auf das, was dort unten vor uns liegt. Wieder unten angelangt
verweilen wir ein wenig auf einer Bank und beobachten das Leben um uns herum. Drei Norweger taumeln grölend durch die Straßen, jeder stolz eine Bierdose vor sich hertragend. Daneben tummeln sich unzählige
schlitzäugige Japaner, die sich scheinbar in Überzahl befinden. Dazwischen auch wieder unsere Landsleute, die sich lautstark mit pseudogeselligem Übermut nicht gerade positiv aus der Masse hervorheben. Wir sind
gespannt, wie es uns diesbezüglich in den nächsten Wochen ergehen wird. In uns schwelt die leise Hoffnung, dass diese Menschenmengen uns auf der weiteren Reise verschonen werden. Erst nach Mitternacht sind wir
dann wieder am Zelt, und brauchen noch keine Lampe. Die Sonne ist zwar hinter den Bergen verschwunden, aber es ist immer noch sehr hell.
Der nächste Morgen kann nicht an das schöne Wetter von gestern anknüpfen, denn bereits am Vormittag setzt leichter Dauerregen ein. So können sich
die Gamaschen und der neue Regenanzug gleich bewähren. In der Nacht hatten wir frische 4°C, was uns genauso wie die Landschaft ein wenig an zurückliegende Reisen in Bayern erinnert, und dank der guten
Schlafsäcke für einen tiefen Schlaf sorgte. Trotz des Regens finden wir beide es toll hier. Die Straße ist relativ schmal, doch auch heute machen die Autos einen großen Bogen um uns. An der ersten kleinen
Raststätte überfällt uns gleich der große Hunger. Es muss ein Riesenhamburger und eine Portion Pommes sein. Doch den Preis dafür darf man nicht umrechnen, sonst vergeht einem gehörig der Appetit. Zum Nachtisch
gibt es noch ein leckeres Softeis, und dann geht es ein wenig fröstelnd wieder auf das Rad. Der Regen lässt nicht nach, und die Schuhe werden trotz der Gamaschen langsam feucht. Die erste Fähre kostet uns
15 Kronen pro Person und die Räder fahren sogar kostenlos mit über den Fjord während es weiterregnet. Die Bergkuppen sind mittlerweile nur noch schemenhaft zu erkennen, doch trotz der schlechten Sicht erscheint
uns hier vieles bajuwarisch vertraut. Nur gibt es hier viel mehr Wasser als in den Alpen, denn ein See oder Fjord jagt den nächsten. Uns überraschen die vielen Radwege und die außerordentlich guten
Straßen. Die nassen Hände werden langsam eiskalt, doch die nächste Steigung lässt uns wieder in Wallung kommen. Für die atmungsaktive Regenkleidung ist der anfallende Schweiß nun doch zu viel, und der Rücken
wird langsam klamm. Endlich gelangen wir an den Hardangerfjord. Felsige, baumbestandene Inseln liegen verstreut im Wasser. Links und rechts des Weges tauchen Apfel- und Kirschbäume auf. Wie mag es hier wohl bei
strahlendem Sonnenschein aussehen? In der Ferne lassen sich weiße Schneefelder auf hohen Bergen erahnen. Die Schneegrenze liegt hier, Anfang Juli, bei nur 650 m Höhe. Wir können schon jetzt daraus folgern, dass
wir besonders in den nächsten Tagen häufig mit der weißen Pracht konfrontiert werden. Als der kleine Zeltplatz von Strandebarn auftaucht sind wir sehr froh, endlich Ruhe zu finden. Über acht Stunden waren wir in
leichtem Regen unterwegs gewesen, und nun bauen wir auch noch das Zelt im Regen auf. Müde verschwinden wir schnell in den warmen Schlafsäcken. Die ganze Nacht über fällt der Regen weiter vom Himmel, und erst
beim Frühstück hat der Wettergott ein Einsehen. Auf dem Weg zur Fähre begegnen uns immer wieder Stände mit großen Schalen frischer, praller Erdbeeren. Ein Verkäufer steht nirgendwo, dafür aber auf dem Tisch eine
Geldkassette, in die man den verlangten Betrag einfach einwirft. Der tolle Geschmack tröstet ein wenig über die 20 Kronen hinweg.
Bis jetzt hatten wir Glück gehabt, aber nun sind sie ganz plötzlich da! Hunderte von winzigen Mücken umschwirren uns, setzen sich auf das
Gesicht, in die Haare und zwicken und zwacken uns. Da hilft nur schnell weiterzufahren, denn die kleinen Plagegeister haben keine Chance gegen den Fahrtwind. Kurz vor der nächsten Fährfahrt liegt der erste
offene Laden auf der zurückliegenden Strecke. Unser Proviant ist völlig aufgebraucht, und so füllen wir die Küchentasche randvoll mit Lebensmitteln auf. Die hier ebenfalls einkaufenden Norweger schauen fast alle
mit steinernem Blick zu, wie wir die Taschen langsam auffüllen. Eigenartig, nur selten lacht mal einer zurück wenn ich freundlich grüße. Die Fähre bringt uns mit der restlichen Fracht schnell hinüber nach
Jondal. Nachdem schon mehrere Erdbeerstände am Straßenrand auftauchten, werden nun die ersten Kirschen feilgeboten. Leider haben wir erst vorhin eine große Schale Erdbeeren vertilgt. Doch wir werden bestimmt
nicht zum letzten Mal einen dieser Stände sehen, denn dieses Gebiet ist der Obstkorb Norwegens. Wunderschön führt nun die Trasse direkt am Fjord entlang und ermöglicht immer wieder herrliche Blicke auf das
gegenüber liegende Ufer. Die Straße führt bald jäh vom Ufer weg, um in vielen Schleifen in die Höhe zu führen, und dann einen Grat zu überqueren. Einige der Kehren sind derart steil dass wir die flachere
Außenkurve nehmen müssen, um einigermaßen weiter zu kommen. Wir schwitzen trotz der kühlen Luft und sind froh, nun keine Regensachen tragen zu müssen. In rauschender Abfahrt geben wir bald die so mühsam
erkämpften Höhenmeter wieder her. Die Straße ist teilweise so schmal, dass gerade mal ein Auto platz hat. Aber für uns Radler bedeuten die wenigen Fahrzeug keine Gefahr, denn jedes mal warten diese geduldig
hinter uns bis zur nächsten Ausweichbucht. Immer wieder tauchen Obstbäume am Wegesrand auf. An einer Stelle ragen die langen Äste eines Kirschbaumes weit über den Zaun auf die Straße herüber. Während der kurzen
Pause verschwinden Unmengen der dunkelroter, praller Früchte in unserem Magen. Doch dann, wie zur Strafe für die Selbstbedienung, hat uns das schlechte Wetter wieder ein. Lange dauert die Weiterfahrt nicht, denn
Marion hat unzählige Walderdbeeren am Straßenrand entdeckt. Die reifen Früchte sind Haselnußgroß und von unbeschreiblicher Süße. Nach diesem weiteren unverhofften Vitaminstoß machen wir uns wieder auf den Weg.
Da der Regen nicht nachlässt, beschließen wir zum nächsten Zeltplatz nach Granvin zu radeln. Doch die Straße dorthin ist für Radfahrer gesperrt! Stattdessen sehen wir ein Hinweisschild, das zu einer alten
Eisenbahntrasse führt. Diese ist als wunderschöner Radweg ausgebaut, der ein Weiterkommen ohne besondere Steigungen ermöglicht. Viel zu schnell ist diese tolle Strecke wieder zu Ende, doch der wunderschöne
Skjervevossen entschädigt uns bald dafür. Hinauf zum berühmten Stalheim-Hotel führt eine schmale Seitenstraße. Oben erwartet uns eine wunderbare Aussicht auf das von steilen Berghängen eingerahmte Tal, das in
den Naeroyfjord mündet. Der Weg hinunter in das Tal ist mit Abstand die steilste Abfahrt, die wir je unter die Räder bekommen haben. 18% sind ausgeschildert, doch es müssen wesentlich mehr sein. Die Bremsen
packen es kaum, als wir im Schritttempo uns Kurve um Kurve hinuntertasten. Die Kehren folgen so dicht aufeinander, dass kein Stück gerade Straße dazwischen Platz findet. In Gegenrichtung ist diese Strecke mit
einem bepackten Reiserad nicht zu bewältigen, ich habe es versucht, um einige Fotos zu machen! Endlich sind wir unten, wo die gut ausgebaute Bundesstraße bei leichtem Gefälle für eine flotte Fahrt bis Gudvangen
sorgt. Wir haben Glück, denn die Fähre nach Kaupanger kommt gleich an. Dann folgt eine unvergessliche Fahrt durch den sehr engen Naeroyfjord, von dem man sagt er sei der engste in ganz Norwegen. Über zwei
Stunden tuckern wir an steilen, dicht bewachsenen Felswänden vorbei. Nur langsam wird der Fjord breiter und die Berge erscheinen nun ein wenig niedriger. Keine Frage, diese Schifffahrt gehört zu den
spektakulärsten unserer bisherigen Reisen!
Man glaubt es kaum aber die Nacht war zwar windig, jedoch zum ersten Mal ohne Regen vorübergegangen. Die erste Fähre am Morgen weckt uns mit
ihrem Getute. Die Sonne meldet sich zurück und taucht die Fjordlandschaft in sattes Grün und leuchtendes Blau. Nach wenigen Kilometern Fahrt sehen wir die erste Stabkirche am Wegesrand. Sie erscheint uns zwar
nicht so prächtig, wie die Vorzeigeobjekte der Reiseführer. Aber es ist doch eindrucksvoll, wie sie dort so dunkel und geheimnisvoll dasteht. Da Besichtigungen erst am späten Vormittag möglich sind, fahren wir
weiter nach Sogndal. Obwohl wir uns hier auf einer der touristischen Hauptrouten befinden, wundern wir uns sehr über den geringen Verkehr. Bald darauf ist der Blick frei auf den Sogndalsfjorden. In Gaupne lockt
uns der fast 40 Kilometer lange Abstecher zum Nigardsbreen. Wir überlegen lange, ob wir der Versuchung erliegen sollen. Doch wir entschließen uns schweren Herzens zur Weiterfahrt. Wir möchten das gute Wetter
nutzen, um gut über das Sognefjell zu kommen. Außerdem steht uns mit dem Svartisengletscher später ja noch ein eisiges Vergnügen bevor. Ab jetzt ist unbeschwertes Radeln vor einer Traumkulisse angesagt. Die
Straße ist schmal, aber von guter Qualität und führt panoramareich überwiegend direkt am Wasser entlang. In Fortun bleiben wir auf einem schönen kleinen Zeltplatz in Sichtweite zu einem rauschenden Wasserfall
für diese Nacht. Auf der weichen Wiese lassen wir uns früh zum Schlaf nieder, denn morgen müssen wir für fast 1500 Höhenmeter fit sein.
Der Wettergott scheint uns schon wieder verlassen zu haben. Seit dem frühen Morgen regnet es wieder, und erst gegen Mittag lässt das kalte Nass
etwas nach, vom Himmel zu tropfen. Mit 10% Steigung beginnt die Traumstraße für Radfahrer zum Sognefjell. Es ist kalt, und die Nebelschwaden steigen mit uns um die Wette in die Höhe. Nebenan verfolgen uns einige
Schafe, die wohl aus ihrem Gehege ausgebüchst sind. Nach endlos erscheinender Zeit erreichen wir die Baumgrenze. Hier in Turtagrö liegt unerwartet ein hübsches Cafe. Das kommt uns gerade recht und wir
beschließen, uns innen bei einer Tasse Schokolade aufzuwärmen. Dazu gibt es nicht nur frische Waffeln mit Sahne sondern auch eine urgemütliche Einrichtung, was das Weiterfahren unnötig schwer macht. Am liebsten
würden wir hier den Nachmittag mit einem Buch am Kamin verbringen. Doch wir haben noch 500 Höhenmeter vor uns, auf geht´s, es ist schon 16 Uhr! Die Bäume sind nun endgültig niedriger alpiner Vegetation gewichen
und ausgedehnte Schneefelder breiten sich mehr und mehr aus. Flache Serpentinen bringen uns weitere hundert Meter höher. Es wird nun immer kälter und der Schnee immer mehr. Die Schneewehen sind an exponierten
Stellen bald mehrere Meter hoch. Eine fast euphorische Stimmung angesichts dieser tollen Strecke treibt uns unmerklich immer höher. Die Schneedecke ist mittlerweile geschlossen, und große zugefrorene Seen liegen
am Weg. Wir sind nun fast allein in dieser frostigen Winterlandschaft. In der Ferne leuchten schneebedeckte Bergkuppen und raue Gletscher in den vereinzelt durch die Wolken gelangenden Sonnenstrahlen. Dann ist
die Hochebene erreicht. Leichter Schneefall setzt ein aber es weht von hinten und so treiben wir von unsichtbarer Hand geführt schnell weiter. Es ist wie in einem Wintermärchen, und das jetzt im Juli. Langläufer
trainieren im Schnee neben der Straße und irgendwie kommen wir uns mit den Rädern ein wenig seltsam in dieser weißen Idylle vor. Die Temperatur liegt nur knapp über dem Gefrierpunkt und wir ziehen uns dick an
vor der langen Fahrt hinunter ins Tal. 55 Kilometer Abfahrt, ohne treten zu müssen, das haben wir bisher noch nicht erleben können. Ohne Autos hinter uns können wir den Geschwindigkeitsrausch genießen. Doch die
Straße ist selten so steil, dass man heftig bremsen muss. Da ein leichter Rückenwind herrscht, ist es bei der Fahrt hinunter ungewöhnlich still. Mehrere Male halten wir an, um uns umzudrehen und die
zurückliegende herrliche Bergkulisse zu bewundern. Dann taucht die Straße wieder in bewaldete Bereiche ein. Erst spät am Abend erreichen wir mit Lom unser heutiges Ziel. Das war wohl die spektakulärste Passfahrt
überhaupt für uns, obwohl wir auf vergangenen Reisen die schönsten Alpenpässe bezwungen haben! Kurz vor dem Zeltplatz treffen wir einen in Gegenrichtung fahrenden Radler. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er
zum Geirangerfjord unterwegs ist. Als wir ihm glaubhaft machen wollen, dass er in die falsche Richtung fährt, ernten wir zuerst nur ein ungläubiges Grinsen. Nachdem wir ihn jedoch anhand von Sonnenstand und
Straßenkarte überzeugt haben, erleidet er einen mittleren Tobsuchtsanfall und trottet dann mit uns zum Zeltplatz, immer noch die wildesten Selbstverwünschungen ausstoßend.
Auf dem Zeltplatz fragen uns zwei Amerikaner verwundert, was den Menschen dazu bringen kann, sich in der Nacht freiwillig in eine winzige Röhre
zu legen. Neben dem Rotel-Bus stehend kann ich ihm auch keine befriedigende Antwort geben, die er gewiss auch nicht erwartet hätte. Das Wetter bessert sich zusehends, als wir am nächsten Morgen in Lom die
Gelegenheit zum Auffüllen unseres Proviants nutzen. Nach Besichtigung der interessanten Stabkirche geht es immer am Fluss entlang auf einer etwas langweiligen Trasse in Richtung Geiranger. An einem Rastplatz mit
toller Aussicht, einer Bank und einem Tisch machen wir ersteinmal ausgiebig Brotzeit. Nach frischem knusprigem Brot, leckerer Salami, Käse und einem Yoghurt zum Nachtisch fühlen wir uns ausreichend gestärkt für
die restliche Strecke. Die ganze Zeit ging es bei geringer Steigung hinauf und der Gegenwind quält uns schon den ganzen Tag. Gestern noch unser Verbündeter, ist er heute zu einem Feind mutiert. Langsam wird das
Tal immer enger, doch Steigung und Gegenwind scheinen nicht enden zu wollen. Das Wetter verschlechtert sich zusehends und nun regnet es mal wieder bei eisigem Wind. Drei Grad zeigt unser Thermometer aber
trotzdem schwitzen wir unter den Regenjacken. Die Baumgrenze ist längst überschritten, die Landschaft wieder tief verschneit und die Seen tragen noch dicke Eisschollen. Der Gegenwind peitscht uns eisig und immer
stärker entgegen. Doch während wir nun fast waagerecht an einem Seeufer entlang schleichen haben wir keine Augen für die eindrucksvolle Landschaft, die nun gespenstisch in einem lockeren Nebelschleier verpackt
ist. Nach fast endlos erscheinender Zeit kommt doch noch der Abzweig nach Geiranger. Nun kann es nicht mehr weit sein bis die Qualen ein Ende finden. Die von uns bisher befahrene Straße fällt ab und verschwindet
in einem Tunnel, der vor Regen und Wind schützt. Doch wir müssen weiter den Naturgewalten trotzen. Langsam mache ich schlapp. Mir ist kalt und der Hunger zehrt an den Nerven. Doch es regnet zu stark, um etwas zu
essen. Einen Unterstand sehen wir weit und breit nicht, und so bleibt nichts anderes als die Weiterfahrt. Der See unter uns ist noch völlig zugefroren und wir auch fast. Die Kälte wird immer schlimmer und wir
fühlen uns völlig einsam hier in dieser Wildnis. Auch hier begleiten uns am Straßenrand wieder meterhohe Schneewände, bis wir dann endlich den Pass geschafft haben. Nach fast 80 Kilometer Fahrt bergauf rollen
die Räder nun von allein weiter. Doch statt Erleichterung überkommt uns die Angst. Orkanartige Böen versuchen uns umzuwerfen und es hilft nur noch, abzusteigen. Jetzt, wo wir nicht mehr treten, frieren wir noch
mehr als zuvor. Der Wind geht durch und durch. Wir ziehen noch einen Pulli über und merken, dass unter der Regenkleidung alles feucht geworden ist. Je weiter wir hinunter kommen, umso schwächer wird der Wind.
Ein wenig genießen wir nun doch die tolle Trasse hinunter zum Geirangerfjord, den man jetzt zum ersten Mal ganz klein im Tal erkennen kann. Nach und nach tauchen die ersten Häuser auf, und der Höhepunkt der
Abfahrt liegt nun in unmittelbarer Nähe: Ein kleiner Parkplatz hoch über dem Fjord mit der weltberühmten Postkartenansicht. Toll, wie die wenigen Häuser umrahmt von saftig grünen Wiesen am Wasser des Fjords
liegen, der von steilen schneebedeckten Bergen überragt wird. Bald darauf biegen wir auf das Gelände des ersten erreichbaren Zeltplatzes ein. Dieser liegt ein wenig abgelegen am Ortsrand und ist daher
nicht so überlaufen, wie die Plätze direkt am Fjord. Die Lage zwischen zwei großen Wasserfällen lässt anderen Geräuschen keine Chance. Völlig durchgefroren retten wir uns unter die heiße Dusche und dann in den
warmen Schlafsack. Trotz alledem war das ein Tag, den wir nicht missen wollen und auch nicht so schnell vergessen werden. Wann hat man denn sonst schon einmal die Möglichkeit, Kälte, Regen und Sturm zu trotzen,
als auf einer Radreise? Nachdem uns die Wasserfälle die ganze Nacht berauscht haben, tropfen ab 6 Uhr wieder zusätzlich die Regentropfen auf das Zelt. Als dann um 11 Uhr endlich die ersten Sonnenstrahlen
schüchtern auf das Zelt fallen, nutzen wir die Gelegenheit, das Zelt abzubauen und rollen hinunter zum Fjord. Unterwegs fällt sofort der ankernde Luxusliner „Maxim Gorki“ auf, der seine blauen
Rauchschwaden langsam in den Himmel steigen lässt. Am Hafen treffen wir dann auf das erste Touristenchaos unserer bisherigen Reise. Lärmende und drängelnde Zeitgenossen mehrerer Busladungen, meist älteren
Jahrgangs, fallen über die Souvenirgeschäfte und Buden her und walzen alles nieder was sich in ihre Nähe wagt. Nur gut, dass die Fähre schon im Anmarsch ist. Für nur 58 Kronen sind wir an Bord gegangen und
erwarten eine der schönsten Fjordfahrten Norwegens von Geiranger nach Hellesylt. Mit Regenzeug stehen wir an Deck und lassen die fantastische Aussicht auf die hohen Berge an uns vorbeiziehen. Wir können es
absolut nicht verstehen, dass viele Touristen lieber unter Deck in feuchter Wärme schlummern, anstatt sich dieses unbeschreibliche Naturschauspiel anzuschauen. Ohne Einschränkungen müssen wir die Auffassung der
meisten Reiseführer teilen, die diesen Fjord als den König aller darstellen. Nach fast einer Stunde erreicht das Schiff den Hafen von Hellesylt. Dort empfängt den Fahrgast der gleiche Rummel wie in Geiranger.
Nur mit dem feinen Unterschied, dass hier noch Blasmusik und Bungyspringen vom Kran geboten wird. Wir suchen das Weite, entdecken aber noch einen Supermarkt, aus dem es verlockend riecht. Marion glaubt mir
nicht, aber das müssen doch gegrillte Hähnchen sein. Ein paar Minuten später haben wir nicht nur das Proviant für das Wochenende, sondern auch zwei halbe, knusprige Grillhähnchen erstanden. Wie es sein muss,
stehen vor dem Laden ein paar Stühle und ein Tisch, wo wir es uns erst einmal zur Brotzeit gemütlich machen. Dermaßen gesättigt und mit stolzen zwei Tageskilometern auf dem Tacho, haben wir eigentlich überhaupt
keine Lust, sofort weiter zu fahren. Doch angesichts auf uns zukommender dunkler Wolken raffen wir uns auf. Der Vorteil der nächsten Steigung ist eine anschließende hochgelegene Straße, die uns einige Kilometer
lang ein herrliches Panorama auf die Fjordwelt ermöglicht. Bald tauchen einige Tunnel auf, in denen es wenigstens nicht regnet. Dann kommt unverhofft die immer befürchtete Schrecksekunde im Radlerleben. Von oben
fährt ein schnelles Auto auf die Kurve zu, in der wir uns gerade befinden. Von hinten naht ein nicht viel langsamerer Bus heran. Der Bus holt weit aus, um uns nicht zu gefährden, doch für das entgegenkommende
Auto bleibt kein Platz mehr. Bremsen quietschen, erschrockene Gesichter sind zu erkennen, der Fahrer reißt sein Lenkrad herum und der Wagen kommt nur wenige Zentimeter vor dem Bus zu stehen. Geschafft, noch
einmal Glück gehabt! Kurz darauf beginnt es, wie aus Eimern zu schütten. Doch der nächste Tunnel ist schon erreicht, und ganze 3 Kilometer lang. Das Thermometer zeigt nur 7 Grad in diesem dunklen Schlund. Obwohl
der Tunnel auf seiner ganzen Länge beleuchtet ist, fühlen wir uns mit der eigenen Beleuchtung noch ein wenig sicherer. Als wir in das gleißende Licht fahren sind wir überrascht: Wir befinden uns nun auf der
anderen Seite des Berges, der Fjord ist weg und es hat aufgehört zu regnen. Die Straße läuft nur noch bergab, bis sie in Stranda an einem Fähranleger mündet. Was für ein Ärger, die Fähre hat vor wenigen Sekunden
abgelegt und ist schon einige Meter weit vom Ufer entfernt. Doch als der Kapitän uns erblickt fährt er wieder zurück, senkt die Plattform ab und lässt uns an Bord fahren! So etwas ist uns zu Hause noch nie
passiert. Da fährt sogar der Bus weiter, wenn eine alte Dame noch an die Tür klopft. Die Straße am anderen Ufer hält eine Überraschung für uns bereit. Sie ist eingerahmt von Millionen von Lupinen, bis wir
das Valldal erreichen. Auch hier erblickt man Obstbäume und Erdbeerfelder auf jedem freien Stück Land. Gepflegte Gärten scheinen in dieser Gegend zum guten Ton zu gehören und sind wirklich eine Augenweide für
den Vorbeikommenden.
Auch die nächste Etappe ist noch nicht geeignet, es etwas ruhiger angehen zu lassen. Wieder führt die Straße unermüdlich in die Höhe. Doch die
vor uns liegenden Trollstiegen sollen vorläufig die letzte größere Höhendifferenz darstellen. Einer der unzähligen Wildbäche begleitet uns ein wenig, während die Berghänge dicht mit kleinen krüppeligen
Fjellbirken bewachsen sind. Kurz darauf erreicht die Straße wieder die Schneegrenze. Im strahlenden Sonnenschein legen wir die letzten Kilometer flankiert von der weißen Pracht zurück. Auf der Passhöhe
angekommen, gibt es eine kleine Überraschung: Vor uns liegt saftiges Grün in der Tiefe und hinter uns breitet sich die eisige Schneelandschaft aus. Bis zum Parkplatz am Beginn der Trollstiegen ist es noch eine
kurze Schussfahrt. Dort tauchen wir wieder ein in das Gemenge der Busse und Wohnmobile. Vom Aussichtspunkt bietet sich eine grandiose Aussicht auf die spektakulär angelegten Kehren, die kreuz und quer über den
Steilhang hinunter führen. Die Straße ist sehr schmal, und wenn sich Busse oder Wohnmobile begegnen sind die wenigen Ausweichbuchten die einzige Rettung. Nicht selten kommt es vor, dass ein Fahrzeug schon mal
zurücksetzen muss. Kommen dann noch mehrere Fahrzeuge von hinten nach, ist das Chaos perfekt. Wir Radler sind natürlich von solchen Problemen nicht betroffen, und können die Szenerie uneingeschränkt genießen.
Nach ein paar Kehren taucht dann ein gigantischer Wasserfall neben der Trasse auf und unterquert diese mit donnerndem Getöse. Die Straße scheint beim Blick nach oben fast an den nahezu senkrechten Steilhängen zu
kleben. Eine ähnlich spektakuläre Autostraße gesehen zu haben, kann ich mich trotz etlicher gefahrener Alpenpässe nicht entsinnen. Nur die letzten Kehren am Stilfser Joch kamen mir annähernd abenteuerlich vor.
Während sich nicht wenige der Wohnmobilisten mit angestrengten Gesichtern am Lenkrad festklammern, macht uns die weitere Abfahrt große Freude. Nur kalt ist es hier im Schatten der Felswand. Als ganz kleine
Punkte sieht man viele Leute oben am Aussichtspunkt zu uns hernieder schauen. Der Rest der Strecke bis Andesnes findet in der wärmenden Sonne statt, so dass wir die warme Kleidung nach und nach wieder in den
Taschen verschwinden lassen können. Die Kulisse ist bewundernswert: Vor der sanften Landschaft des Isfjorden erhebt sich die schroffe, weiße Gebirgslandschaft, die wir nun endgültig hinter uns lassen werden.
Später führt der Weg nach Molde über eine neue Brücke, die zunächst auf die Insel Bolsöja führt. Eine Alternative haben wir nicht, denn die von uns geplante Variante über die Fährverbindung nach Strande ist nach
Mitteilung einiger Leute mittlerweile eingestellt. Kurz vor dem Ende der Insel, wir haben das Ziel am anderen Ufer schon im Blickfeld, verschwindet die Straße in einem dunklen Loch. Wir halten vor der Mautstelle
zu diesem Tunnel und trauen unseren Ohren nicht. Der Tunnel soll sehr gefährlich sein, und ist daher für Fußgänger und Radler gesperrt. Sind wir nun wirklich die vielen Kilometer in diese Sackgasse gefahren, um
nun wieder umkehren zu müssen? Der Weg zurück und um den Fjord herum wird uns 50 Extrakilometer kosten! Doch der Kassierer weiß eine bessere Möglichkeit. In einer Stunde soll ein öffentlicher Bus kommen, der
vielleicht sogar die Räder mitnimmt. Wir machen trotzdem lange Gesichter. Was wird, wenn wir auf den Bus warten und dieser keine Räder mitnimmt, oder gar voll besetzt ist? Da haben wir uns so gefreut, relativ
früh in Molde zu sein, und nun so etwas. Wir entschließen uns, trotzdem zu warten. Mit einer halben Stunde Verspätung rollt der Bus dann endlich an die Haltestelle heran. Am Heck sind zwei große Haken montiert,
die ohne Probleme unsere Räder aufnehmen. Nur die Radtaschen müssen wir im Kofferraum verstauen. Toll, wie problemlos das geht! Nur das Bezahlen finden wir nicht mehr so lustig. Für das kurze Stück bis nach
Molde sind doch wahrhaftig 72 Kronen, das sind fast 20 Mark, fällig! Doch nicht nur für uns ist das Vergnügen sehr teuer, die Autos und Wohnmobile zahlen für die schnelle Unterquerung des Fjords ein kleines
Vermögen, wie wir an einer großen Tafel ablesen können. Der leichte Frust wird noch etwas verstärkt, als wir den Campingplatz für diese Nacht betreten: Direkt an der Hauptstraße gelegen, kaum ein waagerechtes,
ebenes Stückchen Boden und der Rasen ist morastig. Doch als wir alles aufgebaut haben, gehen wir gleich hinunter zum Fjord. Und was wir hier sehen, entschädigt mehr als genug für die Mißstimmung der letzten
Stunden. Vor uns breitet sich ein unvergleichliches Panorama aus. Wie auf eine Kette gezogen liegen dort unzählige Gipfel nebeneinander aufgereiht am Horizont. Lange sitzen wir und träumen in den Abend, wieder
versöhnt von der Schönheit der Natur um uns herum. Doch an die ersehnte Nachtruhe ist hier nicht zu denken. Die meist norwegischen Gäste müssen wohl jede helle Minute des langen Tages auskosten. Bis weit
nach ein Uhr toben Kinder um unser Zelt herum, und die ersten Raufereien wecken uns schon um halb sieben wieder aus dem Schlaf. Bald darauf mischt sich wieder die Geräuschkulisse des Verkehrs dazu und wir stehen
zum erstenmal genervt auf.
Früher als sonst sind wir daher wieder auf der Straße, die uns heute ans offene Meer heranbringen soll. Doch zunächst radeln wir durch ein
ausgedehntes Wintersportgebiet. Sprungschanzen, Skilifte und kahlrasierte Waldschneisen sind immer wieder auszumachen. Doch genießen können wir die ansonsten liebliche Landschaft nicht. Hunderte kleiner
Plagegeister hindern und mit aller Macht daran. Nein, keine stechenden Mücken quälen uns bei der Weiterfahrt. Bis auf einen Tag haben wir bisher damit erstaunlicherweise keine Probleme gehabt. Was uns plagt, ist
eine Wolke lästiger Fliegen, die uns seit geraumer Zeit umgibt. Besonders auf den langsamen Anstiegen sind sie fast unerträglich. Es ist warm und zur kurzen Hose tragen wir nur ein dünnes T-Shirt. Unzählige von
ihnen sitzen auf jedem Stück freier Haut. Wir werden fast wahnsinnig. Mit einem Schlag sterben 10 Fliegen, aber sofort kommen die nächsten nach. Schlagen hat also keinen Sinn. Man glaubt sogar, dass die Fliegen
durch das Schlagen noch stärker angezogen werden. Unzählige von ihnen sitzen in den Haaren und krabbeln in Nase und die Ohre. Wir versuchen nun, sie zu ignorieren. Aber auch das klappt nicht, denn das Getier auf
der Haut ist nicht auszuhalten. Die Rettung bringt erst die nächste schnelle Abfahrt, auf der wir die kleinen Monster abschütteln können. Doch spätestens an der nächsten Steigung sind die Fliegen wieder bei uns
und das Martyrium beginnt von neuem. Ein wenig Linderung bringt dann ein Moskitonetz, das wir über unseren Kopf ziehen. Erst das nahe Meer erlöst uns mit einer frischen Brise von diesem Seelenterror. Dann
tauchen große Schilder einer Mautstraße am Straßenrand auf. Böse Erinnerungen an Molde werden wach. Wenn auch diese Straße für Radler gesperrt ist, dann steht uns ein gewaltiger Umweg bevor. Doch das Glück ist
uns hold. Radler werden durchgelassen, und das sogar kostenlos. Da die Schärenküste nicht für das Anlegen einer durchgehenden Straße geeignet war, führt die Strecke, „Atlantiksveien“ genannt, über 8
Kilometer mit unzähligen kleinen Brücken von Felsen zu Felsen, von Insel zu Insel. Etwa auf der Hälfte der Strecke führt eine gewaltige Brücke über den Fjord. Sie führt steil in die Höhe damit Schiffe passieren
können. Da sie ungewöhnlicherweise eine leichte Kurve beschreibt sieht es aus, als ob der Wind mit seiner unbändigen Kraft die Konstruktion verbogen hat und ein baldiges Umstürzen unvermeidlich ist. Romantisch
stehen einzelne kleine Hütten auf den blank geschliffenen Felsen. Davor dümpeln bunte Holzboote und spiegeln sich auf der ruhigen Wasseroberfläche. Beim Blick von den Brücken sieht man, wie das Wasser von der
Flut mit Macht in den Fjord gedrückt wird. Es scheint so, als ob dort unten ein reißender Bach fließt und die großen Unterwassergärten neigen sich in der starken Strömung. Bei sehr geringem Verkehr müssen wir
bald feststellen, dass die Mautstraße viel zu schnell ihr Ende findet. Bald darauf bringt uns eine Fähre hinüber nach Kristiansund.
Seit ein paar Tagen hält strahlender Sonnenschein die Laune hoch. Auch heute sieht es nach einem wunderschönen und warmen Tag aus. Quer durch
Kristiansund radeln wir nach Kvalvag zur nächsten Fähre. In dieser Sackgasse sind wir fast allein auf der Straße, was uns im Unterbewusstsein ein wenig seltsam vorkommt. Als wir um die letzte Kurve biegen, liegt
der Fähranleger einsam da. Die Fähre steht zwar schon am Kai, aber nirgendwo ist eine Menschenseele zu erkennen. Jetzt sehen wir auch dass die Fähre fest vertäut ist und ein hoher Maschendrahtzaun den Zutritt
verhindert. Die Nachfrage in einem nahen Wohnhaus macht die Befürchtung zur Gewissheit: Die Fährverbindung ist ersatzlos gestrichen. Dafür gibt es an anderer Stelle einen neuen Tunnel, der den breiten Fjord
unterquert. Natürlich soll dieser wieder für Radler gesperrt sein, und ob ein Bus zum Radtransport verkehrt kann uns niemand sagen. Da stehen wir nun, und müssen schon wieder eine Änderung der Route hinnehmen.
Wir machen erst einmal Rast und entschließen uns zu einer Brotzeit. Eine nette Familie, die gerade mit ihrem Daimler ankommt, bestätigt die Aussage der Anwohner. Der Mann spricht gutes Englisch und ein wenig
Deutsch und so verplaudern wir uns. Er hat heute seinen freien Tag, den alle zum Angeln nutzen wollen erfahren wir im Laufe des Gespräches. Dann verabschieden sie sich von uns und gehen zu ihrem schicken
Motorboot. Wir müssen wohl recht traurig ausgeschaut haben, denn plötzlich kommt der Mann zurück und macht uns ein überraschendes Angebot. Wenn wir möchten, sagt er, können wir die Räder auf sein Boot stellen
und er schippert uns auf die andere Seite des Fjords. Jubelnd nehmen wir sein Angebot an. Mühsam bringen wir erst unser Gepäck und dann die Räder über den schmalen wackeligen Steg zum Schiff. Die Taschen finden
unter Deck Platz doch die Räder müssen oben am Bug an die Reling gebunden werden. Dann geht´s los. Seine beiden Kinder haben viel Spaß an der auch für sie überraschenden Fähreinlage ihres Vaters. Schneller als
wir wollen legt das Boot an der anderen Uferseite an und fährt bald darauf mit vier freundlich winkenden Norwegern wieder zurück. Wir sind überrascht über soviel Hilfsbereitschaft und setzen gut gelaunt die
Reise fort. Schleierwolken trüben den bisher klaren Himmel, als es weiter in Richtung Norden geht. Die Gegend wird immer flacher und ein unangenehmer Gegenwind sorgt für ein langsames Fortkommen. Die einzige
Abwechslung sind die vielen Vögel, die hier jedoch sehr aggressiv scheinen. Immer wieder müssen wir uns mit Scheinangriffen von Möwen und großen schwalbenähnlichen Tieren auseinandersetzen. Was haben sie nur?
Ein Brutgebiet können wir nirgends entdecken. Vor uns erstreckt sich nun der breite Trondheimsfjord aus, den wir morgen früh überqueren möchten. Der Campingplatz liegt direkt neben der Fährstation, so dass wir
es morgen nicht weit haben werden. Mit einem großen Softeis sitzen wir dann noch lange allein am Wasser und lassen den Tag ausklingen.
Auf einer schnellen Abfahrt bemerke ich plötzlich ein ungewohntes Klappern an Marions Gabel. Beim Anhalten sehen wir das Malheur. Die Gewindeösen
für die Anbringung des Lowriders sind am Ausfallende der Gabel auf beiden Seiten abgeschert. Nur noch an den beiden oberen Schrauben gehalten, wackelt der Gepäckträger gefährlich hin und her. Das hätte
auch mit einem schlimmen Sturz enden können. Doch ab und an braucht man eben auch mal Glück. Da weit und breit keine Werkstatt zu sehen ist, befestige ich die Streben provisorisch mit starken Kabelbindern, die
ich für solche Fälle immer dabei habe. Vorsichtig rollen wir bis zur nächsten Stadt. An der ersten Tankstelle macht man uns nicht sehr viel Hoffnung auf eine baldige Reparatur, da heute ja Samstagnachmittag ist.
Wir fahren eine Autowerkstatt nach der anderen ab, doch alle Werkstätten haben bereits geschlossen. Dann haben wir doch Glück, denn eine VW-Werkstatt macht noch Überstunden. Ohne zu zögern lässt der junge Mann
seine Arbeit liegen, um uns zu helfen. So gut es geht schweißt er die Ösen wieder an den angestammten Platz. Der verbrennende Lack stinkt, als er auf unseren Wunsch hin zur Sicherheit noch eine Naht darüber
legt. Das Ergebnis sieht zwar wenig professionell aus, wird aber wohl bis zum Ende der Reise halten. Zu unserer Überraschung kostet die Aktion nichts und wir haben Mühe ihm hundert Kronen als kleines Dankeschön
dazulassen.
Die Landschaft wechselt langsam ihr Gesicht und rundliche Berge mit felsigen Gipfeln bestimmen die Szenerie. Es wird hier vor Folkereid nun noch
einsamer und über viele Kilometer sind wir ganz allein. Das Wetter lässt uns nun im Stich, und auf dunkle Wolken folgen bald die ersten Tropfen. Bald prasselt der Regen und eine überdachte Bushaltestelle bietet
fürs erste Schutz. Das ist doch die Gelegenheit für ein zweites Frühstück denken wir uns und tischen auf. Bald darauf teilen wir die trockene Zufluchtsstätte mit zwei Studenten aus Berlin, die wir gestern schon
kurz getroffen hatten. Bei Geschichten über unsere letzten Urlaube vergehen die Zeit und gleichfalls die dunklen Wolken. Nach einer langen, aber flachen Steigung wähnen wir uns in einer anderen Welt. Völlig
verändert sieht die Landschaft aus, und hat nun stärkere nordische Züge. Der Lysfjord eröffnet die Sicht auf das offene Meer, das von einem blauen Himmel gekrönt ist. Auch über uns lockert die Bewölkung auf, und
die Regensachen werden gegen eine kurze Hose und ein T-Shirt eingetauscht. In Holm haben wir die Berliner Freunde wieder eingeholt, die schneller als wir die Steigungen angingen. Hier warten sie schon fast eine
Stunde auf die nächste Fähre, die erst in einer weiteren Stunde erwartet wird. So glauben wir genügend Zeit zu haben, um das Gespräch von heute Morgen fortzusetzen und uns dabei neue Anregungen für zukünftige
Urlaube zu holen. Doch dazu kommt es nicht, denn Dietmar aus dem Sauerland gesellt sich zu uns an den Tisch vor dem Kiosk. Er ist bereits seit 3 Monaten unterwegs. Von Frintrop bei Elspe ist er zu Fuß gestartet
und möchte noch bis zum Nordkap wandern! Alle Achtung, da kommen wir uns auf unseren Rädern wie auf einem Luxusgefährt vor. Nebenbei erzählt Ronny, einer der beiden Berliner, dass ihm vorhin eine Speiche
gebrochen ist. Er hat kein Werkzeug dabei, und hofft auf eine Werkstatt im nächsten Ort. Da wir noch genügend Zeit haben und ich gut ausgerüstet bin, beseitige ich mit ein paar Handgriffen den Schaden. Ruckzuck
ist die Kassette abgebaut, die neue Speiche eingezogen und das Rad dreht sich wieder makellos im Rahmen. Nur die Hände sind natürlich rabenschwarz als die Arbeit fertig ist. Doch nebenan ist wie immer ein
öffentliches WC, das sogar heißes Wasser hat. Als die Fähre einläuft weist nichts mehr auf die schnelle Reparatur hin. Auf der anderen Seite des Fjords verabschieden wir uns von den Dreien. Dietmar ist zu
langsam, um uns zu folgen. Und die beiden Berliner haben nicht den richtigen Tretrhythmus für uns. Sie fahren zu ungestüm und schnell, sind uns nicht gemütlich genug. Dabei legen sie nicht mehr Kilometer am Tag
zurück, sondern sind nur schneller am Ziel. So werden wir uns in den nächsten Tagen immer wieder begegnen.
Es folgt eine Radlstrecke, wie wir sie schöner in diesem Urlaub noch nicht gesehen haben. Von Vennesund bis Horn ist die Straße flach, der
Rückenwind schiebt uns vorwärts und die Aussicht übertrifft alles bisher dagewesene. Weil es heute so gut läuft nehmen wir noch um 21 Uhr die letzte Fähre nach Andalsvagen. Von dort aus bis nach Forvik sind wir
ganz allein auf der wunderschönen Straße. Für den absoluten Niedrigpreis von 30 Kronen verbringen wir die Nacht auf einer saftigen Wiese direkt am Fähranleger. Die Mücken sind heute Abend unerträglich für uns.
Auch ein Repellent hilft nicht viel, und langsam beginnt es überall zu jucken und zu zwacken. Um 23 Uhr entschließen wir uns noch zu einem Bierchen in der gemütlichen Kneipe, direkt am Wasser. Für schlappe 35
Kronen, das sind weit über 8 Mark, bekommen wir immerhin 0,3 Liter. Man darf gar nicht groß darüber nachdenken. Die draußen stehenden Bänke und Tische erlauben einen schönen Blick auf´s Meer, sind aber ob der
Mückenplage wie verwaist. Als gegen Mitternacht der Himmel noch hell erleuchtet ist, ziehen wir uns müde in die eigenen „vier Wände“ zurück.
Mittlerweile herrscht Nebel, der bis ans Meer reicht. Nur langsam zieht der graue Schleier in die Höhe und die Sonne versucht ihr bestes. Wegen
des Wetters sind wir unentschlossen, ob wir den vor uns liegenden Fjord umfahren sollen, oder besser die Fähre nach Stokkvagen nehmen sollen. Wir entschließen uns für die Fähre, die gegen 11 Uhr anlegen
soll. Als die Zeit verstrichen ist und keine Fähre ankommt, fragen wir vorsichtshalber nach. Die Antwort heißt morgen, heute fährt das Schiff nicht mehr. Doch als der Mann am Schalter unsere enttäuschten
Gesichter sieht gibt er uns einen heißen Tipp: In einer Stunde fährt ein Transportschiff die gleiche Strecke. Wir könnten versuchen, dort mitgenommen zu werden. Zwischenzeitlich legt die Hurtigrutenfähre Harald
Jarl am Kai an. Genau dieses Schiff werden wir zum Ende der Reise besteigen, um von Hammerfest nach Bergen zurück zu fahren. Welch schöne Überraschung. Jetzt können wir uns das alte Schiff wenigstens genau
vorstellen. Das Transportschiff entpuppt sich wenig später als ausgemusterte Autofähre, die einen Bagger und eine Straßenbaumaschine transportiert. Wir stellen die Räder zwischen einigen Paletten ab, und trauen
unseren Augen nicht. Da sind ja auch wieder die beiden Berliner, die uns immer so schnell entkommen waren.
Nur noch wenige Kilometer trennen uns dann von einer längeren Schifffahrt, die den Polarkreis überquert. Der Polarkreis zeigt sich höchst
unspektakulär, nur eine Erdkugel aus Stahl zeigt die entsprechende Stelle genau an. Wir hatten ja wenigstens eine weiße Linie auf dem Wasser erwartet, aber so ist dieses monumentale Ereignis im Leben eines
Nordlandfahrenden schnell wieder vergessen. Viel interessanter sind da schon die in der Ferne glänzenden Eisfelder des Svartisen Gletschers. Für morgen haben wir uns fest einen Ausflug dorthin vorgenommen. Den
Campingplatz in Agskaret haben wir ursprünglich nur wegen seiner Nähe zum Gletscher ausgewählt. Da er aber direkt am Wasser und mit einer tollen Aussicht auf die Berge gelegen ist, steigt er zu den schönsten
Plätzen der Reise auf.
Um 6 Uhr klingelt der Wecker, denn wir wollen das erste Schiff zum Svartisen nehmen. Lange dünne Wolkenbänder hängen an den Berghängen. Ziehen
sie zum Gletscher hin, oder von ihm weg? Genau lässt sich das nicht sagen, und so beeilen wir uns, die 12 Kilometer bis zum Ausflugsboot hinter uns zu bringen. Doch die haben es in sich. Zwei anspruchsvolle
Steigungen müssen niedergezwungen werden, bis dann endlich die Gletscherzunge majestätisch auf der anderen Seite des Holandfjords erscheint. Was schon von hier aus spektakulär aussieht, kann beim Näherkommen nur
noch besser werden. Mit den Rädern quetschen wir uns auf das kleine Boot, das uns in 10 Minuten ans andere Ufer bringt. Fast 3 Kilometer Schotterpiste führen zu einem kleinen See, über dem sich direkt das kalte
Eis erhebt. Der Weg endet hier und wir lassen die Räder zurück, um die letzten Meter bis zum Eis zu laufen. Ein Stahlseil markiert den Weg zum Fuße des Gletschers. Über glatt geschliffenen Stein kommen wir dem
Eis immer näher. Dann hindert uns nur noch ein reißender Gletscherbach am Fortkommen. Weiter geht es nur mit nassen Füßen und unter Gefährdung der eigenen Gesundheit. Überall sieht man herabgefallene Bruchstücke
des kalbenden Gletschers herumliegen. Wir bleiben lieber hier, nur Ronny muss unbedingt noch bis direkt ans Eis heran. Bald erscheint er nur noch winzig klein im Vergleich zu den riesige Eissäulen. Obwohl es
doch so nah aussieht braucht er noch 10 Minuten, bis er auf dem Eis steht. Wir machen uns wirklich Sorgen, doch bald ist er wieder wohlbehalten unter uns. Er hat etwas Eis mitgebracht, das gar nicht trübe
aussieht, sondern glasklar in seiner Hand schmilzt. Und das, obwohl die schroffen Eisspalten in einem herrlichen Blau schimmern. Ehrfürchtig blicken wir alle auf die riesigen Eistürme die sich langsam ins Tal
schieben. Da es nieselt, begeben wir uns zurück zur Fähre. Wir haben großes Glück gehabt, denn von der Straße aus ist nun nichts mehr vom Gletscher zu sehen. Alles ist unter der dicken Wolkendecke verschwunden,
die nun ihr kaltes Nass über uns ergießt. Den ganzen Tag radeln wir in voller Regenmontur weiter und so bekommen wir nicht viel von der Landschaft mit.
Dann ist es nur noch eine Etappe bis nach Bodö. Die letzten Wolkenreste ziehen aus den Bergen, und dann scheint nur noch die Sonne. Wie lang das
wohl noch gut geht? Hoffentlich bricht das Wetter nicht gerade auf den Lofoten ein. Die Luft ist trotz der Sonne angenehm kühl und daher schwitzen wir kaum auf der langen sanften Steigung. Bald sind wir auf dem
Skanlandsfjell angelangt. Tiefblaue Seen sind vor schneebedeckten Bergen sanft in weiche Hügel eingebettet. Einige Wasserfälle rauschen direkt an der Straße in die Tiefe. Eine schnelle Abfahrt bringt uns zum
Saltstraumen, der einer der reißendsten Gezeitenströme Norwegens sein soll. Doch davon ist nicht viel zu sehen. Zu breit ist der Wasserlauf, den eine hohe Brücke überspannt. Die kleinen Straumen im Süden waren
da wesentlich anschaulicher gewesen. Der Rest des Weges nach Bodö verläuft auf enger stark befahrener Straße, so dass unsere ganze Konzentration gefordert ist. Kurz vor der Stadt weitet sich die Straße auf vier
Spuren aus, und hält als Überraschung einen Radweg für uns parat. Am Bahnhof treffen wir Ronny und seinen Freund wieder, die gestern hier angekommen sind. Sie haben sich in der Jugendherberge einquartiert, doch
wir nehmen noch die Nachtfähre um 21 Uhr hinüber zu den Lofoten. Unter den wartenden Autos befindet sich auch ein Wohnmobil, das wir schon seit Geiranger immer wieder getroffen haben. Man sieht also, dass man
auch mit dem Rad einen anständigen Aktionsradius hat. Solche überraschenden Treffen sind immer wieder gut, um sich die Zeit bis zur Abfahrt der Fähre zu vertreiben. Das Schiff tuckert langsam in die tiefstehende
Sonne hinein. Links bauen sich dicke dunkle Wolken auf, während auf der rechten Seite herrliches Wetter vorherrscht. Alles spricht für einen wunderbaren Sonnenuntergang während unserer nächtlichen Fahrt über das
raue offene Meer. In der Ferne sieht man schon vom Festland aus die hohen schroffen Bergzacken der wohl schönsten nordischen Inselgruppe. Nach und nach färbt sich der Horizont gelb, um dann schließlich nach und
nach in ein sattes Rot zu wechseln. Pünktlich um 24 Uhr erscheint der Himmel violett und viele der Passagiere versammeln sich an Deck, um dieses Naturschauspiel zu beobachten. Einige dünne Wolkenstreifen
schieben sich ins Blickfeld und werden durch die Sonne glutrot von unten angestrahlt. So einen schönen Sonnenuntergang haben wir auf unseren vielen Reisen noch nicht oft gesehen, und erst recht nicht nach
Mitternacht. Das Festland ist bereits tief mit schwarzen Wolken verhangen, und es beginnt auch auf dem Schiff leicht zu nieseln. Wie auf Bestellung bildet sich hinter unserem Rücken nun ein wunderbar
schillernder Regenbogen. War das der Abschied des schönen Wetters?. Na ja, wenigstens war er überaus spektakulär. Um kurz vor eins siegen die Wolken und das Rot lässt nach. Bald legt die Fähre an, aber bis wir
ins Zelt kommen dauert es bestimmt noch ein wenig. Auf den sechs Kilometern bis zum nächsten Zeltplatz werden wir fortwährend von Autos überholt, die nur langsam die Fähre verlassen können. Wir haben es da schon
besser, denn immer können wir als erstes von Bord. Gegen zwei Uhr wird es schon wieder heller und wir erreichen die Rezeption. Zu unserer Überraschung hat sie noch geöffnet. Mit kleinen verschlafenen Augen
fertigt die junge Dame die letzten Gäste ab. Das scheint hier bestimmt üblich zu sein, denn jeden Abend kommt ja schließlich eine Fähre an und bringt neue Gäste. Als wir im Zelt liegen, überkommt uns schließlich
noch der Hunger und wir vertilgen schnell noch ein wenig Brot und Obst. Es muss schon fast drei Uhr sein, als uns dann der Schlaf übermannt.
Wir schlafen bis zehn, frühstücken bis zwölf und sind um ein Uhr Mittags wieder fahrbereit. Das Ortseingangsschild ein paar Meter weiter trägt
nur einen Buchstaben, ein A mit einem Kreis darüber. Der stellt nicht nur den letzten Buchstaben im norwegischen Alphabet dar, sondern ist auch der Name des südlichsten Ortes der Lofoten. Im schmucken Dorf
befindet sich neben einem Stockfischmuseum auch eine Reihe hübsch restaurierter alter Fischerhütten. Einige davon stehen an Land, aber mehrere sind auf Stelzen gebaut, die mehrere Meter ins Meer reichen. Die
alte Bäckerei backt laufend frische Plätzchen und knuspriges Brot, was uns unverhofft zu einem leckeren Frühstück verhilft. Das hübsche Dorf ist pittoresk eingerahmt von Bergen, die mit einer giftgrünen Schicht
bewachsen sind. Ob das Moos ist oder anderes Kleingewächs kann man von hier unten nicht erkennen. Aber toll sieht der satte Farbton allemal aus. Schmal windet sich die Straße kurvenreich am Ufer entlang. Reine
sieht bereits ein wenig touristischer aus, ist aber auch von dieser wunderbaren Kulisse der steilen grün bewachsenen Bergzacken umgeben. Überall begleiten uns große Holzgerüste, an denen in der Fangsaison die
Dorsche zum Trocknen aufgehängt werden. Obwohl kein einziger Fisch mehr hängt, stinkt es aufgrund der feuchten Witterung immer noch recht scharf. An einer besonders schönen Stelle machen wir Rast, denn die lange
Fahrt von gestern steckt uns doch ganz schön in den Beinen. Vor uns liegt ein natürliches Hafenbecken, während direkt dahinter die Berge keine Chance für eine Straße oder Besiedlung lassen. Da in diesem Teil der
Insel sich nur ein ganz schmaler Streifen ebenes Land am Ufer zeigt, ist eine Besiedlung und das Anlegen von Wegen nur in sehr begrenztem Umfang möglich. Wahrscheinlich ist das sogar der Grund, warum die Gegend
hier so ungemein anziehend wirkt. Viele Schiffe ankern nur wenige Meter von uns entfernt. Es sind kleine Boote, mit denen die Fischer hinaus aufs Meer fahren können. Die makellosen Planken spiegeln sich im
klaren Wasser während schneeweiße Möwen in der Nähe nach Futter suchen. Die um das Becken stehenden Häuser sind farbenfroh gestrichen, und doch sieht es hier einsam aus. Nur selten erblickt man jemanden an
einem Haus oder im Garten. Bald ragen die Berge nicht mehr ganz so steil neben der Straße empor und wieder treffen wir zu aller Freude wir die Berliner, die heute Morgen mit der Fähre ankamen. Ramberg heißt für
uns das ersehnte Etappenziel, wo wir uns noch zu einem Spaziergang am langen weißen Strand verleiten lassen.
Vor der Weiterfahrt müssen unbedingt noch die Vorräte für das Wochenende ergänzt werden. Von der Straße aus kann man später weitere schöne
Strände erblicken. Aufgrund des hellen Sands und des klaren Wassers schimmert das Meer in Ufernähe unglaublich türkis. Das nächste Ziel wurde von der UNESCO als Welterbe auserkoren. Das kleine Fischerdorf
Nusfjord liegt abseits der Durchgangsstraße in einer geschützten Bucht. U-förmig sind die Hütten und Bootsstege angelegt und dienen während der Sommerzeit den Touristen als ungewöhnliche Unterkunft. Nicht nur
die Hütten, auch der kleine Laden im Ort versteckt nicht seine lange Vergangenheit. Alles scheint noch aus alter Zeit zu stammen und sogar die Kasse ist noch nicht durch ein Computermodell ersetzt worden. Dann
bricht das Wetter wieder mal ein und strömender Regen begleitet uns in den nächsten Stunden. Die Berge scheinen wie mit einem flauschigen Teppich überzogen zu sein, und das Grün sprüht so satt wie noch nie. Fast
denkt man an Irland, wären da nicht die hohen Berge. Der Wind wird nach und nach zum Orkan und wir können kaum noch gegen ihn ankämpfen. Die Brücke über den Gunsöystraumen wird dadurch fast zum unüberwindlichen
Hindernis. Der Sturm weht nun mit starken Böen genau von der Seite und wir können die Räder nicht mehr in der Spur halten. Wir steigen ab, um die Räder sicherheitshalber zu schieben. Doch auch so schaffen wir es
nur unter größten Schwierigkeiten. Unsere Regenjacken flattern im Wind und geben dabei ein lautes knallendes Geräusch ab. Wir stellen uns schräg gegen die unbändige unsichtbare Kraft und nur mit größter Mühe
erreichen wird den Scheitelpunkt der Brücke. Obwohl es leichter fällt, die Brücke nun hinunter zu schieben, haben wir immer noch Angst, von einer Böe umgeworfen zu werden. Der Regen prasselt fast waagerecht auf
uns herab, und der nahe Rastplatz kommt uns gerade recht. Die nächste Schauerpause nutzen wir zur Weiterfahrt, denn nicht weit von hier liegt ein Zeltplatz, auf den wir uns bei nicht nachlassendem Wind retten.
Für die wunderbare Lage des Platzes haben wir aber keinen Blick mehr übrig. Mit letzter Kraft stellen wir das Zelt auf, und die Sturmabspannung zeigt sich zu unserer Überraschung überaus wirksam. Die ganze Nacht
über peitscht der Sturm eine Regenfront nach der anderen voran. Erst am Morgen kann man sich wieder nach draußen in den nachlassenden Regen trauen. Heute ist Sonntag und wir haben mit Haenningsvaer eine weitere
Hauptsehenswürdigkeit auf dem Programm. Doch im Gegensatz zu Nusfjord enttäuscht uns das große Fischerdorf ein wenig. Viel kommerzieller und nicht so gut gepflegt können wir uns nicht so recht mit dem gesehenen
anfreunden. Der selbstgegebene Status „Venedig der Lofoten“ ist nach unserer Auffassung leicht übertrieben. In einem offenen Laden wärmen wir uns ein wenig auf, denn die Höchsttemperatur von 10 Grad hat
uns ganz schön ausgekühlt. Heute erreichen wir noch die Fähre nach Melbu, die uns auf die Vesteralen bringt. Die Überfahrt wird wie erwartet zu einer argen Schaukelei. Wir sind froh, gut am anderen Ufer
angekommen zu sein. Der Blick zurück zeigt uns noch einmal die wolkenverhangene Bergwelt der Lofoten. Die Landschaft ist ab jetzt wie ausgewechselt. Niedrige Hügel bestimmen die Szenerie und die flache Straße
verleitet endlich mal wieder zum Kilometerfressen. Bald haben wir Sortland erreicht, das sich uns als größere Stadt mit allen Serviceeinrichtungen darstellt. Hier kann man wieder einmal in großer Auswahl
schwelgen, was in den vergangenen Tagen nicht immer der Fall war. Die Anzahl der Fähren auf der zurückgelegten Strecke summiert sich immer mehr. Auf der nächsten Fährfahrt nach Sörollnas treffen wir seit
längerer Zeit mal wieder ein Pärchen, das ebenfalls mit dem Rad unterwegs ist. Aus den Augenwinkeln sehen wir, wie sie sich für unsere Ausrüstung interessieren. In der Cafeteria kommen wir dann gleich ins
Gespräch. Die beiden wohnen in Berlin-Spandau und sind hier auf ihrer ersten Radreise unterwegs. Er ist Tierarzt und hat schon ein paar mal in Norwegen zur Aushilfe in der Ferienzeit gearbeitet. Er spricht daher
sehr gut die norwegische Sprache, was uns schon gleich bei der nächsten Rast zugute kommt. Bis zum Abend fahren wir zusammen weiter. Unterwegs begegnen uns fast vierzig Ziegen, die alleine auf der einsamen
Straße sind. Neugierig versperren sie uns den Weg, beschnüffeln uns erst, und beginnen dann unsere Taschen und Hosen anzuknabbern. Während einige versuchen mein Rad zu besteigen, lassen andere erst einmal
Wasser. Nach und nach scheint das Schule zu machen und in einem Rinnsal sammelt sich eine scharf riechende Pfütze am Straßenrand. Unsere Radglocke sorgt dann für helle Aufregung unter den meckernden
Wegelagerern. Mit sanfter Gewalt gelingt es uns, durch die Meute zu brechen und die Flucht nach vorne anzutreten. Wir werden bestimmt noch 500 Meter von den Tieren verfolgt, bis sie es schließlich aufgeben und
uns fahren lassen. So neugierige Viecher haben wir noch nicht erlebt. Kurz darauf treffen wir noch einmal auf einen Vierbeiner. Dieses Exemplar ist aber alleine unterwegs und von uns schon lange herbeigesehnt:
Der erste Elch in freier Wildbahn steht vor uns mitten auf der Straße. Wir halten leise an, ich greife zur Kamera. Doch er hat uns schon entdeckt. Während ich noch das 200er Tele aufschraube, rennt er schon mit
Riesenschritten über die Wiese weg. Ich kann ihn doch noch mit der Linse einfangen und banne ihn zwar unscharf aber für immer auf Zelluloid. In Sjovegen futtern wir uns dann in einem Cafe an frischem
selbstgebackenem Schokoladenkuchen satt. Eigentlich hat das Cafe schon geschlossen, aber die guten Sprachkenntnisse von Walter lassen die Bedienung erweichen. So putzt sie halt nicht alleine, sondern um uns
herum. Zum Schluss schenkt sie uns noch eine halbe Kanne Kaffee und eine große Platte Waffeln, die sie morgen nicht mehr anbieten will. Kurz darauf platzen wir fast. Eigentlich könnten wir den ganzen Nachmittag
hier verbringen, aber wir wollen die Gastfreundschaft der Bedienung nicht über Gebühr strapazieren. Draußen heißt es Abschied nehmen von Walter und Marrit denn die beiden sind am Ziel. Hier wollen sie bei alten
Bekannten ein paar Tage verbringen, bevor es wieder zurück nach Hause geht.
Der nächste Tag führt uns in ein Gebiet mit großer militärischer Präsenz. Bis zum Manselvossen begegnen wir regelmäßig den dunkelgrün
gestrichenen Militärfahrzeugen. Links und rechts neben der Straße haben Allradfahrzeuge und Panzer den Waldboden umgepflügt und viele Pflanzen niedergemacht. Der Manselvossen ist eher eine gewaltige
Stromschnelle, als ein richtiger Wasserfall. Aber wie das viele Wasser so kraftvoll von oben herunterschießt, ist es doch eine eindrucksvolle Sehenswürdigkeit. Am Ufer ist eine Betonrinne treppenartig angelegt,
um den Lachsen den Weg zur Quelle zu erleichtern. Leider ist jetzt die falsche Jahreszeit und wir können nicht einen einzigen der schmackhaften Fische in der Lachstreppe ausmachen.
Seit einer Woche hält sich nun schon das kalte feuchte Wetter. Wir haben fast die Hoffnung verloren, dass es noch einmal besser wird. Ebenso
ergeht es uns beim Essen. Schon beim Frühstück überfällt uns der Frust. Das trockene Brot hängt uns schon seit Tagen zum Hals heraus, der Käse schmeckt immer noch nach nichts, und die stolz im Supermarkt
ergatterte Dosensülze entpuppt sich als Mettwurst mit einem ungenießbar hohen Fettanteil. Auch der Kuchen schmeckt uns nicht mehr richtig. Stimmungsmäßig sind wir also unverhofft an einem Tiefpunkt angekommen.
Doch wir haben ja noch fast zwei Wochen vor uns, da wird es bestimmt auch wieder bessere Zeiten geben. Bei Temperaturen unter 10 Grad wird in den Häusern kräftig geheizt. Überall ziehen bläuliche Rauchfahnen von
den Schornsteinen aus in die Höhe. Und wir sitzen in der Kälte auf unseren Rädern und müssen uns durchweg warm strampeln. An einem kleinen Postamt werden wir wieder einmal abgewiesen, als wir unsere
Bargeldbestände ergänzen wollen. Da nicht alle Postämter Bargeld bereithalten, wurden wir schon einige Male zur nächst größeren Post geschickt. Das bewog uns schließlich dazu, schon bei langsam zur Neige
gehender Kasse für Geldnachschub zu sorgen.
Heute macht alles keinen Spaß. die Berge sind von den Regenwolken verdeckt, und so bleibt uns nichts anderes übrig als zu fahren, fahren, fahren.
Als dann die E6 erreicht ist, gibt es neben erhöhtem Verkehrsaufkommen bald ein wenig Abwechslung. Drei große Samenzelte stehen an der Straße und verleiten uns zu einer Rast. Aus Holz und Rentierteilen gefertigt
ist hier alles im Angebot, was man sich schon immer gewünscht und bestimmt nie gebrauchen kann. Neben den obligatorischen Flaschenöffnern und Schlüsselanhängern werden auch Holztassen, Rentierfelle und
Kleidungsstücke aus Fell an den Mann oder die Frau gebracht. Einzig die stolzen Geweihe der Tiere locken uns zu einem Foto. Doch als Souvenir sind alle viel zu groß. Schade, denn der Preis dafür ist erstaunlich
gering. Wir fragen nach einem kleinen Bruch- oder Endstück für unsere heimatliche Sammlerecke, aber leider ohne Glück. Einige Reisebusse kommen an und lassen ihre Fracht ins Freie. Im nu sind wir umringt von
Landsleuten, die fast alle einen witzigen Spruch abgeben müssen. Wir flüchten in die nebenan stehende Touristeninformation und bekommen viele gute Tipps für unsere weitere Fahrt in Richtung Norden. Besonders die
Schönheit des Lyngenfjords wird uns mit Nachdruck empfohlen. Der Fjord liegt genau an unserer Strecke, so dass wir ihn nicht verpassen können. Im Regen erreichen wir Tromsö. Um zum Zeltplatz zu kommen, müssen
wir quer durch die große Stadt fahren, was uns bei dem ungewohnten Verkehr große Konzentration abverlangt. Dann noch über eine Brücke und wir stehen vor der berühmten Eismeerkathedrale. Doch die Besichtigung
heben wir uns für morgen auf, erst einmal wollen wir uns einen Platz für die Nacht suchen. Der Platz ist leider überfüllt, wie das so oft bei ADAC-Empfehlungen ist. Zwischen den vielen Wohnmobilen und Autos ist
für unser Zelt fast kein Platz mehr. Die wenigen Flecken Rasen sind schon vergeben, und so müssen wir mit einem Kiesstreifen vorlieb nehmen. Überall ist Lärm und es wird ausgelassen gezecht. Einige der Besucher
glauben, hier alleine zu sein und merken nicht dass sie die ruhesuchenden Touristen stören. Zu spät haben wir bemerkt, das dieser Platz wohl als letzte Station der Automobilisten vor dem Nordkapp benutzt wird.
Alles was vier Räder hat trifft sich wohl noch einmal auf diesem Platz. Als dann noch ein Bus mit einer Gruppe ankommt, und fast 20 Zelte ausgepackt werden, bricht das Chaos aus. Jeder noch so schmale Streifen
wird rücksichtslos in Beschlag genommen und die erhoffte Ruhe schiebt sich noch ein paar Stunden hinaus.
Früh am nächsten Morgen ergreifen wir die Flucht. So etwas wollen wir nicht noch einmal erleben. Doch da hilft wohl nur der Boykott von den
wenigen, in deutschen Führern aufgelisteten Plätzen. Die unruhige Nacht hatte jedoch erstmals seit vielen Tagen keinen Regen für uns parat und die Wolken sehen auch schon wesentlich heller als in den letzten
Tagen aus. Mit dem Wetter bessert sich auch unsere Laune. Schnell erreichen wir die Eismeerkathedrale, die wir nun besichtigen wollen. Da ich auf die Räder achte, begibt sich Marion als erste in die Kirche.
Marion bezahlt 10 Kronen, geht hinein uns kommt schon wenige Minuten später wieder heraus. Ihrer Meinung nach lohnt sich der Eintritt nicht, denn man sieht innen auch nicht viel mehr als von außen durch die
große Scheibe. Also spare ich mir die Besichtigung und laufe stattdessen lieber einmal um das auffällige Bauwerk herum. Die ungewöhnliche Architektur begeistert mich mehr, als die karge Inneneinrichtung. Weiter
geht es um die Südspitze der Halbinsel. Auch hier trifft man wieder auf militärische Einrichtungen. Nur sind diese nicht aus der Gegenwart, sondern ein Relikt aus dem 2. Weltkrieg. In einem alten Bunker der
deutschen Besatzungsmacht ist ein Museum eingerichtet worden. Mit authentischen Gegenständen eingerichtet, vermittelt dieser düstere Ort einen guten Eindruck, wie es hier vor über 50 Jahren wohl zugegangen sein
mag. Das Hauptthema der kleinen Ausstellung ist aber die Tirpitz, ein deutsches Schlachtschiff, das nur wenige Seemeilen weiter versenkt wurde. Etliche Busse stehen hier, um vorwiegend ältere Menschen
abzusetzen. Unser Interesse für diesen Teil der Geschichte ist weniger ausgeprägt, so dass wir uns bald wieder auf den Rädern befinden. Schon auf der Fähre nach Svensby sehen wir die Gletscher der Lyngenalpen in
der mittlerweile strahlenden Sonne glänzen. Die Straße haben wir nun für uns allein, denn kein Auto stört uns bei der Fahrt am Fjord. Wir trödeln ein wenig herum in dieser schönen Gegend und werden dafür auch
gleich wieder bestraft. Nur knapp verpassen wir die Fähre über den Lyngenfjord. Die zweieinhalb Stunden Wartezeit vertreiben wir uns mit einem großen Eis und einem ausgiebigen Gang durch den großen Supermarkt.
Dann geht es mit dem fast leeren Schiff hinüber und wir erfreuen uns an der grandiosen Aussicht in der Abendstimmung dieses herrlichen Tages. Zwanzig Kilometer sind es noch bis zum Zeltplatz, doch heute könnten
es auch wesentlich mehr sein. Die Aussicht auf die schroffen Berge am anderen Ufer des Fjordes ist spektakulär und steigert sich noch, als die Sonne langsam hinter den Gipfeln untertaucht. Alles ist in ein
eigenartiges Licht getaucht, wie es nicht alle Tage zu sehen ist. Spontan entschließen wir uns, diesen Abschnitt der Strecke morgen ohne Gepäck noch einmal zu fahren, um die Landschaft auch im hellen Tageslicht
genießen zu können. Der Campingplatz in Djupvik liegt auf einer Anhöhe und bietet eine grandiose Aussicht über den Fjord, auf die Berge und die langsam untergehende Sonne. Das Zelt steht ganz am Rand des Platzes
und so haben wir von innen heraus eine ungetrübte Aussicht auf das, was dort vor uns liegt. Lange noch bleiben wir wach und warten auf den Untergang der Sonne. Schlafen ist sowieso noch nicht möglich, denn um
uns herum ist noch viel Betrieb. Alle warten wohl auf die Mitternachtssonne. Neben uns wird um kurz vor zwölf noch ein selbstgefangener Fisch gebraten und der Campingbus hinter uns beglückt uns alle paar Minuten
mit einer knallenden Schiebetür. Wir haben uns so etwas schon beim Aufstellen gedacht, aber so eine Aussicht hat man auf einem Zeltplatz nicht alle Tage. Pünktlich um 24 Uhr klicken die Kameras. Eigentlich ist
es ja erst in einer Stunde Mitternacht, denn auch hier ist die Sommerzeit eingeführt. Aber das sagen wir besser nicht, denn sonst müssen wir noch eine Stunde auf die Nachtruhe warten.
Von strahlendem Sonnenschein geweckt, zieht es uns nach dem Frühstück sofort wieder an den Fjord. Die Luft ist glasklar, und die Berge strahlen
in der frühen Sonne in eigenartigem Blau. Der Felsen fällt steil ab und taucht ohne Übergang in den Fjord ein. Wie tief das Wasser hier wohl sein mag? Überall sieht man nun deutlich, wie sich die Eismassen der
Gletscher ihren Weg zum Wasser bahnen. Einige der weißen zungenähnlichen Gebilde reichen fast bis zum Meer herunter. Unsere Uferseite ist wesentlich flacher, und die Straße hat genügend Raum, um neben grünen
Weiden oder durch kleine Dörfer hindurch zu führen. Von weitem sieht man dann wieder mal ein großes Holzgestell, doch diesmal ist es komplett vollgehängt mit Dorsch. Beim Näherkommen sehen wir, dass eine
Fischräucherei direkt daneben liegt. Obwohl heute Sonntag ist, hat man hier einen großen Verkaufsstand geöffnet, an dem die Spezialitäten des Meeres feilgeboten werden. Interessanter als die frischen Fische ist
für uns jedoch der daneben stehende große Grill, auf dem schon einige Leckereien bruzzeln. Wir entscheiden uns für eine große Portion gegrillten Lachs, den wir so bisher noch nirgendwo bekommen haben. Bis es
soweit ist, unterziehen wir die trockenen Dorsche auf dem Holzgestell einer näheren Betrachtung. Steinhart und von strengem Geruch umgeben, hängen tausende Fische in der kalten Luft. Die Köpfe sind abgetrennt,
doch der nun offene Körper klafft auf, wie ein riesiges Maul. Appetitlich sieht das nicht aus. Und wenn man bedenkt, dass man diesen Fisch erst einmal mehrere Tage in Lauge einweichen muss, vergeht mir
jedenfalls sofort der Hunger. Viel lieber ist uns da schon das, was wir jetzt am Grill entgegennehmen dürfen. Wunderbar zart ist das edle Fleisch des Lachses über der Hitze der Kohle geworden und das Gewürz
rundet den Genuss hervorragend ab. Lecker! Schade nur, dass die Möglichkeiten für eine solche Rast bisher so selten waren. Obwohl wir uns immer noch auf der E6 befinden, ist der Verkehr erfreulich gering. Nur ab
und zu überholt ein Wohnmobil und noch seltener sind einheimische Autos anzutreffen. Mehrere Campingplätze an der Straße sind vollkommen leer. Ab Tromsö scheint alles direkt zum Nordkap durchzustarten. Auch auf
dem von uns erkorenen Platz steht noch kein anderer Gast. Die schöne Wiese ist direkt am Ufer eines großes Sees gelegen, und der Holztisch mit der Bank scheint nur für uns dorthin gestellt worden zu sein.
Als wir das Zelt an der schönsten Stelle auspacken werden wir vom Platzverwalter angewiesen, das Zelt am anderen Ende des Platzes an der Straßenböschung aufzubauen. Ich glaubte, mich verhört zu haben, und frage
noch einmal nach. In gebrochenem Englisch erfahren wir, dass die schönen Stellplätze am Wasser für Autofahrer reserviert sind. Auch der Hinweis auf den mittlerweile frühen Abend und den leeren Platz können ihn
nicht zum Umdenken bringen. Wut kommt in mir hoch, aber da lässt sich nichts machen. Am liebsten würden wir weiterfahren, aber der nächste Platz liegt zu weit weg. Außerdem sind sowieso zu viele Mücken am
Wasser, trösten wir uns und freuen uns schon jetzt auf die Weiterfahrt. Zum Glück steht im Sanitärgebäude eine Waschmaschine und ein Trockner, so dass wir die Wäsche für die letzte Radlwoche reinigen können.
Seit einigen Tagen haben wir unverhofft Probleme, wenn wir in kleinen Dörfern frisches Brot, Wurst oder Obst und Gemüse kaufen wollen. Das Brot
wird oft tiefgefroren angeboten, bei der Wurst ist immer häufiger das Haltbarkeitsdatum abgelaufen und Obst oder Gemüse haben die besten Tage auch schon lange hinter sich gebracht. Wahrscheinlich sind die
meisten Leute hier Selbstversorger und daher besteht kein Bedarf, im Supermarkt immer Frisches vorzuhalten. Auch heute sieht es schlecht aus und so muss eine Zitronencremerolle als Abendbrot herhalten. Ab jetzt
nutzen wir jede Möglichkeit, frische Ware zu bekommen und decken uns dann gleich für mehrere Tage ein.
Der Weg nach Langfjord wird von zwei langen Anstiegen über mehrere hundert Höhenmeter bestimmt. Der Himmel zieht sich derweil langsam über uns
zu. Doch nicht etwa Wolken ziehen auf. Nein, dichter Nebel zieht alles um uns herum mit einem dicken undurchsichtigen Grauschleier zu. Fast eine Stunde fahren wir schon in dieser Suppe. Die Sicht beträgt
vielleicht 30 Meter und es wird langsam langweilig, ohne Aussicht den Weg zurückzulegen. Noch stehen am Straßenrand viele Birken, doch nach und nach weichen diese und nur noch kahler Boden ist im Nebel zu
erkennen. Dann wird es unangenehm windig. Trotz der luftundurchlässigen Regenkleidung beginnen wir, leicht verschwitzt vom Anstieg, zu frösteln. Die Nebelfetzen fliegen an uns vorbei, als wir den Scheitelpunkt
der Straße erreichen. Hin und wieder reißt das Grau über uns auf und lässt den blauen Himmel hindurchscheinen. Auf der anderen Seite des Berges lässt der Nebel nach und von hier oben sehen wir das wolkengefüllte
Tal. Die uns als fantastisch beschriebene Aussicht hinunter fällt also aus. Die Wolken heben sich schnell in die Höhe und scheinen nach und nach die Straße zu fressen, auf der wir hinunter müssen. Doch der Wind
kämpft dagegen an und so begleitet uns ein seltenes Schauspiel bei der rasenden Abfahrt nach Sörstraumen. Die Sonne gewinnt schneller als erwartet den Kampf mit dem Nebel und es wird warm. Wir können es nicht
glauben, als wir nach Tagen der Kälte nun wieder mit kurzer Hose und im T-Shirt radeln können. Ein entgegenkommender Radler ist die einzige Abwechslung am ganzen Nachmittag. Wir unterhalten uns ein wenig über
unsere Touren und können von ihm einige nützliche Informationen über den weiteren Weg in Erfahrung bringen. Oben am Nordkap soll demnach der Wind in orkanartigen Stärken wehen und außerdem seien es viele
Höhenmeter hinauf zum nicht ganz nördlichsten Punkt Europas. Er gibt uns noch den Ratschlag, genügend Lebensmittel zu kaufen, bevor er sich wieder auf den Weg macht. Es wird immer einsamer hier oben im Norden.
Das Nordkap ist nun nur noch wenige Etappen entfernt und die Zeichen der unvernünftigen Touristen sieht man immer häufiger. Oft liegt Müll im Straßengraben, und immer wieder meinen einige unverbesserliche, sich
mit Pinsel oder Sprühdose farbig auf den Felsen am Straßenrand verewigen zu müssen. Teilweise nehmen diese Schmierereien grässliche Formen an. Nach und nach tauchen die ersten Schilder auf, die vor Rentieren
warnen. Im Süden standen auch viele Schilder, um vor Elchen zu warnen. Doch gesehen haben wir nur einen einzigen. Wahrscheinlich wird das auch hier so enden. Ab und zu hausen ein paar Samen wie Obdachlose am
Straßenrand, und versuchen Felle und Geweihe zu verkaufen. Es ist schon ein trauriger Anblick, wie die Leute hier leben. In Inestoften liegt wieder ein größeres Samencamp am Weg. Was verwundert stimmt, ist bei
all der zur Schau getragen Armut, dass neben fast jedem Zelt ein großes relativ neues Allradauto steht. Neben den vielen Zelten gibt es hier auch eine Imbissbude, die zwar keinen gegrillten Lachs anbietet aber
trotzdem für einen kleinen warmen Snack gut ist. Nach dem Essen versuchen wir zum wiederholten mal, ein kleines Stück Geweih als Souvenir zu erstehen. Doch wir haben einfach kein Glück. Da wir keine Hoffnung
mehr haben, ein Bruchstück zu finden, kaufen wir ein kleines Geweih für umgerechnet zwei Mark. Davon wollen wir uns bei Gelegenheit ein kleines Endstück abbrechen und mit nach Hause nehmen. Doch wohin mit dem
Geweih? Für die Taschen ist es zu groß, und hier vor den Samen möchten wir es auch nicht zerbrechen. Also spanne ich es auf dem Gepäckträger fest, was den uns begegnenden Leuten in den nächsten Tagen immer
wieder Spaß zu machen scheint. In Alta können wir wieder einmal auf einem breiten Radweg fahren, und sind so sicher vor dem Stadtverkehr. Angesichts leerer Provianttaschen und der Warnung des letzten Radlers
decken wir uns in einem großen Supermarkt ein. Gegenüber liegt ein Museum, das viele Zeichnungen aus den menschlichen Urzeiten zeigt. Doch für diese Steinzeitgraffities interessieren wir uns heute nicht mehr. An
einem schönen Platz hinter der Stadt, abseits der Straße, genießen wir einen ruhigen Abend mit vielen Schlemmereien. Der Platz scheint ein Geheimtipp für Niederländer zu sein, denn so viele wie hier haben wir
auf der ganzen zurückliegenden Reise nicht gesehen. Am Abend kommt dann noch ein Hobbyjournalist an unser Zelt und fragt, ob er ein paar Bilder von uns machen darf. Er möchte einen kleinen Artikel über unsere
Reise in die Tageszeitung bringen. Natürlich haben wir nichts dagegen und geben bereitwillig Auskunft über unsere Tour quer durch Norwegen. Zum Abschied verspricht er uns, einen Ausschnitt der Zeitung an unsere
Heimatadresse zu senden. Doch angekommen ist bis heute nichts.
Dort, wo wir es nicht vermutet hatten, zeigt uns der Sommer sein warmes Gesicht. 24 Grad zeigt unser Thermometer auf dem Weg nach Russenes. Nach
langer Steigung führt die Straße über eine karge baumlose Hochebene der Finnmark. Diese unwirtliche Graswüste zieht sich über viele Kilometer fast den ganzen Tag über an der Straße entlang. Endlos weit reicht
der Blick in die Ferne. Die schroffen Berge sind weichen Rundungen gewichen. Nur ab und zu sieht man einen Reisebus oder ein anderes Auto auf dem endlosen Asphaltband näher kommen. Obgleich von
menschenfeindlicher Art, fasziniert uns diese Landschaft doch ungemein. Nach all den vielen Fjorden, grünen Wiesen und schönen Bergen ist diese Landschaft doch die erste richtige Abwechslung seit mehreren
Wochen. Das soll nicht heißen, die zurückliegende Strecke wäre nicht schön gewesen. Sie war vielmehr eine der beeindruckendsten Landschaften auf unseren Reisen. Doch wenn man tausende Kilometer in wunderschöner
Natur fährt, die sich zudem auf der ganzen Strecke sehr ähnelt, kann auch Schönheit mit der Zeit ein wenig langweilig werden. Da kommt solch ein Kontrast natürlich gerade recht. Russenes ist unsere letzte
Station, bevor das Ziel der Reise , die Insel Mageröja erreicht wird.
Seit dem frühen Morgen peitscht wieder Regen auf das Zelt. Warum muss das Wetter denn gerade auf den letzten Etappen unserer Tour sich von seiner
schlechtesten Seite zeigen? Gestern noch sommerlich warm, ist es heute morgen schon wieder bitterlich kalt geworden. Als der Regen auch nach dem Frühstück nicht nachlässt, ziehen wir die Regenmontur an und
packen fluchend die Ausrüstung zusammen. Wenn die Ausrüstung gut ist, kann man das Radeln im strömenden Regen sogar ertragen. Nur ist natürlich die Landschaft nicht so sehenswert, wie bei Sonnenschein. Was man
aber auch mit guter Kleidung nicht verbessern kann, ist das Radfahren gegen den starken Wind. Die Strecke ist wenigstens relativ flach, und so haben wir nicht auch noch eine Steigung zu bezwingen. Die Landschaft
sieht auch hier ganz anders als im Süden aus. Alles scheint hier rauer und einsamer zu sein, genauso wie man sich das Ende der Welt vorstellt, auf das wir uns nun unermüdlich zubewegen. Der vor uns liegende
Tunnel bietet eine willkommene Verschnaufpause. Endlich mal einige Minuten in absoluter Windstille fahren zu können hat schon etwas für sich. Der Tunnel ist einspurig, doch auf dem breiten Seitenstreifen fühlen
wir uns auch bei passierenden Fahrzeugen sicher. Abgegrenzt wird der Streifen sogar von Leitpfosten, die nur an den wenigen Ausweichbuchten unterbrochen sind. Trotz des geringen Verkehrsaufkommens im Tunnel ist
die Luft sehr stickig, so dass wir froh sind als wir das Ende der Röhre erkennen. Schiefer tritt an den Berghängen hervor. Wie aufgestapelte Pfannekuchen angeordnet, sehen einige Stelle sehr fotogen aus. Doch
der Regen lässt kein Bild zu, ohne die Kamera zu gefährden. Oft windet sich die Straße in einen kurzen Fjord hinein, um sich dann wieder dem Meer zuzuwenden. So wird man immer mit wechselnden Windrichtungen
konfrontiert. Freut man sich beim Weg zum Anfang des Fjords noch über den starken Rückenwind, bläst einem beim Weg zurück zum Meer schon wieder eine steife Brise ins Gesicht.
Die Gegend erscheint immer flacher und alles ist über und über mit einem grünen Teppich überzogen. Die Straße wendet sich nun vom Meer ab, um
einen Hügel zu überqueren. Dann sehen wir die erste Rentierherde in der Nähe geruhsam ihres Weges ziehen. Vor den wenigen Autos scheinen die von mächtigen Geweihen geschmückten Tiere keine Angst zu haben. Doch
als sie uns näherkommen sehen, ergreifen sie die Flucht. Die Straße macht einen großen Bogen, und direkt an der Fahrbahn äst eine weitere Herde, die uns noch nicht bemerkt hat. Wir halten an, steigen langsam ab
und beobachten sie eine Zeitlang vorsichtig. Einige von ihnen sind fast weiß, doch die meisten haben ein braunes Fell. Nach wenigen Fotos ist der Film voll, und im Nieselregen kann ich keine neue Rolle
einsetzen. Nur wenige Kilometer sind es noch bis zur Fähre. Dort sehen wir das erste richtig freundliche Gesicht seit vielen Tagen. Nanu, den kennen wir doch. Richtig, es ist Rolf, den wir mit seiner Freundin
Anita in Tromsö getroffen haben, als wir zusammen nach einem Stellplatz suchten. Sie sind mit Rucksack und Zelt unterwegs, versuchen aber so weit wie möglich mit den öffentlichen Buslinien voran zu kommen. Die
Freude ist groß und so haben wir auf der Fahrt hinüber nach Margeröja endlich mal wieder Gelegenheit zu einem ausgiebigen Schwätzchen. In den letzten Tagen bot sich nicht allzuviel Gelegenheit dazu, denn die
Norweger sind zurückhaltend und Touristen haben wir nicht viele getroffen. Leider trennen sich in Honningsvag schon wieder unsere Wege, denn beide fahren noch heute mit dem Bus zum Nordkap dann in der Nacht
zurück zur Fähre und am frühen Morgen weiter nach Alta. Die Landschaft ist faszinierend. So eigentümlich schön hat es auf der ganzen Strecke bis hier hin nicht ausgesehen. Passender kann eine Landschaft nicht
aussehen, die das Ende der Welt darstellt. Grobe Felsen erheben sich aus dem Meer und alles ist mit einem unwirklichen Giftgrün überzogen. Den steilen Anstieg, der sich vor uns erhebt, müssen wir heute nicht
mehr bewältigen denn der Campingplatz ist erreicht. Weiter hätten wir es auch nicht mehr geschafft, denn es ist nach 21 Uhr und es beginnt schon wieder zu regnen. Die Zeltwiese stellt sich als huckeliger Acker
dar, der überall zwei Finger breit unter Wasser steht. Nur mit Mühe finden wir ein kleines Fleckchen, das nicht ganz so nass aussieht. Rundherum quillt das Wasser beim Auftreten aus dem Boden. Doch unser Zelt
ist dicht und so liegen wir bald trocken in den warmen Schlafsäcken.
Für die letzte Etappe in Richtung Norden müssen wir das Zelt nicht abbauen denn unser Weg ist eine Sackgasse, die wir wieder zurückfahren können.
Ohne Ballast geht es plötzlich viel einfacher voran. Sofort führt es steil bergauf und uns bleibt nicht die Zeit zum lockeren Warmradeln. Schnell gewinnen wir an Höhe, denn die zurückliegenden 3000 Kilometer
haben natürlich für eine gute Kondition gesorgt. Das Schild zeigt eine Steigung von nur 9% an. Dass wir uns trotzdem quälen müssen liegt am natürlich von vorne wehenden Wind, der wieder mal in Sturmstärke bläst
und von leichtem Nieselregen gekrönt ist. Unser Thermometer zeigt stolze 6 Grad an, doch momentan sind wir noch relativ warm. Bald geht die Steigung leicht zurück und die Straße führt einen großen Bogen
beschreibend um eine Bergkuppe herum. Dann fällt das Asphaltband wieder fast auf Meereshöhe zurück. An der Abzweigung nach Skarsvag zeigt der Wegweiser zum Nordkap noch 13 Kilometer an. Wir hoffen, dass die
Strecke nicht nur bergauf verläuft und sehnen uns nach besserem Wetter. Ein einsamer Same schaut aus seiner armseligen Behausung, doch wir werden seine Hoffnung auf ein kleines Geschäft nicht erfüllen können.
Als wir kein Interesse zeigen, winkt er uns trotzdem freundlich beim Vorbeifahren zu. Seit geraumer Zeit ist nun schon kein Auto mehr aufgetaucht und wieder haben wir dieses einsame Gefühl in der kalten und
verregneten Wildnis. Dunkle Wolken scheinen an den Bergkuppen zu kleben und die Hoffnung auf besseres Wetter haben wir nun aufgegeben. Immer weiter tasten wir uns an die Wolkendecke heran, bis sie uns
schließlich verschluckt. Bei einer Sichtweite von 20 Metern passt es gut, dass kaum Autos auf dieser Straße verkehren. Nach langer Steigung wird das Gelände nun ein wenig flacher und bald müssen wir sogar einige
Höhenmeter bei einer Abfahrt wieder hergeben. Ein See taucht auf, als der Sturm ein Loch in die graue Masse reißt. Weiter unten lässt sich ein furchterregender Fjord erahnen doch wenige Sekunden später schließt
sich die Lücke wieder. Mittlerweile halb erfroren empfinden wir die vor uns liegenden Kilometer endlos. Als ein Schild im Nebel auftaucht atmen wir auf. Es scheint geschafft. Doch beim Näherkommen sehen wir,
dass hier nur der Parkplatz des Wanderweges zum Knivskjellodden ist. Nur ein einziges Auto hat sich an diesem ungemütlichen Juliwochenende hierhin verirrt. Nach weiteren unangenehmen Kilometern erscheinen drei
Kassenhäuschen schemenhaft im Nebel. Rechts davor der Hinweis „Nordkap“. Was uns unterwegs schon mehrere Radler erzählt haben und wir nicht glauben konnten, tritt nun wirklich ein: Wir müssen doch
wahrhaftig Eintritt bezahlen! Wir können es nicht fassen. Der Nebel ist so dicht, dass man die Hand nicht vor Augen erkennen kann, und wir sollen dafür 115 Kronen, das sind fast 28 DM, pro Person berappen.
Normalerweise verzichte ich aus Prinzip auf derartigen Nepp. Doch wir sind nicht sechs Wochen und 3000 Kilometer bis hierhin gefahren, um dann 500 Meter vor dem Ziel wegen eines überhöhten Eintrittspreises zu
kapitulieren. Außerdem bietet sich nur so die Möglichkeit zum Besuch von Ausstellungen und dem Besuch eines Panoramafilms über das Nordkap und die Finnmark. Ein weiterer Grund für das Nordkapcenter sind unsere
nassen kalten Knochen und der unaufschiebbare Zwang, eines dringenden menschlichen Bedürfnisses. Der Entschluss für den Eintritt steht also fest, nur mit dem Preis kann ich mich noch nicht abfinden. Also
versuche ich, wenigstens den Preis herunter zu handeln. Als ich neben dem Nebel dann noch unsere strapaziöse Anfahrt bei der nassen Kälte in die Waagschale werfe, bietet die Kassiererin uns einen Kompromiss an
und für den Studentenpreis von 70 Kronen fahren wir auf das Gelände. Auf dem Großparkplatz stehen viele Wohnmobile. Es sieht aus, wie auf einem Campingplatz. Die meisten müssen schon etliche Stunden hier
verbracht haben, denn überholt hat uns auf der Hinfahrt kaum jemand. Der Nebel bereitet uns große Mühe bei der Orientierung auf dem Plateau. Wo ist denn nur der berühmte Globus, der am Rand der Klippe stehen
soll. Nichts ist zu sehen, und so tasten wir uns am Zaun entlang, der am Abgrund für Sicherheit sorgen soll. Dann ist er schemenhaft zu erkennen. Ganz allein stehen wir nun an diesem normalerweise großartigen
Aussichtspunkt. Doch der Blick hinunter auf das Nordmeer bleibt uns versagt. Nur das Rauschen der Brandung ist bis hier oben zu hören. Nach dem obligatorischen Foto machen wir uns auf, das Nordkapzentrum zu
suchen. Bald darauf stehen die Räder an einem Geländer, und ich schließe sorgsam unsere treuen Lastesel ab. Durch viele große Aussichtsscheiben werden wir von den, im warmen sitzenden Touristen wie Marsmenschen
beäugt. Von vielen Bekannten sind wir vor diesem Touristentempel gewarnt worden, doch für uns bietet sich hier die einzige Chance wieder warm zu werden. Das große Gebäude bietet auf mehreren Etagen viele
Möglichkeiten sein Geld auszugeben und die Zeit zu verbringen. Zuerst schauen wir uns einen Film an, der auf 5 Leinwände projiziert wird. So kann man wenigstens auf diese Weise sehen, wie es hier bei gutem
Wetter ausschaut. Ein langer Stollen durch den Fels führt dann zu einer großen Aussichtsplattform, die in den Fels geschlagen wurde. Doch unsere Hoffnung auf ein wenig besseres Aussicht erfüllt sich nicht. Nur
dunkles Grau lässt sich auf der anderen Seite des Geländers ausmachen. Marions Magen knurrt immer deutlicher und so begeben wir uns in das runde Cafe, das bei gutem Wetter ebenfalls mit einer einzigartigen
Aussicht aufwarten muss. Heißer Kakao und ein Imbiss gibt uns Energie für die nächsten Stunden. Heute scheint das Wetter nur noch schlechter zu werden, und so schließen wir den Besuch des Nordkaps mit einem
kurzen Besuch im Souvenirshop ab, der so groß ist, wie kein anderer auf der Reise. Alles, was das Herz begehrt, ist hier zu finden. Vor allem Touristen aus Japan und den USA packen reichlich ein. Wir begnügen
uns mit einem schönen Bildband, den wir am Anfang der Reise im Süden Norwegens einige Kronen billiger bekommen hätten.
Das Unvermeidliche lässt sich nun nicht mehr länger hinauszögern, wir müssen wieder in den Regen. Bei starkem Seitenwind und fünf Grad Celsius
wird die Abfahrt schon nach den ersten Metern zur Tortur. Bald spüren wir die Finger kaum noch. Die dem Wind zugewandte Wange ist tiefgekühlt und die Ohren schmerzen unerträglich. Endlich erreichen wir die
Wolkengrenze und der Nieselregen hört fast gleichzeitig auf, vom Himmel zu fallen. Bei dem Samen vom Hinweg stehen nun sechs Busse. Überall stolpern die Touristen frierend und mit leichten Schuhen bekleidet über
die nasse Wiese. Geschickt hat der Same hinter seinem Andenkenstand ein Rentier angebunden, das plötzlich alle fotografieren wollen. Natürlich müssen so auch alle am Laden vorbei. Der Trick ist gut, denn er kann
gar nicht so schnell kassieren, wie die Leute kaufen. Als wir dann wieder am Zeltplatz eintreffen, ist es über sechs Stunden später. Sofort packen wir das Zelt ein, um noch die nächste Fähre zum Festland zu
erreichen. Als die Fähre dann die Insel verlässt, ist auch unsere Reise in Richtung Norden zu Ende. Beim Blick zurück werfen wir einen letzten Blick auf Honningsvag, dem Tor zum Nordkap. Trotz des schlechten
Wetters hat sich dieser Trip in eine eindrucksvolle und fremdartige Landschaft gelohnt. Besonders für Radfahrer stellen das Nordkap und die umliegende raue Landschaft die Krönung einer langen Fahrt und ein
unvergessliches Erlebnis dar. Nun geht es viele Kilometer auf bekannter Strecke zurück bis der Abzweig nach Hammerfest, dem Zielort unserer Reise, erreicht wird. Unterwegs treffen wir immer wieder auf große
Herden Rentiere, die uns diesmal reichlich Gelegenheit für ein paar schöne Fotos geben.
Die letzte Etappe nach Hammerfest ist nur noch 56 Kilometer lang. Das Wetter ist nicht besser geworden und so ist die Strecke mehr Pflichtübung,
als Wonne. Die Stadt selbst macht einen verschlafenen Eindruck, als wir auf der Hauptstraße einrollen. Wir empfinden alles ziemlich gammelig und ungepflegt. Wieder überkommt uns das Gefühl, mitten im ehemaligen
Ostblock zu sein. Da die Stadt uns nichts bieten kann, suchen wir den letzten Zeltplatz im hohen Norden auf. Unterwegs begegnen uns mitten in der Stadt mehrere Rentiere, die scheinbar weder vor Autos, noch vor
uns Angst haben. Der tagelange Regen hat auch auf dem schön gelegenen Zeltplatz seine Spuren hinterlassen, denn alles steht unter Wasser. Es ist noch früh, und ein langer Gartenschlauch verführt mich, unsere
Räder und Taschen ordentlich abzuwaschen. So verschmutzen wir uns wenigstens nicht die Kabine auf dem Schiff der Hurtigrute, das uns morgen an Bord nehmen wird. Nun sind wir doch froh, dass das Radeln erst
einmal ein Ende hat. Tagelanges Fahren bei 5 bis 6 Grad und andauernder Nieselregen macht auch dem hartgesottensten Radler auf Dauer keine Freude.
Der Abschied am nächsten Tag ist eisig. Schnell noch einkaufen, Bargeld von der Post holen und dann warten wir nur noch auf die Harald Jarl. Mit
lautem Getute läuft das alte Postschiff in den Hafen von Hammerfest ein. Während wir die Räder an Bord hieven, machen sich einige der Passagiere auf, die kurze Liegezeit für eine Stadtbesichtigung zu nutzen. An
der Rezeption checken wir ein und bekommen unsere Kabine zugeteilt. Gespannt begeben wir uns unter Deck und schließen mit einer Lochkarte unsere Tür auf. Das ist sie nun, unsere Übernachtungsstätte für die
nächsten Tage auf See. Die Kabine ist mit einem doppelstöckigen Bett und einem kleinen Waschbecken ausgestattet. Doch zum Verweilen lädt die Grundfläche von ca. 2 Meter mal 1,5 Meter nicht gerade ein. Marion
sucht sich das untere Bett aus, und so muss ich nach oben kriechen. Das stellt sich als schwieriges Unterfangen dar, denn die Kabine ist so niedrig, dass man oben nicht aufrecht sitzen kann und sich beim
Hochklettern in die Koje rollen muss. Ich stelle mir gerade vor, wie das wohlbeleibtere ältere Menschen schaffen sollen. Die Taschen müssen unter das Bett geschoben werden und dann ist die Kabine auch schon
voll. Als nächstes steht eine schnelle Erkundung des Schiffes auf dem Programm, damit man sich wenigstens grob zurecht finden kann. Schon jetzt sind wir froh, eines von den älteren Schiffen gebucht zu haben. Im
Gegensatz zu den modernen großen Fähren haben die wenigen alten Schiffe noch ein eigenständiges Flair, das zurückhaltenden Luxus und warme Gemütlichkeit ausstrahlt. Bevor die Landgänger wieder an Bord kommen,
begeben wir uns in die Aussichtslounge im vorderen Teil des Schiffes. Wir haben Glück, denn es ist sogar noch ein Tisch mit zwei bequemen Sesseln direkt an einem großen Fenster frei. Wenig später legt die Harald
Jarl ab, um in 5 Tagen in Bergen anzulegen. Die Lounge ist bis auf den letzten Platz besetzt und wir werden von den Gästen, die schon seit sechs Tagen an Bord sind, als Neulinge erkannt. Wir haben zwar unsere
besten Sachen angezogen, doch was kann das schon bei Radlern sein, die sechs Wochen auf Tour sind? Neben uns werden wir argwöhnisch von Herrn und Frau Besondersfein aus den Augenwinkeln beobachtet und links von
uns glaubt Familie Nörgel auf dem falschen Dampfer zu sein. Viele der Gäste haben ein kleines Vermögen für eine komplette Reise von Bergen nach Kirkenes und wieder zurück bezahlt. Doch trotz einiger Ausnahmen
geht es nicht so fein wie auf einem Kreuzfahrtschiff, sondern betont leger an Bord zu. Trotzdem sind wir für viele die Exoten an Bord. Als wir dann unsere Tüte mit der Verpflegung und den Getränken auspacken
wollen, werden wir dezent darauf aufmerksam gemacht, dass der Verzehr von Speisen hier nicht gestattet ist. Da sitzen wir nun, schauen gerade auf das Meer, obwohl die sehenswerten Dinge an der Seite
vorbeihuschen. Irgendwie passt es uns hier nicht unter Deck. Die Luft ist warm und stickig, die Leute benehmen sich eigenartig distanziert und wir fühlen uns mehr wie im Sanatorium als auf einer Seereise. Sehr
zur Freude eines hinter uns in der zweiten Reihe sitzenden Ehepaares geben wir den Logenplatz an der Scheibe auf und suchen uns ein Plätzchen an Deck. Die warme Luft ist nach den vielen kalten Tagen mittlerweile
unerträglich für uns geworden, und so ist die frische Seeluft an Deck eine richtige Wohltat für uns. Am Heck des Schiffes ist eine Art großer nach hinten offener Wintergarten angebaut. An schönen Tagen müssen
die vielen Liegestühle wohl alle besetzt sein, doch bei zehn Grad und Regen sind wir allein. Von hier aus hat man eine exponierte Aussicht auf das Meer und die vorbeiziehende Küste. Das Glasdach und die beiden
gläsernen Seitenwände schützen vor Regen und Wind. Und da dieser Wetterschutz nach hinten offen ist, kann man ausgiebig bei freier Sicht die frische Luft genießen. Zwei Liegestühle zusammengestellt, und schon
ist eine bequeme Sitzfläche da, auf der man es stundenlang aushalten kann. Doch schon bald wird es doch zu frisch hier draußen, denn ohne Bewegung lässt es sich bei den niedrigen Temperaturen schlecht aushalten.
Da wir auf keinen Fall die nächsten Tage unter Deck verbringen wollen, müssen wir uns was einfallen lassen. Schließlich kommt Marion die rettende Idee. Wenig später sitzen wir wieder auf den gleichen Plätzen,
doch nun haben wir die warmen Isomatten als Unterlage und sind eingehüllt von unseren herrlich warmen Daunenschlafsäcken. So lässt es sich aushalten, jetzt fühlen wir uns wohl! Langsam gleitet die lange Küste
Norwegens an uns vorbei und nun können wir auch ohne Hemmungen endlich Brotzeit machen. Eigentlich ist es unverständlich, wie man ausschließlich die Zeit unter Deck verbringen kann, und dabei die vielfältigen
Eindrücke der Landschaft nur bei einem beiläufigen Blick aus dem Fenster wahrnimmt. Ab und zu kommen einige Gäste an Deck, nehmen sich eine warme Decke mit und setzen sich ebenfalls auf einen freien Stuhl. Doch
länger als eine halbe Stunde hält es keiner aus, denn es ist einfach zu kalt. Wir haben zwar den warmen Schlafsack, sind aber bestimmt in den letzten Wochen auch ein wenig abgehärtet von der kalten und feuchten
Luft. Nur wenige der Passagiere grüßen oder haben ein paar freundliche Worte für uns übrig. Stundenlang schauen wir den Möwen zu, die fast ohne jeden Flügelschlag das Schiff verfolgen. Unermüdlich scheinen sie
auf etwas Freßbares zu warten und drehen derweil ein waghalsiges Manöver nach dem anderen. Irgendwann ist es dann soweit, und der ganze Schwarm stürzt sich laut kreischend auf die ins Wasser geworfenen Abfälle
der Bordküche. Plötzlich schreckt uns ein fürchterliches Geräusch auf. Es hört sich fast so an, als schlage jemand Kochtopfdeckel immer wieder zusammen. Wir erfahren erst später, dass es sich hierbei um das
Startsignal für das Essen handelt, das über die Bordlautsprecher verbreitet wird. Viele Gäste haben Vollpension gebucht, und strömen nun in das Bordrestaurant. Die Küche der Hurtigrute ist zwar berühmt für
hervorragende Spezialitäten, aber uns war der Aufschlag auf die schon teure Kabinenpassage einfach zu groß. Stattdessen öffnet sich wieder unsere Provianttasche, die leckeres Obst, Yoghurt und andere leichte
Leckereien bereithält. „Bing-bong, hallo-hallo“ ertönt es aus dem Lautsprecher. Was ist denn nun los? Die Auflösung erfolgt in vier Sprachen. Ein geselliger Abend mit norwegischer Volksmusik vom Band wird
für den Abend angekündigt. „Bing-bong und hallo-hallo“ werden wir nun dauernd hören. Jeder Hafen, jede Veranstaltung an Bord und jede Sehenswürdigkeit am vorbeiziehenden Ufer wird so angekündigt. Damit ist
auch der passive Reisende immer auf dem Laufenden. Bis spät am Abend harren wir noch an Deck aus, bevor wir uns in die Koje legen. Zum erstenmal seit sechs Wochen ist es stockdunkel beim Schlafen. Das dezente
Brummen der großen Dieselmotoren hören wir schon bald nicht mehr. Leise rauscht die Aircondition und langsam schaukelt der Wellengang uns in den Schlaf.
Um acht Uhr werden wir wach, als der Kapitän zum Ausflug auf die Vesteralen bläst. Als wir durch das Schiff an Deck gehen, ist der Großteil der
Gäste bereits an Land, um mit einem Bus die Gegend zu erkunden. Fast durchgehend regnet es und vom nahen Ufer mit seinen hohen Bergen ist nicht viel zu sehen. Wir nehmen es im Gegensatz zu den anderen
Passagieren gelassen, denn die ganze Strecke haben wir schon abgeradelt. So stellen diese Tage auf See einen wunderbaren Ausklang der Reise dar. Im Gegensatz zu vielen anderen Reisen werden wir nicht durch einen
Flug aus dem jeweiligen Land katapultiert, sondern können in Ruhe die vielen Erlebnisse Revue passieren lassen. Bei der Ankunft in den Häfen ertönt das laute Horn, dass das Schiff ankündigt. Trotz des Regens
gehen die meisten der Passagiere in jedes der oft kleinen Hafendörfer, in denen es immer gleich aussieht und nichts zu sehen gibt. Doch für sie ist es eine willkommene Abwechslung vom Bordleben. Nach und nach
können wir nicht mehr ruhig sitzen, denn es kribbelt in den Beinen. Viel lieber würden wir nun wieder auf dem Rad sitzen, doch dafür reicht die Zeit nicht mehr. Wir schreiben den lange überfälligen Brief an
unsere Freunde in Australien, lesen den Baedeker Führer zum dritten Mal und verschicken nocheinmal einen Satz Postkarten an die Freunde daheim. Und doch müssen wir noch mehr als zwei Tage ausharren. Auch
viele der anderen Gäste scheinen sich ein wenig zu langweilen. Augenscheinlich ist die nächste Mahlzeit der jeweilige Höhepunkt der kommenden Stunden. Unterwegs sehen wir dann noch den Trollfjord aus nächster
Nähe, den Berg Thorgatten mit dem großen Loch in der Mitte, und schauen uns in aller Ruhe Trondheim. Zwei Nächte haben wir wenig geschlafen, da der Sturm die Wellen so hoch auftürmte, dass man kaum einen Schritt
laufen konnte. Entsprechend unruhig ging es dabei auch in der Koje zu. Die raue See beherrschte für viele Stunden unsere Sinne. Hin und her werden wir von unsichtbarer Kraft gerollt und an Schlaf ist beim besten
Willen nicht zu denken. Alle paar Minuten erwischt eine besonders hohe Welle das Schiff. In diesen Augenblicken kommen einem schon ernste Gedanken an die Schiffsunglücke der letzten Jahre. Doch die Schiffe der
Hurtigrute sind sicher. In dem pausenlosen Einsatz hat es in vielen Jahrzehnten nur einen einzigen Unfall gegeben.
Wie als Geschenk zum Abschied ist es am letzten Morgen warm geworden und die Sonne scheint von einem heiteren Himmel. Das erste Frühstück in der
Sonne seit langem bringt uns wieder wohltuende Wärme in die Glieder zurück. Zum letzten Mal sitzen wir nun an Deck und heute sind wir nicht allein. „Bing-bong, hallo-hallo“ die Harald Jarl nähert sich der
nächsten Sehenswürdigkeit. Allmählich werden die Leute unruhig, während wir das letzte Eis an Bord vertilgen. Obwohl es noch nicht soweit ist, laufen viele unruhig hin und her, schießen ein paar wahllose Bilder
von den vorbeigleitenden Schären und setzen sich dann wieder für einige Minuten hin. Wir lassen in Gedanken die Tage noch einmal Revue passieren. Obwohl es uns besser gefallen hatte, als angenommen, waren
uns die Tage doch zu lang vorgekommen. Zu ähnlich sind die Landschaften, zu wenig Bewegung hat man hier an Bord. So langsam reicht es uns und wir sind froh, als der Hafen von Bergen in Sichtweite kommt. Die
Räder stehen fertig gepackt an Deck und nachdem die eiligen Passagiere von Bord gegangen sind, schieben wir die Räder wieder auf festen Boden. Es ist geschafft. Wir haben unbeschadet die angeblich schönste
Seereise der Welt hinter uns gebracht.
Welch schönes Geräusch nach den ruhevollen Tagen eine sirrende Kette darstellen kann, hätten wir nicht gedacht. Jetzt fühlen wir uns wieder
richtig wohl. Heute zeigt sich dieses wunderbare Land noch einmal von seiner schönsten Seite. Wir nutzen die Zeit, um durch Bergen zu fahren, und dann wieder zu dem Zeltplatz, der schon für die erste Nacht unser
Ziel war. Nun, sechs Wochen nach dem Start ist es hier im Süden schon wieder früher dunkel.
Morgen sitzen wir wieder in der Maschine nach Hamburg. Doch die Erinnerungen an dieses beeindruckende Land werden so schnell nicht verblassen.
3200 Kilometer sind wir fast immer auf ruhigen Straßen einsam in Richtung Norden unterwegs gewesen. 31 Fähren sorgten fast täglich für eine Abwechslung und Pause vom Radfahren. Auch das Wetter war mit
sommerlichen Temperaturen und kalten Tagen abwechslungsreich wie nie. Eine grandiose Landschaft hat uns mit Fjorden, Bergen, Gletschern und öden Hochebenen begleitet. und wir wissen genau, dass wir irgendwann
wieder in das Land der Elche und Trolle fahren werden. Harder!
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